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Formel 1 : Schweinegeld für Siegertypen

Das große Vorbild: Sebastian Vettel Bild: AFP

Sebastian Vettel, am Sonntag (14 Uhr) in Monza von Startplatz eins aus im Einsatz, wurde zum jüngsten Weltmeister der Formel-1-Geschichte. Red Bull hat seine Rennfahrer-Ausbildung seither zentralisiert. Wer verliert, fliegt.

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          Nur mal angenommen, Sebastian Vettel würde abgehängt im kommenden Jahr. Nicht von Lewis Hamilton oder Fernando Alonso, sondern vom eigenen Teamkollegen, von Daniel Ricciardo. Dem Australier, dem Neuen, der das Cockpit übernimmt, das Mark Webber verlässt. Nur mal angenommen, Ricciardo wäre im Red Bull schneller als der dreimalige Formel-1-Weltmeister - man müsste sagen: selbst schuld.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Monza, Autodromo Nazionale, Samstagmorgen, halb elf. Helmut Marko, Grazer, einst Rennfahrer, seit Jahren für das Red Bull Junior Team verantwortlich und maßgeblicher Förderer des Deutschen, sitzt im Motorhome des Weltmeister-Teams. „Vettel war ein Grund, warum wir unser Programm zentralisiert haben. Weshalb nur mehr wir die Verträge machen. Vorher haben wir gesponsert, aber das war schon alles. Wir haben etwas gegeben, ohne dass wir lenken, steuern oder formen konnten.“

          Als vor knapp zehn Jahren das erste Mal deutlich wurde, dass der blonde 17-, 18-jährige Junge von der Bergstraße eine außergewöhnliche Begabung für das schnelle und zielgerichtete Steuern von Rennautos hat, war Red Bull längst in der Formel 1 aktiv. Über Jahre hielt die Getränkefirma Anteile am Schweizer Sauber-Team, trat als Sponsor im Motorsport auf, auch im Nachwuchs. Damals versuchte Vettel mit seinem Vater Norbert auf der Essener „Motorshow“ Förderer für seine teure Leidenschaft zu finden. Red Bull ließ sich überzeugen. Das hat sich ausgezahlt.

          Jüngster Weltmeister

          Die erfolgreichste Karriere im Motorsport nach der Jahrtausendwende steuerte in bis dato nicht gekanntem Tempo auf die Grand-Prix-Szene zu. In Istanbul, beim türkischen Grand Prix 2006, darf er im Freitagstraining den BMW-Sauber fahren: Die Bestzeit ist zwar mit wenig Benzin im Tank erkauft, aber Vettel überzeugt. „Wir hatten mit Mario Theissen (dem damaligen BMW-Motorsportchef, d. Red.) gesprochen“, erzählt Marko in Monza, „wir hatten eine Form gefunden, durch die Vettel für BMW fahren konnte. Wir hatten eine Klausel: Wenn wir ein eigenes Formel-1-Team haben und dieses Team bestimmte Erfolge hat, können wir Vettel zurückholen.“ Red Bull baute das eigene Team auf, kaufte Minardi, benannte den Hinterbänkler-Rennstall in Toro Rosso um und ließ fortan Nachwuchspiloten ans Steuer.

          Im Herbst 2007 übernahm Vettel sein erstes Stammcockpit, 2008 gewann er in Monza für Toro Rosso als erster und bis heute einziger Red-Bull-Pilot ein Formel-1-Rennen und wurde 2010, nun in Diensten des Haupthauses unterwegs, jüngster Weltmeister der Formel-1-Geschichte.

