https://www.faz.net/-gtl-8y8ay

Formel 1 : Sennas Geist, Vettels Rekord

  • -Aktualisiert am

Vorfahrt für den Luxusfahrer: Lewis Hamilton vor dem Hotel de Paris Bild: AP

Lewis Hamilton träumt von einer magischen Pole Position in Monaco – kann er den bockigen Mercedes auf Ferraris Niveau beschleunigen?

          In Monaco wird man in diesen Tagen auf die großen Unterschiede hingewiesen. Der freie Parkplatz vor dem Hotel de Paris, das deutet der livrierte Page mit einem herrischen Fingerzeig an, ist für Nobelkarossen und Sportwagen der Extraklasse reserviert. Die ersten Adressen am Platze rufen Übernachtungspreise auf, die andernorts für einen Monat gezahlt werden. Frühstück exklusive. Das Ei wird vielleicht auf dem Deck einer Superyacht geköpft und nicht am Kiesstrand im benachbarten Frankreich aus dem Verpflegungsbeutel gekramt. Monaco lebt von dieser greifbaren Distanzierung. Und erlebt eine Formel 1, die sich überwiegend Jahr für Jahr auf das Gegenteil freut.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Alles scheint geschrumpft, wenn der Tross einzieht: Die Strecke, ein Geschlängel durch das Städtchen, die Straßen so eng, dass die Zuschauer von den Balkonen in den langsamen Kurven die Zahlen der Cockpitanzeige lesen könnten. Vor allem aber schwinden die Abstände. Plötzlich taucht der König unter den Teams auf der Straße auf, erscheint der Regent wie ein Berührbarer: Mercedes hat sich beim Training am Donnerstag „ins Knie geschossen“, sagt Teamchef Toto Wolff zu Rang acht und zehn. Prompt muss der Champion um seine Stellung bangen. Das Fußvolk von Toro Rosso und Force India hat ihn vorerst für einen Tag überholt.

          Am Freitag ist es ruhig im Fahrerlager. Die Formel 1 trainiert nicht. Aber die klugen Köpfe qualmen wie durchdrehende Reifen. Besonders bei Mercedes. Mit einer falschen Abstimmungsvariante sind Lewis Hamilton und sein Teamkollege Valtteri Bottas im Fürstentum in eine Sackgasse gerauscht, zurückgeworfen um eine halbe Sekunde. 90 Minuten Testfahrten zum Feintuning des Silberpfeils für den Grand Prix am Sonntag (14 Uhr MESZ/RTL/Sky/Liveticker bei FAZ.NET) und das so wichtige Startplatzrennen an diesem Sonntag sind verlorengegangen.

          „Wir wissen, was wir falsch gemacht haben“, sagt Wolff zwar. Aber er weiß auch, wie weit die anderen schon voraus sind. Sebastian Vettel gelang eine Rekordrunde (1:12,720 Minuten.) Im Ferrari unterbot er seine Bestzeit von 2011 als Red-Bull-Pilot um 0,8 Sekunden. Wohlwollend überwacht vom Auge des Gesetzes schoss der Hesse durch Tempo-50-Zonen und über Zebrastreifen hinweg. Mit im Schnitt 165,198 Kilometern pro Stunde über eine Runde, mehr als doppelt so schnell unterwegs wie der von den Nazis ermordete englische Spion William Grover-Williams im Bugatti beim ersten Monaco-Rennen 1929.

          Schneller als die anderen auf der engen Strecke: Sebastian Vettel

          Niki Lauda ist fasziniert. „Der Ferrari ist ein sehr gutes Auto. Er ist leichter zu fahren als unserer“, sagt der Aufsichtsratschef des Mercedes-Teams. Am Donnerstag klagten seine Piloten über „Rutschpartien“, über eine gewisse Bockigkeit des Silberpfeils auf Kommando präzise einzulegen. „Es ist schwerer für unsere Piloten“, sagt Lauda, „die Balance zu finden.“ Die spannende Verdichtung der Formel 1 beginnt im Kopf der Fahrer. Wenn sich das Vertrauen verflüchtigt, bei der Jagd nach der Bestzeit um Zentimeter vorbei an den Leitplanken die Haftung zu verlieren. „Das summiert sich dann an jeder Ecke“, sagt Hamilton. Mit der Extrapower des Mercedes-Antriebs kann auf der kurzen Geraden der Tempoverlust nicht überspielt werden. Hamilton kämpft nicht um Gottvertrauen, sondern um eine perfekte Abstimmung, weil der Wohlfühlfaktor die Leistungsfähigkeit in Monaco weitgehend bestimmt.

