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Formel 1 : Sonderprüfung für die Zukunft

  • -Aktualisiert am

Reflektionen in Barcelona: Gelingt Michael Schumacher ein Satz nach vorne? Bild: AFP

Michael Schumacher kommt mit seinem runderneuerten Mercedes dichter an die Spitze heran. Vor dem Grand Prix in Spanien aber gilt Sebastian Vettel im Red Bull weiter als großer Favorit.

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          Die Formel 1 schwelgt im Überholrausch. Gut 150 Mal ist seit dem Saisonstart Mitte März irgendein Bolide am anderen vorbeigeschossen. Neuerdings werden Teamkollegen sogar bei der Einfahrt zur Boxengasse verdrängt. Alle zwei Grand-Prix-Minuten, jubelt nun das Fachblatt „Autobild-Motorsport“ über das heitere Wechselspiel, erfüllt der Kreisverkehr den Herzenswunsch des Fans. Und das trotz einer düsteren Prognose nach dem öden Auftakt in der Wüste von Bahrein. Der Ruf nach massiven Regeländerungen verhallte.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Weil ein bisschen Wind und Wetter auf den Stationen in Malaysia und China einen besonders erfrischenden Wirbel machte. Auf die nächste Laune der Natur hoffen die Spekulanten auch an diesem Wochenende. Beim Großen Preis von Spanien am Sonntag vor den Toren von Barcelona soll es regnen. Das wäre ein Segen. Weil auf dem unspektakulären Circuito de Catalyuna das alljährliche Formel-1-Treffen in der Regel wie eine Wallfahrt abläuft. Von Anfang bis Ende in Reih und Glied, mit Vollgas in Prozessions-Ordnung. Trotzdem zieht es die Rennställe und ihre Steuerkünstler immer wieder nach Katalonien. Weil es so spannend ist.

          Verkehrte Welt? Nein, zum Auftakt der Europasaison nach den Überseerennen gibt es für die Piloten eine ehrliche und wegweisende Antwort auf die entscheidende Frage: Wie gut ist mein Rennwagen? „Auf dieser Piste wird die Gesamtleistungsfähigkeit eines Autos sehr gefordert“, sagt Mercedes-Sportchef Norbert Haug. In Barcelona, so die Erfahrung der vergangenen Jahre, werden erhoffte oder befürchtete Trends bestätigt.

          Frage der Linienführung: bleibt Nico Rosberg in der Spitze?
          Frage der Linienführung: bleibt Nico Rosberg in der Spitze? : Bild: dpa

          Erstmals nach den ersten vier Rennen in Übersee hatten die Teams in den eigenen Fabriken Zeit, ihren Kurs zu korrigieren. Die Vorfahrt in Barcelona mit leicht veränderten oder runderneuerten Boliden ist also eine Sonderprüfung für die Zukunft. Jetzt schauen sie alle, wohin die Reise geht für Mensch und Maschine: Gelingt Michael Schumacher schon ein Satz nach vorne, macht sein Team Mercedes den erhofften Sprung, bleibt Nico Rosberg in der Spitze, wird Ferrari-Star Fernando Alonso seinen Attackenplan umsetzen, überflügelt McLaren den Branchenführer, oder setzen Sebastian Vettel und Red Bull ihre Überlegenheit in einen zweiten Sieg um?

          Die Trainings-Ergebnisse bestätigen die Hackordnung

          Um offizielle Einschätzungen drückten sich die meisten Teams am Freitag mit Hinweis auf die Auswertung der Datensätze. Die Ergebnisse der ersten beiden Trainingsstunden aber bestätigten die Hackordnung: Red Bull bestimmte am Nachmittag das Tempo. Aber dann kam Schumacher als jeweils Dritter um die Ecke: „Es ist klar zu erkennen, dass Michael mit unserem überarbeiteten Auto deutlich besser und vor allem schneller unterwegs war als zuletzt“, sagte Haug. Zum gleichen Zeitpunkt lächelte sein Teamchef Ross Brawn. Die Arbeit scheint sich gelohnt zu haben. Wie kein anderes Team der Beletage hatte Mercedes den Boliden umbauen müssen. Eine Radstandsverlängerung um sieben Zentimeter - sie bietet den Piloten mehr Spielraum bei der Gewichtsverteilung - hätte sich vor ein paar Jahren wohl kaum jemand getraut ohne aufwendige Testfahrten. Die Computersimulation macht es möglich.

          Gelassen, mit den Händen in den Taschen, hatte Brawn am Donnerstagabend in der Box das heikle, viel diskutierte Lifting am Objekt beschrieben. Die Aufholaktion verband der Rennstall allerdings mit einer überraschenden, auffälligen Modernisierung. Erstmals in der Formel 1 hat Mercedes den Lufteinlasskanal direkt hinter dem Fahrer gespalten und herabgesetzt. Damit steht die sogenannte Airbox, die den Motor mit Luft versorgt, nicht mehr so stark dem Fahrtwind im Wege, erlaubt also eine bessere Anströmung des Heckflügels und verursacht weniger Luftwiderstand. Das Fazit der Fahrer: Ihr Mercedes ist schneller geworden.

          „Es gibt keinen Spielraum mehr für Fehler“

          Brawn hatte sich einen Fortschritt von 0,3 bis 0,5 Sekunden ausrechnen lassen. Das hätte gereicht, um die Schnellsten einzuholen. Wenn denn die Formel 1 auch im Stand nicht so schnell unterwegs wäre. „Alle guten Teams haben neue Teile am Auto. Das wird am Samstag beim Qualifying hochinteressant“, kündigte Hamilton an. Red Bull, McLaren und Ferrari mussten nicht wie Mercedes (oder Timo Glocks Virgin am Ende des Feldes) radikal eingreifen. Die Teams mit dem besten (Red Bull), dem fortschrittlichsten (McLaren) und dem ersten Siegerauto der Saison (Ferrari) übten sich im Feinschliff rund um die Karosse.

          Ihre Schwäche lag bislang woanders. Falsche taktische Entscheidungen, Defekte und Ferraris (inzwischen angeblich gelöste) Motorprobleme nutzte Mercedes-Mann Rosberg zu einem beeindruckenden Ritt auf Rang zwei der Fahrerwertung hinter Button. Weil sich der mit 24 Jahren Jüngste im Kreis der etablierten wie honorierten Piloten bislang kaum ein Missgeschick erlaubte: Mensch gleicht Maschine (der anderen) aus. Deshalb glaubt der ehrgeizige Frühstarter von China, Alonso, an einer Verschärfung des Wettlaufs auf der Prozessionsplattform in seiner Heimat: „Eines ist klar: Es gibt keinen Spielraum mehr für Fehler in den nächsten Rennen.“

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