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Ferrari-Fiasko in Formel 1 : Vettel und die Orientierungslosen

Kopfzerbrechen bei Sebastian Vettel (hier im Oktober 2019): Was läuft nur schief bei Ferrari in der Formel 1? Bild: EPA

Ferrari taumelt durch die Formel 1. Der Rennwagen ist zu langsam, der Teamchef wirkt überfordert, Leclerc nimmt Vettel aus dem Rennen. Nur der Deutsche macht Hoffnung – ausgerechnet.

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          Sie nennen ihn „Harry Potter“, so als könnte er zaubern. Aber das ist nur eine schöne Geschichte. Mattia Binotto trägt eine schwarze runde Brille und lockiges dunkles Haar, aber er versprüht nicht den Hauch von Magie. Ganz im Gegenteil: Selten ist der Teamchef von Ferrari so niedergeschlagen vor die Fernsehkameras getreten wie am Sonntagnachmittag in Spielberg. „Es schmerzt, es schmerzt wirklich“, sagte der Fünfzigjährige. Die Medienrunde des Teams am Abend wurde kurzerhand abgesagt, stattdessen schickten die Italiener eine Pressemitteilung hinaus in die Formel-1-Welt. Der Titel: „Ein Wochenende zum Vergessen“.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gerade einmal zwanzig Sekunden nach dem Start war Charles Leclerc mit seinem Ferrari in den Rennwagen des Teamkollegen Sebastian Vettel gekracht, so dass die Karbonteile nur so über die Strecke flogen. Der Deutsche verlor seinen Heckflügel, beim Monegassen klaffte vor dem linken Hinterrad ein riesiges Loch im Unterboden. Die Schuldfrage war schnell geklärt, der Verursacher war geständig. Bei „Canal+“ sagte Leclerc: „Es war klar mein Fehler, da gibt es keine Diskussion. Heute war ich ein Arschloch, ich finde kein anderes Wort dafür. In unserer Situation müssen wir alle Chancen nutzen. Heute habe ich es vermasselt.“

          Noch vor einer Woche hatte er mit Platz zwei in Österreich für die große Überraschung gesorgt, dabei aber vor allem von drei Safety-Car-Unterbrechungen und Strafen für die Konkurrenz profitiert.

          Ferrari taumelt durch die Formel 1

          Dem Ferrari mit der Typennummer SF1000 fehlt es an Klasse, im Trockenen hat er zu wenig Motorleistung, im Nassen zu wenig Abtrieb. Und dem Team mangelt es derzeit an Zusammenhalt und einer Idee, wie der Anschluss an die Spitze hergestellt werden kann. „Rotes Desaster“ schrieb die „Gazzetta dello Sport“ am Tag danach. „Eins steht fest: Seit dem Tod von Ferraris Präsident Sergio Marchionne scheint die Scuderia orientierungslos“, schrieb „Tuttosport“.

          Man nennt ihn „Harry Potter“: Doch Magie verströmt Teamchef Mattia Binotto nicht.

          Die augenblickliche Krise ist mehr als nur eine schlechte Phase. Ferrari taumelt durch die Formel 1 – und tatsächlich hat sich einiges geändert, seit Marchionne im Juli 2018 im Alter von 66 Jahren einem Krebsleiden erlegen ist. Marchionne hatte den Rennstall mit Härte wieder auf Kurs Richtung WM-Titel getrimmt. Danach begannen die internen Machtkämpfe. Der vorherige Teamchef Maurizio Arrivabene musste gehen, dabei galt Marchionne stets als einer seiner Fürsprecher. Doch John Elkann, Erbe des mächtigen italienischen Agnelli-Clans, und neuer Präsident von Fiat und Ferrari, ließ Arrivabene fallen und setzte stattdessen auf Binotto, der zuvor Leiter der Motorenabteilung und dann Technischer Direktor war.

          Auf der Suche nach dem Weg: Der aktuelle Ferrari gilt als der schlechteste Rennwagen, der seit einem Jahrzehnt die Fabrik in Maranello verlassen hat.