          Am Donnerstag schaute er nachdenklich aus der Wäsche, während die Red-Bull-Fraktion und die Fahrer des Tochterteams Toro Rosso mit den Plätzen zwei, vier und fünf fröhlich das Fahrerlager verließen. Red-Bull-Pilot Daniel Ricciardo, der Mann mit dem Zahnpasta-Lächeln, setzt auf einen Sprung in die erste Startreihe, weil das Auto – weder Motor noch Chassis entsprechen den hohen Ansprüchen – eine „stabile“ Straßenlage bietet. Die Monaco-Sause erscheint für den Australier und dessen Teamkollegen Max Verstappen für lange Zeit die beste Chance, den Klassenunterschied einmal aufzuheben. Und zwar schon an diesem Samstag, zum monegassischen „High Noon“ der Formel 1. Wenn es ab 14 Uhr nicht um Taktik geht, sondern um pures Racing über eine Runde, um den reinen Speed.

          Unser Angebot für Erstwähler
          Unser Angebot für Erstwähler

          Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

          Zum Angebot

          Mehr als noch in den vergangenen Jahren schwebt der Geist des unantastbaren Großmeisters dieser Disziplin über dem Fahrerlager. Ayrton Senna gelangen 65 Pole-Positionen. Lewis Hamilton fehlt noch eine, um sein 1994 in Imola tödlich verunglücktes Idol einzuholen. Er träumt davon. Wenn Hamilton leise wie ehrfürchtig über den Brasilianer spricht, glaubt man die beflügelnde Wirkung zu spüren. Schnellster im Fürstentum, wo Senna als einziger Formel-1-Fahrer sechsmal gewann? Das wäre ein Coup im Kampf um den Titel gegen Vettel und trotz des Startproblems sowie des für Monaco unangenehmen langen Radstands kein ganz unwahrscheinlicher. Aber der „Glücksfall Vettel“, sagt Red Bulls Motorsportdirektor Helmut Marko über das packende Duell der beiden Weltmeister nach den Jahren der Mercedes-Werksmeisterschaft, wird schwer zu schlagen sein: „Wenn der Sebastian merkt“, fügt Marko hinzu, „dass er gewinnen kann mit dem Auto, dann holt er alles aus sich heraus. Er fährt wie zu seinen besten Zeiten bei uns.“

          Wer auch immer das Rennen macht, wird anschließend feststellen, dass der Verdichtung die größte Distanzierung folgt: Der Sieger darf direkt vor der Fürstenloge parken, und abends gibt’s in der Regel ein Dinner im Palast – ganz oben über den Dächern von Monaco.

          Weitere Themen

          Draußen Protest, innen leuchtende Männeraugen

          IAA : Draußen Protest, innen leuchtende Männeraugen

          Wo der SUV noch artgerecht gehalten wird: Unsere Autorin war auf der Automesse unterwegs. Die Autohersteller reagieren auf den zunehmenden Druck mit ihrer elektrischen Charmeoffensive – die Publikumsmagneten findet man jedoch an anderer Stelle.

          Topmeldungen

          Supercomputer Summit von IBM

          KI statt Simulation : Den Superrechnern geht die Luft aus

          Die Leistung von Supercomputern wächst kaum noch. Der Grund ist die fatale Fokussierung auf Künstliche Intelligenz. Numerische Verfahren gelten als „unsexy“.
          Das Faxgerät ist eine schnelle Alternative, wenn die E-Mail aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht genutzt werden kann

          In puncto Datensicherheit : Fax schlägt E-Mail

          Anwälte, Ärzte, Krankenversicherer weigern sich immer häufiger, E-Mails zu verschicken – aus Gründen des Datenschutzes. Das gute alte Faxgerät erlebt ein Comeback.

          Klage vor Supreme Court : John Majors Verachtung für Boris Johnson

          Der frühere Premierminister John Major ging zu seiner Amtszeit nicht mit Samthandschuhen vor. Doch Boris Johnsons Mittel gehen ihm zu weit. Deswegen hat er sich der Klage gegen die Beurlaubung des Parlaments angeschlossen.

          Algenplage im Mittelmeer : Der asiatische Eindringling

          Laut spanischen Fischern spielt sich unter der Meeresoberfläche an der Straße von Gibraltar eine Umweltkatastrophe unabsehbaren Ausmaßes ab. Fische gehen nicht mehr viele ins Netz – stattdessen tonnenweise braune Algen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.