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Formel 1 : Selbstdarsteller auf Crashkurs

  • -Aktualisiert am

Neuer Sündenfall: Schumacher (l.) und Barrichello Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Weltmeister im Streiten! Diesen Titel verdient sich die Formel 1 auch in dieser Saison. Der Wettbewerbsdruck äußert sich zunehmend in beißendem Spott und scharfen Verbalattacken.

          3 Min.

          Weltmeister im Streiten! Diesen Titel verdient sich die Formel 1 in der Regel schon beim ersten Grand Prix einer Saison. Dafür braucht sie keine neunzehn Rennen in aller Herren Ländern. Wie war das Anfang März in Melbourne? Paul Stoddart, Teamchef des Hinterbänklers Minardi und Chefkritiker vom Dienst, rannte in Australien sogar zum Kadi, weil er partout mit seinen alten Autos fahren wollte.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Harte Worte, süffisante Bemerkungen, beißender Spott: Es vergeht kaum ein Rennwochenende ohne verbale Attacken der angriffslustigen Frontfiguren wie Chefmanager Bernie Ecclestone, Regelhüter Max Mosley oder Renaults Teamchef Flavio Briatore. Dessen ätzender Humor belustigt viele, aber nicht immer das Opfer: "Das Auto hat nicht vorne oder hinten ein Problem, sondern in der Mitte. Und da sitzt bekanntlich der Fahrer", hatte der Italiener einst mit Blick auf den Österreicher Alexander Wurz erklärt. Auf den unterhaltsamen Briatore ist Verlaß. Die Fahrerlagerzeitung "Bulletin" zitierte in Montreal, kurz vor dem Großen Preis von Kanada an diesem Sonntag, den Boß des Branchenführers Fernando Alonso so: "Wenn wir alle Rennen gewinnen würden, wären wir so unpopulär wie Ferrari. Das wollen wir verhindern."

          Von den eigenen Schwächen ablenken

          Natürlich will auch Flavio Briatore jedes Rennen gewinnen. Wenn nicht auf der Strecke, dann wenigstens neben der Piste. Und sei es nur, um von den eigenen Schwächen abzulenken. Allerdings achtet der ehemalige Teamchef von Michael Schumacher bei Benetton akribisch auf die Regeln: Er beißt beim heiklen Spiel nie öffentlich in die Hand, die ihn füttert.

          Dieses ungeschriebene Gesetz im Kreislauf Formel 1 wird in den vergangenen Wochen allerdings auffällig oft gebrochen. Den vorläufigen Höhepunkt erreichte dieser Trend mit dem Vorwurf von Patrick Head an den Sportchef von BMW in der italienischen Fachzeitung "Auto Sport Moto": "Ich glaube", sagte der Anteilseigner des Rennstalls Williams, "Mario Theissens Vorgehensweise ist ein bißchen unehrlich." So sprach man bislang nicht über den Repräsentanten eines "Partners", der Motoren und Moneten liefert. Selbst wenn mit Honda wahrscheinlich schon ein neuer bereitsteht. Vielleicht hat Head aus Ärger über die Pläne Theissens, BMW mit Sauber zu verschmelzen, seinem aufgestauten Frust freien Lauf gelassen. Schließlich scheute sich der Konzern-Delegierte aus München nie, die Stärke des eigenen Motors süffisant zu loben und die Schwäche des Williams-Chassis offen anzusprechen. Frei nach dem Motto: Die anderen sind schuld!

          Laute Nebengeräusche

          Unabhängig von der Frage, ob Head die Formel 1 nur noch aus der Zeitung kennt (Theissen) oder schlicht die Wahrheit sagt, spiegeln die Nebengeräusche im Scheidungsfall BMW/Williams den gestiegenen Wettbewerbsdruck (Siehe auch: Williams-Chef hält BMW-Chef schlechten Charakter vor). Beim Kampf um die beste Selbstdarstellung im verschärften Wettbewerb riskieren die Strategen Crashkurse wie lange nicht mehr.

          Dabei führt das Verdrängungsspiel vom Piloten hoch bis zum Teamchef zu einer schmerzhaften Offenheit, die vor Jahren undenkbar schien: "Jacques (Villeneuve) ist zu langsam. Wir wissen das so gut wie er", sagte nun sogar Peter Sauber, sonst die Zurückhaltung in Person, über den Weltmeister von 1997. Der Kanadier hält die Kritik für einen "Witz" und reicht sie lieber - ganz trocken - zurück: "Das Auto ist zu langsam." Beides stimmt. Nur hat jede Partei ureigene Interessen zu wahren: Sauber will sein Team an BMW verkaufen, während der Racer Villeneuve gerne in der Formel 1 bliebe.

          Zerfallserscheinungen

          Zerfallserscheinungen bot zuletzt auch die verschworene Gemeinschaft Ferrari. Rubens Barrichello kündigte nach dem Rennen in Monaco dem Chefpiloten Michael Schumacher lautstark die Gefolgschaft. Der Champion hatte den Brasilianer in Monte Carlo in der letzten Runde mit einem Überholmanöver genarrt. Barrichellos kleiner "Durchhänger" (Schumacher) war der zweite Sündenfall in dieser für Ferrari bislang frustrierenden Saison. Mitglieder der eiligen Renngemeinschaft klärten sachliche und menschliche Probleme bis dahin hinter verschlossenen Türen. Das ist ein Glaubensgrundsatz, jeder Verstoß dagegen ein Sakrileg.

          Doch selbst Präsident Luca di Montezemolo, Gralshüter der Erfolgsformel, leistete sich eine Ausnahme. Frank und frei machte er vor Wochen den Reifenhersteller Bridgestone für die Langsamkeit verantwortlich. Da zuckten die Japaner zusammen. Montezemolo lag zwar nicht daneben mit dem Hinweis. Aber er hätte es eben nicht laut sagen dürfen. Doch beim Kampf um politische Ämter im Land stärkt ihm Ferrari nur den Rücken, wenn Schumachers Renner stark erscheinen. So wich der gute Stil dem Druck.

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