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Formel 1: Timo Glock : Das Leben ist keine Gerade

  • -Aktualisiert am

„Meine Karriere hätte auch ganz schnell zu Ende sein können”: Timo Glock bleibt optimistisch Bild: dpa

Ein Auto, das nicht für eine volle Grand-Prix-Distanz konzipiert war. Drei Ausfälle in vier Rennen beim Teamkollegen. Vier eigene Ausfälle. Die Bilanz beim Virgin-Team müsste Timo Glock eigentlich frustrieren. Doch der Kämpfer der Szene verliert nicht den Mut. Glock hat keine Chance - und kämpft weiter.

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          „G, SU, SP, E.“ Hinter diesen Buchstaben verstecken sich englische Begriff für Details rund um die Formel 1: G ist das Kürzel für Gearbox (Getriebe), SU für Suspension (Aufhängung), SP für Spin (Dreher), E für Elektronic. Rennfahrer sehen diese Lettern nicht gerne in ihrer eigenen Statistik. Denn G, SU, SP, E stehen in der Statistik von Timo Glück für eine hundertprozentige Ausfallquote in den ersten vier Grand Prix der neuen Saison.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          „Rennen?“, fragt Glock amüsiert zurück. „Lassen wir uns lieber von der Teilnahme am Qualifikationstraining reden.“ Da war der Hesse regelmäßig dabei mit seinem „Virgin“, dem Namen für seinen allzu jungfräulichen Boliden. „Jedes Mal in der Pole-Position unter den drei neuen Teams“, sagt Mercedes' Sportchef Norbert Haug. Nur im Rennen kam Glock bislang nie ins Ziel. Wegen eines Getriebeschadens, einer gebrochen Aufhängung, wegen eines Drehers und eines Elektronikdefektes.

          Eigentlich ist diese Ausfallquote, fügt man noch die drei seines Teamkollegen Lucas di Grassi hinzu, für einen etablierten Rennfahrer schon ein guter Grund, in die Luft zu gehen. Aber Glock hielt sie selbst an, als er feststellte, dass sein neuer Dienstwagen gar nicht für eine Grand-Prix-Distanz (rund 300 Kilometer) konzipiert war. Jedenfalls reichte die maximal mögliche Benzinfüllung nicht für eine Vollgastour ins Ziel. Das Nachtanken ist seit dieser Saison verboten.

          Da ist er dabei: Timo Glock im Training in Melbourne
          Da ist er dabei: Timo Glock im Training in Melbourne : Bild: AP

          Insofern wird Virgin an diesem Sonntag beim Großen Preis von Spanien vor den Toren von Barcelona den (relativ) größten Schritt von allen Teams machen: Mit dem Auftakt in Europa muss der Odenwälder nicht mit bangem Blick auf die Benzinuhr schauen und das Gemisch verdünnen. Glock hat im fünften Versuch eine realistische Chance, nicht wegen Benzinmangels auszurollen. Virgin verpasste dem Boliden auch einen neuen Unterboden, hier und da neue, am Computer geformte Teile, die ohne Umweg durch den Windtunnel gleich in Produktion gingen und das Auto beflügeln sollen. „Die Daten sind vielversprechend“, sagte Glock am Donnerstag in Barcelona.

          „0,6 Sekunden sind sicher“

          Im Gegensatz zu den Kollegen bis hinauf zum Branchenführer Red Bull wagt er sogar eine Beschleunigung vorauszusagen: „0,6 Sekunden pro Runde sind schon sicher.“ Allerdings gehört wenig Zauberei dazu. Die sichere Steigerung um gut halbe Sekunde verdankt Glock einer Verfeinerung des Benzinfördersystems. Es saugt nun den Betriebsstoff fast bis zum letzten Tropfen aus der Tiefe des Boliden und stellt nicht etwa vorher den Versorgungsdienst ein. Eigentlich ein Standard.

          Aber während Schumacher und Co. mit fast leerem Tank zu den ersten beiden K.o.-Runden des Qualifikationstrainings antraten, kam Glock immer schwer beladen wie ein Tankwagen daher: „25 Kilogramm Benzin mussten wir drin haben.“ Macht eine Verzögerung wegen Übergewichtes pro Runde von 0,6 Sekunden. Glock würde nie über die Lippen kommen, was alle Beobachter denken: Die erste Vorstellung der klugen Köpfe hinter dem Projekt des Milliardärs Richard Branson wirkte dilettantisch. Und Glock wie verloren nach seinem weitgehend überzeugenden Auftritt in den vergangenen beiden Jahren im Toyota. Hatte er nicht bessere Perspektiven?

          „Wir haben die Ruhe behalten“

          Sauber wollte ihn verpflichten, Renault war interessiert. Jener Rennstall, für den Robert Kubica in China Fünfter, in Malaysia Vierter, in Australien gar Zweiter wurde. „Aber als ich mich entscheiden musste“, sagt Glock, „war nicht mal sicher, ob diese Teams überleben würden. Meine Karriere in der Formel 1 hätte auch ganz schnell zu Ende sein können.“ Glocks Perspektive hat sich verändert. Die Einstellung aber ist geblieben: Kampf um jede Zehntelsekunde.

          Nicht nur notgedrungen hält er den modernen Ansatz des Vordenkers Nick Wirth für die Zukunft des Rennwagenbaus. Das virtuelle Konstruieren und unmittelbare Umformen der Berechnungen spart Zeit und Geld. Und die Atmosphäre bei Virgin zerrt nicht an den Nerven. „Wir haben keine Panik gemacht, sondern Ruhe behalten und werden uns Schritt für Schritt steigern“, sagt Glock. Hinten, am Ende des Feldes, aber gerät man erst aus dem Blick und dann aus dem Sinn der Großen.

          Bessere Chancen im Regen? Nicht im Virgin

          Es sei denn, den Hinterbänklern gelingt ein Coup. Wenn die Großen patzen, wenn Wind und Wetter die Formel 1 durcheinanderschüttelt. Doch der 28 Jahre alte Pilot aus Wersau winkt ab: „Wir sind immer am Limit. Wir haben zu wenig Downforce (Anpressdruck). Dann ist das Auto schwer zu fahren.“ Bei Regen lassen sich Rennwagen wie der Virgin noch schwieriger auf der Piste halten. Was den in der Szene als ausgesprochenen Kämpfer bekannten Glock nicht davon abhält auf die Befreiung aus ähnlich schwierigen Situationen hinzuweisen. In der GP2 fuhr er einst für ein mehr oder weniger hoffnungsloses Team in Monaco.

          Von Rang 17 schoss er auf Platz vier vor, bevor ihn ein Getriebeschaden aus dem Rennen warf: „Da habe ich zu Hause angerufen und meinem Vater gesagt: Das war es. ,Reservier' mir mal einen Platz.'“ Doch der Weg führte nicht zurück ins Geschäft der Eltern. Drei Tage später bekam Glock einen Ruf von einem starken Rennstall. Und so wurde der Gerüstbauer mit Kraftausdauer für schwierige Aufstiege doch noch GP-2-Meister: „Mein Weg ist noch nie eine Gerade gewesen.“

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