https://www.faz.net/-gtl-7woqt

Skandal beim Formel-1-Finale : Das hat Hamilton nicht verdient

  • -Aktualisiert am

Mit dem Union Jack obenauf: Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton Bild: Reuters

Zum grandiosen Finale der Streit-Saison beschert sich die Formel 1 einen Skandal. Diesen würdelosen Rahmen hat Weltmeister Lewis Hamilton nicht verdient. Die Formel 1 ist grotesk führungslos.

          2 Min.

          Dieser Titel hat einen besonderen Wert. Seit 26 Jahren hatte es nicht mehr ein so hartes und enges Duell um die Krone der Formel 1 gegeben. Das lag an der Konstellation im Mercedes-Rennstall: Der neue Weltmeister Lewis Hamilton ist nur um Nuancen schneller gewesen als der nun traurige Zweite Nico Rosberg.

          Er hat Rosberg einen Kampf über 19 Grands Prix geliefert, hat ihn nach großem Rückstand eingeholt, überholt und trotz des großen Drucks in Abu Dhabi im entscheidenden Moment die Nerven behalten. Nur bei technischen Defekten geriet in diesem Wettlauf das Auto mal ins Gerede. Ansonsten spielte die komplizierte Welt unter der Haube keine Rolle. In der identischen Maschine kam es auf das Fahrgefühl, die Intelligenz, die Nervenstärke, auf den Menschen an. Der Titel lässt sich also nicht relativieren, nicht herunterreden, nicht technisieren. Er ist aus Fleisch und Blut: Gratulation.

          Diese Entwicklung kam nicht überraschend. Sie war schon im Frühsommer zu erkennen, als Hamilton wie Rosberg die Dominanz von Mercedes für einen Zweikampf auf Augenhöhe nutzten, der alles bot: von souveränen Siegen, spektakulären Überholmanövern über Führungswechsel bis hin zu Unterstellungen, verbalen Attacken und einem Vollkontakt auf offener Strecke. Das Drehbuch war nicht inszeniert, es ließe sich kaum besser am Schreibtisch erfinden.

          Die Formel 1 kann mit so einem Geschenk aber nicht umgehen. Schon gar nicht, wenn der Ruhm nur einem Team gebührt, obwohl der Applaus letztlich dem ganzen Theater in einer von Zuschauerschwund geprägten Spielzeit zugutekäme. Stattdessen ist es den Protagonisten gelungen, vom ersten Grand Prix in Melbourne an die eigene Sause vor der ohnehin skeptischen Welt lächerlich zu machen.

          Nico Rosberg bekommt zwar keinen Titel, aber immerhin Applaus
          Nico Rosberg bekommt zwar keinen Titel, aber immerhin Applaus : Bild: AP

          Chefmanager Bernie Ecclestone mokierte sich über zu leise Autos, Chefpilot Vettel klagte über zu langsame Boliden (in Abu Dhabi waren sie schneller als 2013), und das halbe Fahrerlager stöhnte lautstark über die komplizierte Technik. Inzwischen sind zwei Rennställe insolvent, drei schreiben öffentlich über kartellartige Zustände sowie eine unfaire Geldverteilung, und einer will - drohend - unbedingt fixierte Motorenregeln für 2015 aufweichen: die selten um ätzende Kommentare verlegene Red-Bull-Fraktion.

          Am Samstag hörte man von Retourkutschen, nachdem die Österreicher zwei illegale Autos im Qualifying eingesetzt hatten. Die Frontflügel entsprachen nicht dem Reglement. Als Grund für die Versetzung ans Ende des Startfeldes schrieben die Streckenkommissare ungewöhnlich zurückhaltend nur zwei Worte auf: „Self explanatory“ („selbsterklärend“). Zum grandiosen Finale dieser Streitsaison bescherte sich die Formel 1 wohl einen Betrugsversuch. Gratulation.

          Beste Laune in Abu Dhabi: Weltmeister Lewis Hamilton und Freundin Nicole Scherzinger
          Beste Laune in Abu Dhabi: Weltmeister Lewis Hamilton und Freundin Nicole Scherzinger : Bild: Picture-Alliance

          Der Weltmeister hat diesen würdelosen Rahmen nicht verdient. Aber selbst die vor ihrem Spiegelbild zurückschreckenden Mitspieler im Fahrerlager reagieren nur mit einem Schulterzucken und Zynismus: Waren wir nicht schon immer so? Ohne Skandälchen kam die Formel 1 nie um die Ecke. Das stimmt. Aber so grotesk führungslos war sie schon lange nicht mehr.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU, l) und Hamburgs Erstem Bürgermeister, Peter Tschentscher (SPD), bei der Pressekonferenz

          Corona-Liveblog : Merkel: Shutdown unbedingt verhindern

          Obergrenze bei Feiern +++ 50 Euro Bußgeld bei falschen Angaben im Restaurant +++ Söder: Pandemie könnte in einigen Regionen außer Kontrolle geraten +++ Ab Mitte Oktober: Corona-App für EU-Bürger auch länderübergreifend +++ Alle Entwicklungen im Liveblog.
          Streik: Verdi lässt Busse, Bahnen und Behörden still stehen.

          Streiks im öffentlichen Dienst : Wir sind Helden

          Verdi fordert wegen der Pandemie fast 5 Prozent mehr Lohn. Doch wie viele „Corona-Helden“ gibt es im öffentlichen Dienst überhaupt?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.