https://www.faz.net/-gtl-ohjc

Formel 1 : "Suche gute Fahrer, zahle wenig"

  • -Aktualisiert am

Schwere Zeit für Ralf Schumacher: Viele Fahrer wollen zu Williams Bild: dpa/dpaweb

Ein neuer Trend im Motorsport: Weil der Formel 1 magere Jahre drohen, werden die Zeiten für arrivierte Piloten hart.

          3 Min.

          Willi Weber ist wieder präsent. In Melbourne, zum Auftakt der Formel-1-Saison, stiefelte der Manager der Gebrüder Schumacher schon tagtäglich durch das Fahrerlager. Nun fühlt er auch in Malaysia seinen Kunden den Puls. Das war zuletzt nicht mehr so häufig der Fall.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Warum sollte der Fahreragent sich auch einmischen, wenn es nichts zu verhandeln gibt? Und so wird die verstärkte Anwesenheit des gewieften Kaufmanns in der Branche als untrügliches Zeichen gewertet: Es bewegt sich etwas auf dem Pilotenmarkt.

          Das Rennen neben den Rennen ist eröffnet

          Vor ein paar Jahren noch drehte sich während der ersten Rennen alles um Form und Fassung der Boliden. Jedenfalls behaupteten die Teambesitzer, allenfalls im Frühjahr zu verhandeln und im Sommer die Verträge zur Unterschrift vorzulegen. Nun hatte Juan Pablo Montoya schon lange bevor er zum ersten Grand Prix der Saison in seinen BMW-Williams kletterte, einen Vertrag mit McLaren-Mercedes in der Tasche.

          Seit der Kolumbianer oder seine Entourage im vergangenen Sommer das erste Gerücht über diesen Coup streute - wahrscheinlich um einen kurzfristigen Wechsel noch für diese Saison provozieren zu können -, ist das spannendste Rennen neben den Rennen eröffnet. Was geschieht mit dem altgedienten McLaren-Mann David Coulthard? Hat der Jaguar-Pilot Mark Webber eine Chance, Montoya bei Williams zu ersetzen, oder kehrt der britische BAR-Pilot Jenson Button zurück zu seiner ersten Formel-1-Station?

          Sparen, was zu sparen ist

          "Unsere Autos sind so gut", sagt der Technische Direktor Patrick Head, "daß wir eine große Nachfrage registrieren und nicht jeden Preis bezahlen müssen." Das war nicht auf Ralf Schumacher gemünzt, trifft aber den Kern des Problems bei den Verhandlungen um eine Verlängerung der Zusammenarbeit mit dem Rheinländer. Das erste Angebot von Williams, auf fast die Hälfte des derzeitigen Gehalts (geschätzte zwölf Millionen Dollar) zu verzichten und statt dessen mit Erfolgsprämien sein Grundgehalt zu steigern, nahm Schumacher zwar an. Aber zu seiner "Enttäuschung" zog Williams die Offerte zurück und legte ihm einen neuen Vorschlag auf den Tisch.

          Nun soll er nochmal auf 50 Prozent seines fixen Einkommens verzichten. Dafür würde ihm Williams Siege vergolden. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt der kolportierten Details ist eine Tendenz in der Formel 1 unübersehbar. Alle Teamchefs versuchen im Vorgriff auf die zukünftig mageren Jahre zu sparen, was zu sparen ist.

          So reicht Williams nur weiter, was BMW dem britischen Partner in den neuen Vertrag schrieb: Den Briten droht von 2005 an eine massive Mittelkürzung, weil der Motorenlieferant seine Extrazahlungen reduziert. Im Erfolgsfall stünde Williams allerdings ein Bonus zu.

          Fehlende Mittel der Tabakkonzerne

          Andere Rennställe wie Ferrari, McLaren-Mercedes, Renault, BAR und Jordan trifft der nun absehbare Ausstieg der Zigarettenindustrie ins Mark. Zum 1. August 2005 will die Europäische Union die Werbung vollends untersagen. Selbst eine durchaus mögliche Verschiebung des Verbots um ein Jahr entspannte die finanzielle Lage kaum. Und so treten selbst die Bosse der großen Teams mit einer neuen Parole auf den Fahrermarkt: "Suche gute Fahrer, zahle wenig."

          Vielleicht hat David Coulthard eine Chance, bei Toyota als Nachfolger des in die Jahre gekommenen Olivier Panis noch einmal kräftig zu verdienen - als eine Art Entwicklungshelfer bei den nach wie vor bestens betuchten Japanern. Wer aber für Montoya bei BMW-Williams Platz nehmen darf, wird diese Chance als geldwerten Vorteil würdigen und nicht auf Millionen pochen.

          Wieder eine begabter Franzose im französischen Team?

          Zu den interessierten wie interessanten Kandidaten zählen Jenson Button (BAR), falls dessen Team Ende Juli nicht zu den besten fünf Rennställen in der Konstrukteurswertung gehört, sowie Jaguars Chefpilot Mark Webber. Allerdings hat Williams auch ein Auge auf einen gewissen Scott Dixon geworfen. Der Neuseeländer steuert zur Zeit in der Indy Racing League einen Wagen des alten Williams-Vertrauten Chip Ganassi. Ende des Monats wird er von Williams getestet.

          Bei Renault wiederum darf sich Frank Montagny Hoffnungen machen, falls Jarno Trulli den Rennstall verlassen müßte und Webber bei Williams landete. Mit dem Testfahrer säße nach Jahren wieder eine begabter Franzose in einem französischen Team. Und das für kleines Geld.

          Schwere Zeiten für die Manager

          Der Trend, die Lücken mit erfolgshungrigen, aber (noch) anspruchslosen Piloten zu besetzen, erleichtert den Managern arrivierter Piloten nicht gerade die Suche nach einem Arbeitsplatz. So laufen sie in Malaysia bei brütender Hitze schweißgebadet durch das Fahrerlager. Martin Brundle antichambriert für Coulthard. Auch Craig Pollock ist wiederaufgetaucht. Obwohl Jacques Villeneuve nicht mal mehr diesjährigen Fahrerpersonal gehört. Oder ist der Schotte vielleicht gerade deshalb so früh auf der Pirsch?

          Nur einer dreht alleine seine Runden. Nick Heidfeld, im schlingernden Jordan auf einer schwierigen Bewerbungstour für ein akzeptables Cockpit 2005, muß sich selbst vertreten. Sein Manager Werner Heinz ist in der Heimat geblieben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sieht den Fehler nicht bei sich: Olaf Scholz Ende April

          Cum-Ex : Schweigen über Steuertricks

          Alle Parteien begrüßen die höchstrichterliche Entscheidung zu Cum-ex, da die verwerfliche Praxis doch den Staat Milliarden gekostet hat. Der Bürger darf sich weiterhin fragen, wie es dazu kommen konnte.
          Guckloch: Blick auf die Altstadt Jerusalems mit dem Tempelberg

          Muslimisch-Jüdischer Dialog : Koscher oder halal?

          Ein muslimisch-jüdisches Paar bietet Anlass zu Projektionen. Ihre Ehe ist kein politisches Projekt – und führt doch in etliche Konfliktfelder. Davon berichten unsere beiden Kolumnisten von nun an in „Muslimisch-jüdisches Abendbrot“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.