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Formel 1 : Stier und Steuermann

  • -Aktualisiert am

Zugespitzt: Sebastian Vettel spielt mit der Konkurrenz Bild: dapd

Alle schauen vor dem Saisonfinale in Abu Dhabi gebannt auf Sebastian Vettel. Wird er Webber zum Weltmeister machen? Der Sieger von Brasilien könnte schließlich sogar stärker sein als der neue König.

          3 Min.

          Er wollte partout nicht. Sebastian Vettel zog seine Antwort in die Länge. Er analysierte die Lage, beschrieb akribisch den Ablauf beim Finale der Formel 1 am kommenden Wochenende in Abu Dhabi, Schritt für Schritt von der Ankunft bis zum Rennstart. Die Kernfrage aber ließ der Red-Bull-Pilot unbeantwortet: Wird der Sieger des Großen Preis von Brasilien beim letzten Grand Prix des Jahres für seinen Teamkollegen Mark Webber fahren? „Als Kind habe ich es nie gemocht, wenn mich meine Eltern ärgerten, wenn sie auf meine Frage keine Antwort geben wollten“, sagte Vettel schließlich und lächelte: „Jetzt befinde ich mich in der Position, in der ich euch ärgern kann.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Vettel hat die Macht. Seine Crew hat ihn auf Schultern getragen nach dem vierten Triumph des Hessen in dieser Saison. In São Paulo gewann er vor Webber und Fernando Alonso im Ferrari. Ein Stündchen nach dem Doppelerfolg für Red Bull traf sich die Mannschaft in der Box zum Gedenkfoto für den ersten Sieg von Red Bull in der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft. Der Heppenheimer ragte heraus. Er trug eine rote Mütze, die den Kopf eines Stiers stilisiert. Das aus Japan eingeflogene Geschenk eines Fans trägt weiße Hörner. Die Spitzen sind blutrot. Das passte zum Bild des Tages.

          Hatte Vettel nicht gerade vor bis zu neun Millionen Fernsehzuschauern allein bei RTL alle Nebenbuhler in der Arena aufgegabelt? Sie mussten jedenfalls bluten. Denn Vettel spielte mit der Konkurrenz, kontrollierte das Rennen vom ersten bis zum letzten Meter. Der Australier Webber kam nie in Schlagdistanz. Alonso verstand nach den Überholmanövern vorbei an Lewis Hamilton (McLaren/4.) und Nico Hülkenberg (Williams/8.), auf wessen Terrain er sich bewegte: „Ich hatte keine Chance. Platz drei ist das Maximum gewesen.“

          Bestechende Form, zentrale Position: Sebastian Vettel könnte selbst König werden - oder Königsmacher

          Trotz der Annäherung des Red-Bull-Duos an den Führenden der Fahrerwertung haben sich die Chancen des Spaniers, zum dritten Mal Weltmeister zu werden, nicht wesentlich verschlechtert. „Sie haben uns heute einen großen Gefallen getan“, rief Ferraris Pressesprecher Luca Colajani Journalisten bei seiner obligatorischen Medientour nach fast jedem Grand Prix zu: „Fernando hat es jetzt selbst in der Hand. Die Red-Bull-Fahrer brauchen Schützenhilfe.“ Alonso führt in der Fahrerwertung (246) mit acht Punkten vor Webber (238) und 15 vor Vettel (231). Deshalb reicht ihm Platz zwei für den nächsten Titel.

          Vettels Form ist bestechend

          Das wäre nicht der Fall, wenn Red Bull am Sonntag eine (verbotene) Stallorder zu Gunsten Webbers inszeniert hätte, so wie Ferrari in Hockenheim Alonso an dessen Teamkollegen Felipe Massa vorbei lotste. Falls der Asturier also wieder so stark auftritt wie im Rennen von São Paulo - dafür spricht vieles -, dann dürfte Webber selbst bei einem Sieg auf die Hilfe von Vettel angewiesen sein. Und zwar auf dessen guten Willen. „Wir haben immer gesagt, dass wir sportlich unterwegs sind, es soll auf der Piste ausgetragen werden“, sagte der Red-Bull-Berater und Vettel-Förderer Helmut Marko nach dem vierten Saisonsieg des Hessen: „Eine Teamorder kommt für uns auch in Abu Dhabi sicher nicht in Frage.“

          In dieser Konstellation nimmt Vettel die zentrale Position ein. Seine Form ist bestechend. Ohne den Motorschaden in Südkorea würde er die WM-Wertung souverän anführen, hätte in den vergangenen fünf Rennen einen besseren Punkteschnitt erzielt als der zwar auf Rosen gebettete, aber zweifellos brillant fahrende Ferrari-Star Alonso. Und so schauen sie alle gebannt auf den 23 Jahre alten deutschen Jüngling im Kreis der drei aussichtsreichsten WM-Kandidaten. Vettel ist mit kleinem Vorsprung vor dem 34 Jahre alten Webber der Favorit für den Sieg in Abu Dhabi. Er will sich in Position bringen für die Wiederholung des Erfolges von 2009. „Das ist mein Ziel, ganz klar“, erzählte er nach der prickelnden Dusche auf dem Podium mit Champagnergeschmack auf den Lippen: „Dann sehen wir weiter.“

          Bloß kein Signal der Schwäche senden

          Siegertypen sträuben sich mit Händen und Füßen gegen jede Unterordnung. Ein vorzeitiges Einlenken kommt ihnen wie ein Bremsmanöver vor, wie ein Zeichen von Schwäche, wie ein Signal an den Gegner, die entblößte Flanke anzugreifen. Auch Vettel ließ am Sonntag keine negativen Gedanken zu. Er konnte also eine Woche vor dem Höhepunkt der Saison keine konkrete Antwort geben, ohne sein Selbstverständnis in Frage zustellen. Und doch wird er in Abu Dhabi innerhalb von Sekundenbruchteilen wissen, was zu tun ist, falls der WM-Titel für ihn verloren sein sollte: „Ich bin ja auch in die Schule gegangen.“

          Wo man lernen kann, mit einem Rücktritt einen Sprung nach vorne zu machen. Vettel könnte Platz machen für den Teamkollegen und doch an Webber vorbeiziehen, das gesamte Team auf sich einschwören, seine Kritiker im Formel-1-Stammland England mundtot machen, sogar auf seine Seite ziehen. Vettels verbales Ausweichmanöver steigert zusammen mit dem nächsten Freifahrtschein von Red-Bull also nicht nur die Spannung. Es dient vor allem dazu, im Wettrennen bis in die letzte Runde als Steuermann aufzutreten, alles selbst zu bestimmen vor den Augen der Welt. Jeder begriffe, wer stärker als der neue König wäre: der Königsmacher.

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