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Trennung in Formel 1 : Vettel und Ferrari ohne Vertrauen

Bald getrennte Wege: Sebastian Vettel und Ferrari. Der Heppenheimer sagt: „Ich nehme mir die Zeit, herauszufinden, was wirklich zählt, wenn es um meine Zukunft geht.“ Bild: EPA

Fahrtende nach 2020 für Sebastian Vettel bei Ferrari: Zwischen dem Deutschen und der Scuderia fehlt der Glaube an die Qualitäten des anderen. Steht nun sogar Vettels Karriereende in der Formel 1 bevor?

          4 Min.

          Wie das so üblich ist bei Ferrari: Alles wird mit einem Lächeln auf den Lippen verkündet. So liest sich die Erklärung zur „gemeinsam“ getroffenen Entscheidung von der Scuderia und Sebastian Vettel, nach 2020 getrennte Weg zu gehen. Die Freundschaft bleibt und selbstverständlich die ewige Erinnerung an die großen Momente einer bislang fünfjährigen Fahrgemeinschaft mit 14 Siegen für Vettel im Kultmodell der Formel 1. Einen „speziellen Grund“, erklärte Teamchef Mattia Binotto, habe es nicht gegeben, abgesehen von der Erkenntnis, dass es Zeit wurde. Zeit für was? Für das Erreichen der jeweiligen Ziele, endlich wieder Weltmeister zu werden.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Ferrari umkurvte mit der Erklärung halbwegs vornehm die Umgangsrealität der Formel 1. Die freie Übersetzung des Geschlängels mündet in eine verbale rechte Gerade: Weder das Team noch der Fahrer glauben, der jeweils andere habe die Qualität, den Traum zu realisieren. Die 2015 begonnene, so vielversprechende Liaison hat verloren, was im Motorsport im doppelten Sinne zunächst überlebenswichtig und dann die Grundlage für den Erfolg ist.

          Der gerne geradlinige Vettel ließ sich nicht aufhalten, in der nackten Nachricht im ersten Satz seines Statements den entscheidenden Riss in diesen so zerbrechlichen Beziehungen zu beschreiben: „Um das bestmögliche Resultat in diesem Sport erzielen zu können, ist es für alle Parteien vital, in perfekter Harmonie zusammenzuarbeiten.“ Daraus einen Streit abzulesen wäre falsch. Streit um die Sache gehört zum Alltag im Grenzwertbetrieb auf höchsten Touren. Da fliegen intern immer wieder die Fetzen. Das lässt sich regeln. Unüberbrückbar ist nur eines: der Vertrauensverlust.

          Forza Leclerc! Der Monegasse (links) und Ferraris Teamchef Mattia Binotto (Mitte) neben Sebastian Vettel
          Forza Leclerc! Der Monegasse (links) und Ferraris Teamchef Mattia Binotto (Mitte) neben Sebastian Vettel : Bild: Picture-Alliance

          Ferraris Teamchef Binotto ließ schon seit Monaten Zweifel an Vettel erkennen. Spätestens die Vertragsverlängerung für Charles Leclerc offenbarte den Strategiewechsel des Teams. Binotto band den eine Dekade jüngeren, hochtalentierten Monegassen im Dezember für weitere vier Jahre an sein Team und gewährte ihm eine satte Gehaltserhöhung. Demonstrativer ließ sich die Entmachtung nicht dokumentieren. Ferrari fährt auf Leclerc ab. Und erklärte ausgesprochen den Fall Vettel für zweitrangig. In der Formel 1, im Leistungssport, im wahren Leben werden die augenscheinlich Wichtigsten zuerst bedient, alles nach ihnen ausgerichtet.

          Die Bruchlinie ist allerdings älter. Erstmals von außen zu erkennen war sie 2018 beim Qualifying zum Heimrennen in Monza. Es ging um die Pole Position zwischen Ferrari und Mercedes. Statt Vettel, dem Herausforderer von Lewis Hamilton, Windschatten auf der Geraden zur ersten Schikane zu bieten, spendete der Heppenheimer seinem (im Schnitt langsameren) Teamkollegen Kimi Räikkönen diese Beschleunigungshilfe. Der Finne schaffte den Sprung an die Spitze, Vettel musste als Dritter sofort nach dem Start ein Risiko eingehen, um den Grand Prix gewinnen zu können. Er kollidierte mit Hamilton und beendete das Rennen schließlich auf Platz vier. Der Engländer gewann. Das Fahrerlager rieb sich die Augen. Ferrari zerlegte sich selbst.

          Vettel trug mit ungewöhnlich vielen Fahrfehlern 2018 mächtig bei zu seiner Degradierung. Das lag nicht nur an der mangelhaften Qualität des Rennwagens. Zu keinem Zeitpunkt der vergangenen fünf Jahre erfüllte die Scuderia ihren Anspruch, den im Schnitt einer Saison besten Boliden auf Räder zustellen. Die Fahrer mussten an die Grenze gehen. Selbst Chefpiloten wie Ayrton Senna oder Michael Schumacher verloren unter solchen Bedingungen häufiger die Kontrolle. Aber dem Ferrari-Novizen Leclerc gelang es 2019 quasi aus dem Stand, Vettel hinter sich zu lassen. Zumindest beim Qualifying, wenn es gilt, alles aus dem Boliden herauszuquetschen. Vettel kam mit dem Einlenkverhalten des Rennwagens nicht zurecht. Ihm fehlte – das Vertrauen. In den Grand Prix, das sagte der Sportchef von Red Bull, Helmut Marko, dieser Zeitung, sei der viermalige Weltmeister besser, konstanter gewesen als Leclerc. Aber der spektakuläre Auftritt des Neuen, sein unverhohlener Anspruch, den Platzhirsch zu verdrängen, wirkte auf alle, die Ferrari bewegen: das Management, die Konzernführung und italienische Medien: Forza Leclerc!

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