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Kommentar : Hitzestau unterm Helm

Hamilton (rechts) kam nach Vettel ins Ziel. Aus dem Duell konnte er aber als moralischer Sieger hervorgehen. Bild: dpa

Nach einem Auffahrunfall wütet Sebastian Vettel über Konkurrent Lewis Hamilton. Die Psychoduelle zwischen Ferrari und Mercedes haben bereits seit Schumacher Tradition.

          2 Min.

          Sommer. Sonne. Hitze. Stau. Da kann es schon mal emotional werden am Steuer. Wer kennt das nicht? Es ist die schönste Zeit des Jahres, aber sie zerrinnt, wenn es nicht zügig genug vorangeht. Das sorgt für dicke Luft bei der Familie auf der Fahrt in den Urlaub. Und bei einem viermaligen Formel-1-Weltmeister. Sebastian Vettel ging es am Sonntag auf der Stadtrundfahrt durch Baku nicht schnell genug voran. Das Safety Car führte das Feld über den Stadtkurs, und vor Vettel fuhr nur Lewis Hamilton, der große Konkurrent des Heppenheimers im Kampf um die Weltmeisterschaft.

          Hamilton verlangsamte die Fahrt erheblich, Vettel rauschte dem Mercedes-Piloten ins Heck, ein Auffahrunfall, wie er jeden Tag hundertfach passiert, ohne größere Folgen. Vettel aber war außer sich, fühlte sich von Hamilton ausgebremst, gestikulierte wild, fuhr neben den Mercedes-Mann und rempelte mittschiffs zurück, als wären sie im Auto-Scooter unterwegs. Ein klarer Fall von „road rage“, Hitzestau unterm Helm, ein Aussetzer am Steuer. Vettel, dem Ferrari-Fahrer, gehen schon mal die Gäule durch. Dafür musste er eine Zehn-Sekunden-Strafe an der Box abbrummen, deshalb verlor er das Rennen. Vettel kam zwar als Vierter und damit einen Platz vor Hamilton ins Ziel – aber er hätte dem Konkurrenten in Aserbaidschan, auf einer Strecke, auf der Mercedes Ferrari deutlich überlegen war, eine herbe Niederlage beibringen können. Chance vertan, selbst schuld.

          Das Psychoduell ist eröffnet

          Hamilton, der eigentliche Verlierer des Rennens, erkannte in der überflüssigen Attacke sogleich eine Chance. Vettel sei ein schlechtes Vorbild für Nachwuchspiloten. „Wir sind Weltmeister, wir machen so etwas nicht“, sagte er nach dem Rennen, bemüht, zumindest als moralischer Sieger vom Kaspischen Meer abzureisen.

          Abgesehen davon, dass Formel-1-Weltmeister nahe zu immer bereit sind, alles zu tun, um Formel-1-Weltmeister zu werden – und Hamilton stellt beileibe keine Ausnahme dar –, hat Vettel sich in eine unnötig unbequeme Situation gebracht. Zum einen liegt der Rechtfertigungsdruck nun einstweilen bei ihm. Die Attacke hat, nicht unerwartet, aber angesichts zwölf noch ausstehender Grand Prix eigentlich zu früh, einen Nebenschauplatz eröffnet, der den Titelkampf bis zum letzten Rennen in Abu Dhabi begleiten könnte. Psychoduelle zwischen deutschen und englischen Spitzenpiloten machen aus guten Formel-1-Jahren bisweilen unvergessliche, wie jenes zwischen Michael Schumacher und Damon Hill 1994.

          Vettels Punktekonto füllt sich

          Vettel und Ferrari aber sind in diesem Jahr die Herausforderer des dominanten Teams der vergangenen Jahre. Sie müssen mit ihren Ressourcen so effektiv wie möglich umgehen. Und Vettel hat sich mit dem Rempler von Baku weitere drei Strafpunkte eingefahren im Formel-1-Verkehrssünderregister, das nicht in Flensburg, sondern beim Internationalen Automobilverband in Paris geführt wird. Nun steht der deutsche Wutpilot bei neun Punkten, bei zwölf binnen eines Jahres wird ein Formel-1-Fahrer aus dem Verkehr gezogen.

          Lässt sich Vettel beim nächsten Rennen in Österreich ähnlich gehen, wird er einen Grand Prix aussetzen müssen. Die anderen Strafpunkte verjähren erst im Oktober. Ein Rennen als Zuschauer aber kann sich Vettel kaum erlauben, will er die Saison als Weltmeister beenden. Andererseits: Allzu oft zurückstecken gegenüber Hamilton kann er auch nicht. Und so gilt für Vettel, was für jeden Autofahrer bei Stop-and-go auf der Autobahn gilt: Nerven behalten, alles andere versaut die Tour.

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