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Formel-1-Testfahrten : Höhenflug im Silberpfeil

Schnell und zuverlässig: Rosbergs Mercedes scheint in der Spur Bild: AFP

Die internen Umbaumaßnahmen bei Mercedes entfalten Wirkung: Bei den letzten Testfahrten der Formel 1 fährt Rosberg Bestzeit. Weltmeister Vettel und Red Bull kaschieren ihre Stärke.

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          Es war schon spät, als Sebastian Vettel vor die Kameras trat: „Das Auto fühlt sich gut an, es macht das, was ich will“, sagte der Weltmeister. „Wir sind viel weiter als noch vor einem Jahr zum gleichen Zeitpunkt.“ Das ist das Gefühl, mit dem der Fünfundzwanzigjährige die Testfahrten auf dem Circuit de Catalunya verließ. Die Hauptarbeit ist getan, bis zum Saisonauftakt der Formel 1 in Australien (17. März) wird Vettel noch einige Runden im Simulator in der Red-Bull-Rennwagenfabrik in Milton Keynes drehen - dann wird es ernst. Der Bolide mit der Typennummer RB9 ist eine Evolution des Vorjahresmodells, das Vettel in der zweiten Saisonhälfte 2012 zum dritten Titel in Serie verholfen hat. „Sebastian ist noch stärker als im letzten Jahr“, behauptet Helmut Marko, Motorsportdirektor bei Red Bull: „Denn jetzt kommt zum Speed und zur Rennintelligenz die Abgeklärtheit dazu.“

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Abermals gehen Red Bull und Vettel als Favoriten in die Saison, dabei haben sich die beiden Fahrer in der Vorbereitung mit Bestzeiten zurückgehalten. Abend für Abend saßen die Experten der verschiedenen Teams während der Tests in ihren mobilen Kommandozentralen an der Strecke und fütterten ihre Simulationsprogramme auch mit Rundenzeiten und Reifendaten der Gegner. Mit speziellen Algorithmen sollte berechnet werden, wer wann mit welcher Benzinmenge unterwegs war, wer also ein ernstzunehmender Gegner ist. Es gibt kaum etwas, das die Spezialisten für die Aerodynamik, die Abstimmung der Rennwagen oder die Einstellung des Motors nicht beeinflussen wollen - dem Wetter allerdings bleiben sie ausgeliefert.

          Und so schauten Ingenieure und Mechaniker am vergangenen Donnerstag und Freitag vor jeder Garage immer wieder missmutig zum Himmel, weil der Regen nicht enden wollte. Erst als am Samstag und Sonntag die Sonne über der Strecke stand, kam Bewegung in das Versteckspiel. Die Muskelspiele begannen. Und die Experten gerieten ins Staunen.

          Plötzlich ist Mercedes vorne

          Auf einmal könnte ein Team vorne mitmischen, das zuletzt keiner auf der Rechnung hatte: Mercedes. Am Samstagvormittag brauchte Lewis Hamilton 1:20,558 Minuten für seine schnellste Runde, am Sonntag unterbot Teamkollege Nico Rosberg die Vorgabe noch einmal deutlich (1:20,130). Eine Zeit, die rund zwei Sekunden unter der Marke lag, die Pastor Maldonado (Williams) 2012 für die Pole Position beim Großen Preis von Spanien gereicht hatte. „Ich denke, wir können irgendwann in dieser Saison definitiv ein Rennen gewinnen“, sagte Hamilton. Noch vor wenigen Wochen hatte der 28 Jahre alte Brite dies kategorisch ausgeschlossen.

          Das Zeigefingerzeichen kennt man sonst von Vettel - nur dreht er die Hand anders als Rosberg

          Der Branchenführer gab sich trotz der Schnelligkeit und der Standfestigkeit von Mercedes unbeeindruckt. „Das sind Testfahrten“, sagte Red-Bull-Teamchef Christian Horner. „Wir werden erst in Australien wissen, was das alles wirklich wert ist.“ Eines aber zeigt sich schon: Die internen Umbaumaßnahmen bei Mercedes entfalten Wirkung. „Es war klar, dass wir mit dem, was wir vorher hatten, nie ganz nach vorne kommen würden“, sagte Rosberg. „Der Wechsel war notwendig. Und den Effekt kann man schon sehen.“ Nicht nur die Zeiten über eine Runde geben Anlass zur Hoffnung, auch die Rennsimulationen sehen vielversprechend aus. Teamchef Ross Brawn allerdings ist vorsichtig: „Letztes Jahr waren wir in Barcelona auch gut“, sagte der Achtundfünfzigjährige: „Als wir dann in die Wärme gekommen sind, haben wir Probleme mit den Reifen bekommen. Ich glaube erst dran, wenn wir auch in Melbourne und Malaysia gut sind.“

          Nur das Wetter können die Renn-Ingenieure nicht selbst machen: Missmut im Regen von Barcelona

          Ein paar Meter weiter, im Zelt von Ferrari, waren sie mutiger mit ihren Prognosen. „Mit diesem Auto kann ich Weltmeister werden“, behauptete Fernando Alonso. Die Zeiten bestätigten ihn: 1:20,494 Minuten brauchte der Spanier am Sonntag für seine beste Tour auf dem Circuit de Catalunya. Er lag damit zwar hinter Rosberg aber deutlich vor Vettel (1:22,514). „Letztes Jahr waren wir am Anfang völlig verloren. Wir haben noch nicht einmal unsere Probleme verstanden“, sagte Alonso: „Auch wenn das Auto im Moment vielleicht noch nicht das schnellste ist, wir haben die Basis, um es dorthin zu bringen. Wir sind 200 Mal besser vorbereitet als vor einem Jahr.“ Doch nicht alles funktioniert: Am Samstag blieb Felipe Massa mit seinem Ferrari liegen, beim Anbremsen hatte sich das linke Vorderrad gelöst. Fehler, die sich die Scuderia während der Saison nicht erlauben darf.

          Die Spitze wird dichter zusammen rücken

          Weil das Reglement weitgehend stabil geblieben, die Entwicklung der Autos beinahe an der Leistungsgrenze angekommen ist, wird die Spitze dichter zusammenrücken und mehr Druck auf Red Bull ausüben: So will Lotus mit Kimi Räikkönen erstmals eingreifen in den Kampf um die WM. Die letzten Tests allerdings waren ernüchternd. Erst legte den Finnen - nach Angaben des Teams - eine Lebensmittelvergiftung flach, dann brachten Getriebeprobleme das Testprogramm durcheinander; McLaren hat zwar Spitzenfahrer Hamilton verloren und muss auch auf Technik-Chef Paddy Lowe verzichten, tritt im Gegensatz zu allen anderen Rennställen aber mit einer Neukonstruktion an. Die Ingenieure brauchen noch Zeit, um das Auto zu verstehen, allerdings könnte der MP4-28 im Verlauf der Saison den größten Raum für Entwicklungen bieten. „Die Saison geht über 19 Rennen und ist nicht nach vier Grand Prix vorbei“, sagte Jenson Button.

          Am Sonntagvormittag flog Dietrich Mateschitz nach Barcelona. Der Red-Bull-Gründer und Teambesitzer wurde durch die Garage geführt, er lächelte und der Stolz war ihm anzusehen. Sein Team wird von den anderen noch immer gefürchtet und bewundert. Dabei blufft Red Bull, niemand weiß, wie schnell der Wagen ist. Vettel kann das nur recht sein.

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