          Durchgekämpft: Daniel Ricciardo kommt ins zweite Red-Bull-Cockpit
          Durchgekämpft: Daniel Ricciardo kommt ins zweite Red-Bull-Cockpit : Bild: dpa

          Seine Erfolge bestärkten Marko und Red-Bull-Eigner Dietrich Mateschitz darin, nicht als „mäzenatische Unterstützer“ aufzutreten, sondern den Kurs anzupassen. Seither setzen sie im Junior Team konsequent auf eine Strategie: Die Ausbildung von Piloten zu Grand-Prix-Siegern. Daniel Ricciardo ist nun der Erste, der die Qualität der Red-Bull-Ausbildung nach Vettels Aufstieg bestätigen soll. Zunächst siegte er in Nachwuchsklassen, seit 2011 ist er in der Formel 1 unterwegs, zunächst bei HRT, seit 2012 als Stammfahrer bei Toro Rosso. Dort konnte niemand Großtaten erwarten, aber 2014 wird er beweisen müssen, ob seine Lehre für Grand-Prix-Siege taugt. Der Druck wächst.

          Anforderungsprofil an den Nachwuchs

          „Sie rufen dich immer wieder mal an und sagen: Junge, dieses Wochenende ist wichtig“, erzählte Ricciardo über seine Erfahrungen in der Red-Bull-Lehre in Budapest Ende Juli, als immer deutlicher wurde, dass er Webbers Nachfolger und Vettels nächster Konkurrent werden würde. Die Steigerung der Druckverhältnisse - ohne gehe es im Nachwuchs nicht, sagt Marko in Monza. „Der Druck wird doch in der Formel nicht geringer, der wird größer.“

          Entsprechend ist das Anforderungsprofil an den Nachwuchs: Wer in den Genuss der Förderung kommen will, pro Jahr investiert Red Bull - geschätzt - einen einstelligen Millionenbetrag in sein Programm, muss gewinnen. Wurden früher etliche Fahrer gefördert, sind zurzeit noch sechs Piloten im Programm, unter ihnen Carlos Sainz junior und Tom Blomqvist, die Söhne der früheren Rallye-Weltmeister Carlos Sainz und Stig Blomqvist. Jedes Rennen, jedes Qualifying wird mit Argusaugen beobachtet. In Monza stellte Sainz junior am Samstag seinen Boliden in der Nachwuchsserie GP3 auf Platz sechs. „Verhaut“, nennt das Marko. Daniil Kyvat, 19, aus Ufa, Russland, seit 2010 von Red Bull gefördert und „voll der Pubertätsmerkmale“, wie Marko das nennt, fährt auf die Pole Position. Erwartung erfüllt.

          Durchgekämpft bis ins Cockpit

          „Wir machen mit den Fahrern kein Persönlichkeitstraining. Wir befassen uns mit den Individuen, bei jedem mit einem anderen Approach“, sagt Marko. Ein „Ansatz“ aber ist für jeden gleich: „Wenn das Feedback, das wir bekommen, nicht immer das Optimum ist, hören wir auf.“ Approach und Feedback - die Motorsport-Freunde lieben Anglizismen - finden Eingang in die Verträge. Körperliche Verfassung und geistige Reaktionsschnelligkeit werden stetig kontrolliert im firmeneigenen Leistungsdiagnostik-Zentrum in Fuschl am See. Verbessert der Kandidat seine Leistung nicht, dann ist das ein Auflösungsgrund. Die Fitness dient als Basis für Erfolg im Motorsport, aber sie ist noch mehr: Wenn ein Pilot nicht fitter wird, sei das ein Zeichen, sagt Marko, der Motorsportdirektor von Red Bull: „Das ist eine Sache der Einstellung. Wenn du siehst, dass der nicht einmal fit wird, und wir geben ein Schweinegeld aus - Motorsport ist nun mal so teuer -, dann fehlt’s ihm am Willen.“

          Daniel Ricciardo hat sich durchgekämpft bis ins attraktivste Cockpit, dass die Formel 1 in diesem Herbst zu vergeben hatte. Gleichzeitig beginnt damit die härteste Prüfung für das Ausbildungs-Konzept von Red Bull. Scheitert Ricciardo an Vettel, dann haben auch die Nachwuchsstrategen verloren.

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