          Es war eine Entscheidung, die nicht einfach nur einen Wechsel auf der Position des Teamchefs bedeutete, durch sie veränderte sich auch das Klima im Team, die Denkweise der Mechaniker, Ingenieure und Fahrer. Wo Arrivabene war, da war auch immer ein bisschen Chaos, sein Englisch war stark geprägt vom italienischen Singsang. Aber wo Arrivabene war, da war oft auch gute Stimmung, und wenn das Team oder ein Fahrer patzten, dann stellte er sich schützend davor. Wie ein Mensch als Mauer – beinahe zwei Meter groß, fast 100 Kilogramm schwer. Binotto ist eher ein kühler Rechner, er hat eine zarte Stimme, am Sonntag sagte er: „Es ist jetzt nicht die Zeit für Anschuldigungen. Wir müssen mit unserer Arbeit weitermachen. Schwierige Momente holen das Beste aus deinen Leuten heraus, und ich bin mir sicher, dass wir das beweisen werden.“ Wie ein Signal des Aufbäumens aber klingt das nicht. Auch Binotto dürfte klar sein, dass es längst auch um seinen Job geht.

          Formel 1

          Ferrari ist für Mercedes kein Gegner mehr, ja, sogar Red Bull, Racing Point, McLaren und Renault sind derzeit schneller. „Sie sind natürlich schwer geprügelt“, sagte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff: „Wir wünschen uns ein starkes Ferrari, das ist eine unglaubliche Marke mit hart arbeitenden Menschen. Wir brauchen Ferrari vorne im Kampf mit allen anderen großartigen Teams.“ Denn ohne ein Team wie Ferrari, das zumindest den WM-Titel als Saisonziel ausgibt, ist es auch für Mercedes noch einsamer an der Spitze, als es schon in den vergangenen Jahren war.

          Vettel sucht das Positive

          Einer, der sich auskennt im Seelenleben der Scuderia, ist Ross Brawn, derzeit Formel-1-Sportdirektor und von 1997 bis 2006 Technischer Direktor bei Ferrari. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass der Mediendruck in Italien unglaublich hoch sein kann. Die Verantwortlichen müssen sicherstellen, dass er nicht bei ihren Leuten ankommt“, sagt der Brite. Denn es werde dauern, bis sich wieder Erfolge einstellten: „Sie werden es nicht über Nacht umdrehen, es liegt ein langer Weg vor ihnen.“

          Wenn einer nach dem Rennen in Spielberg voranging, dann war es ausgerechnet jener Mann, der das Team am Saisonende verlassen muss: Vettel stellte sich kerzengerade vor die Kameras, er wirkte gefasst und sagte: „Wir müssen sicherstellen, dass wir uns nicht zu sehr runterziehen, damit uns das Aufstehen nicht so schwerfällt.“ Aber welche Rolle spielt er noch im Team? Wie sehr wird einer noch gehört, der zwar viermal Weltmeister geworden ist in seiner Formel-1-Karriere, der aber in ein paar Monaten Geschichte sein wird bei Ferrari? Und für den noch nicht einmal feststeht, dass er persönlich eine Zukunft in der Königsklasse des Motorsports besitzt?

          Trotzdem suchte Vettel nach dem Positiven im Schlechten und sagte: „Die gute Nachricht ist, dass wir das nächste Rennen gleich vor uns haben und ich nicht zu lange warten muss, um wieder ins Auto zu steigen. Ich hoffe, Ungarn ist ein besserer Ort für uns.“ Er muss wirklich ein Optimist sein. Denn andere Charaktere wären froh, wenn sie erst einmal nicht mehr mit diesem Rennwagen, der längst als der schlechteste gilt, der seit einem Jahrzehnt die Rennwagenfabrik in Maranello verlassen hat, auf eine Strecke müssten. Aber Vettel weiß, dass er jede Runde genießen muss – so merkwürdig das auch klingen mag.

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