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Formel 1 - Silverstone : Jackie Stewart schlägt Alarm

Es geht aufwärts mit Jenson Button Bild: dpa/dpaweb

Der Große Preis von England in Silverstone, die Geburtsstätte der Formel 1, steht zur Disposition. Darüber haben sich der dreimalige Weltmeister Stewart und Formel-1-Boß Ecclestone in die Haare bekommen.

          3 Min.

          Für die Engländer ist es ein ganz schlechter Sommer. Mit dem Regen haben sie aus Erfahrung gerechnet. Mit Tim Henmans Scheitern beim heiligen Rasentennis in Wimbledon auch. Daß aber die Fußballikone David Beckham bei der Europameisterschaft im entscheidenden Augenblick das rechte Maß fehlte, traf die leidenschaftlichen Sportsfreunde von der Insel schon ins Mark. Aber nun gibt's einen Extra-Kick: Der Große Preis von England in Silverstone, die Geburtsstätte der Formel 1, steht zur Disposition. Darüber haben sich der dreimalige Weltmeister Sir Jackie Stewart und der Formel-1-Manager Bernie Ecclestone mächtig in die Haare bekommen. Stewart warf Ecclestone vor, jede Bemühung zur Rettung des Rennens zu hintertreiben. Ecclestone drohte daraufhin im "Daily Express", dem traditionsbewußten Schotten bei der nächsten Begegnung an die Wäsche zu gehen: "Ich werde ihm den Kilt um den Kopf wickeln." Die vornehme britische Zurückhaltung ist also schon verlorengegangen. Der "Independent" aber fürchtet, mit dem Verlust des GrandPrix werde der Untergang des Motorsport-Empires besiegelt: "Wird Großbritanniens Dominanz in der Formel 1 schließlich zu Ende gehen?"

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Button, der Ferrari-Jäger?

          Diese bohrende Frage kann man auf den ersten Blick nicht verstehen. Erstmals in der Ära Ferrari hat wieder ein Brite gute Chancen, nach David Coulthard (2000) den Heim-Grand-Prix zu gewinnen. Der 24 Jahre alte Jenson Button wird überall als aussichtsreicher Ferrari- und Schumacher-Jäger vorgestellt und hochgelobt. Buttons BAR, das hat der Weltmeister aus Deutschland längst registriert, "wird hier sehr stark sein". Schließlich liegt der Kurs mit seinen "schnellen" Kurven dem Kraftpaket. Warum also sollte Englands Motorsport vollends aus der Kurve fliegen, wenn doch gerade ein in England gebauter Bolide mit einem englischen Fahrer dem Seriensieger im Nacken sitzen könnte, wenn bei Ferrari mit dem Chefstrategen Ross Brawn ein Landsmann die Fäden zieht und der Boß des Internationalen Automobil-Verbandes, Max Mosley, als Prototyp des distinguierten Briten durchgeht? Weil diese Details und Personalien die Gesamtlage nur kaschieren. Der entscheidende Schub für Buttons BAR kommt nämlich aus Japan. Honda bringt nicht nur den stärksten Motor der Formel 1 mit, sondern beteiligt sich auch massiv an der Fahrzeugkonstruktion. Und die Erfolge von Brawn und Mosley sagen so wenig aus über die Lage des britischen Motorsports wie Otto Rehhagels Triumphe mit Griechenland über den Stand des deutschen Fußballs. "Sie haben sich isoliert. Sie glauben immer noch, alles unter Kontrolle zu haben", sagt Leo Ress, einst Chefkonstrukteur von Sauber und heute Verbindungsmann zwischen Honda und BAR.

          Das Silicon-Valley des Motorsports

          Seit den späten fünfziger Jahren haben die Briten bei der Konstruktion der Rennwagen das Maß vorgegeben, just als sie den Einfluß der Aerodynamik erkannten und auf die Erfahrungen ihrer Luftfahrtindustrie zurückgriffen. Das beflügelte die Tüftler. Rund um Silverstone entstand eine Art Silicon Valley der britischen Motorsportindustrie. Dort kamen die Sieger her: Seit der Einführung der Konstrukteurswertung 1958, seit Tony Vandervells Renner die "bloody red cars" aus Italien schlug, gewannen Boliden aus der heimischen Rennwagenmanufaktur weitere 31 der 46 Titel. Zwar martern sich in England nach wie vor viele Experten das Hirn über die aerodynamische Effizienz, suchen das günstigste Verhältnis von der gewünschten Abtriebskraft zum unerwünschten Luftwiderstand. Aber den wesentlichen Schlüssel zum Erfolg auf der Piste halten inzwischen die Kontinentaleuropäer in Händen. Andernfalls hätten die altehrwürdigen Rennställe Williams und McLaren nicht zur Saisonmitte ihre Autos mit allerlei Flügelwerk heftig liften müssen. Gewisse Ähnlichkeiten zum taillierten Ferrari verstärken noch den Eindruck, daß die neuen Autos auch vom Seitenblick leben. Ganz zu schweigen von dem wachsenden Interesse der Automobilkonzerne BMW und Honda, ihre britischen Partner Williams und BAR auch auf deren Hoheitsgebiet kräftig zu unterstützen. Wäre das nötig, wenn man in München und Tokio nicht glaubte, bei den Kollegen auf der Insel hin und wieder einen (Wind-)Tunnelblick zu vermuten? "Die Konzerne haben doch beim Thema Aerodynamik viel mehr Möglichkeiten. Dagegen stagniert die Entwicklung in England, weil die Autoindustrie kaum mehr existiert", sagt Ress: "Außerdem ist die Ingenieursausbildung in Deutschland, Italien und Frankreich besser." Was sich nicht zuletzt beim Motorenbau niederschlägt. Die stärksten kommen aus Japan, Italien und Deutschland.

          Jackie Stewart schlägt Alarm. Den Krach mit Ecclestone vor Augen, das Desaster mit dem einzigen durch und durch in England gebauten Auto (Jaguar) im Hinterkopf, bittet er die Regierung um Hilfe. Die Angelegenheit ist von nationalem Interesse: "Niemals zuvor haben so viele Nationen unsere Technologie beherrscht", sagte Stewart dem "Independent". Falls er in London abblitzt, könnte er sich auf die Vorgänger von Tony Blair berufen. Der britische Geheimdienst nutzte die Wirren kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, um die Geheimnisse der deutschen Rennwagenkonstruktion zu erforschen. Es entstand ein kleines Dossier. Geholfen aber hat es nichts. Als Mercedes 1954 zurückkehrte, glänzte Silber: Die Stuttgarter gewannen vier ihrer sechs Rennen.

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