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Formel 1 : Schumacher zeigt Herz als Organspender

Denkt über den Tod hinaus Bild: AP

Der König der Autofahrer gibt nun Gas für die wohl bedeutendste karitative Initiative des deutschen Sports. Denn: Ein Drittel der Patienten stirbt, weil kein Organ zur Verfügung steht.

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          Jung, stark, erfolgreich. Wer macht sich in einer solchen Phase Gedanken über das Ende irdischen Lebens? "Es kommt nicht oft vor", sagt Hans Wilhelm Gäb, der Präsident des Frankfurter Vereins Sportler für Organspende (VSO), ,,daß sich die Pächter des Glücks mit der Endlichkeit des Lebens und mit dem Thema Krankheit befassen." Und es kommt noch seltener vor, daß sich ein Formel-1-Pilot mit den möglicherweise fatalen Konsequenzen eines Frontal-Crashs bei Tempo 300 auseinandersetzt.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          "Wir sind Verdrängungsspezialisten", sagte der Grand-Prix-Pilot Gerhard Berger vor seinem Rücktritt. Seine Nachfolger sind immer noch virtuose Künstler bei dem Versuch, die Gefahr für Leib und Leben auszublenden. "Aus Sicherheitsgründen", wie die meisten Mitglieder der Saus-und-Braus-Gemeinschaft erklären, wenn sie sich denn schmallippig und wortkarg zur Frage nach den Risiken äußern. Denn Angst auf der Piste bremst nicht nur, sie ist auch gefährlich. Und so läßt sich Michael Schumacher schon lange nicht mehr auf die Diskussion ein. "Ich kalkuliere das Risiko und gehe nicht über das Limit", sagt er immer wieder, "wenn dennoch etwas passiert, dann ist es Schicksal."

          Viele Patienten sterben, weil kein Organ zur Verfügung steht

          Trotzdem hat der 36jährige Chefpilot von Ferrari kurz vor dem Start in seine 14. komplette Saison am Sonntag in Melbourne über den Tod hinausgedacht und eine Entscheidung getroffen. Seit Mitte Februar gehört der siebenmalige Weltmeister dem VSO an und unterstützt zudem den Verein Kinderhilfe Organtransplantation (KiO). Schumacher ist bereit, Organe zu spenden: "Wenn ich einmal nicht mehr da bin und ein anderer Mensch könnte mit einem Organ von mir weiterleben", sagte er dieser Zeitung, "dann wäre das eine gute Sache."

          Didgeridoo-Unterricht vom Bürgermeister von Melbourne

          Hans Wilhelm Gäb ist begeistert. Nach Franz Beckenbauer, Boris Becker, Steffi Graf, Jürgen Klinsmann, Franziska van Almsick, Jan Ullrich und anderen Sportheroen gibt der König der Autofahrer nun Gas für die wohl bedeutendste karitative Initiative des deutschen Sports. "Schumacher hat bei vielen Gelegenheiten gezeigt, daß er ein Herz für andere Menschen hat", sagt Gäb, "als eine der großen Persönlichkeiten der Sportgeschichte wird er der lebensrettenden Idee der Organspende zu noch größerer Verbreitung und Unterstützung helfen." Denn trotz der großen Resonanz unter den Olympiasiegern, Welt- und Europameistern muß Gäb täglich trommeln. Pro Jahr warten etwa 14.000 Menschen auf ein neues Organ, doch nur rund 4000 werden übertragen. Die Deutschen sind zwar spontan für die gute Sache, knapp drei Viertel der Bevölkerung wären laut Umfragen bereit, nach ihrem Tod ein Organ zu spenden. Den Ausweis aber tragen nur 14 Prozent bei sich. Ein Drittel der Patienten, die auf eine Leber, eine Lunge oder ein Herz angewiesen sind, stirbt, weil kein Organ zur Verfügung steht.

          „Wenn ich mal Servus sage, dann bedient's euch“

          "Wenn ich mal Servus sage, dann bedient's euch", teilte der Fußball-Kaiser 1996 bei der Gründung der Initiative mit. Ein Beckenbauer zieht. Längst hilft der FC Bayern unter Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß mit Wort und Tat. In der neuen Allianz-Arena plant der Rekordmeister ein Benefizspiel auszutragen. Der Deutsche Fußball-Bund hat den Ball ebenso aufgenommen wie die hohe Sportpolitik. Thomas Bach, Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, Klaus Steinbach, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Sporthilfechef Hans Ludwig Grüschow folgten Gäbs Ruf. Der Präsident des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen, sagte dieser Tage auf Anfrage seine Unterstützung zu.

          Selbst Formel-1-Manager Bernie Ecclestone ließ sich beeindrucken. Als die Familie des 2004 verstorbenen Mercedes-Managers Helmut Werner um Spenden für die "Kinderhilfe Organtransplantation" bat, überwies der Brite 25 000 Dollar. "Es gibt Eltern, die ihre letzten Ersparnisse aufbrauchen müssen, die in soziale Not geraten, um ihren Kindern in weit entfernten Kliniken nahe sein zu können", sagt Gäb. "Hier versuchen wir, die Not zu lindern. Später unterstützen wir den Versuch, den oft jahrelang kranken Kindern wieder zu Selbstvertrauen und Leistungsfähigkeit zu verhelfen."

          Einem anderen Menschen eine zweite Chance schenken

          Gäb, einst Vizepräsident von General Motors in Europa und deutscher Tischtennismeister, hat am eigenen Leib gespürt, was es heißt, auf ein lebenswichtiges Organ zu warten. "Ich stand kurz vor der Katastrophe." Gäb erhielt 1994 eine neue Leber. Dennoch versteht er, daß nicht jeder leichten Herzens einen Organspenderausweis vor der Brust trägt. "Das ist nicht einfach, es gehört schon Mut dazu. Aber sie können jemandem eine zweite Chance schenken."

          Und nicht nur das nackte Leben. Der neuseeländische Sportler Jonah Lomu, eine Art Michael Jordan des Rugby, will mit einer Spenderniere im nächsten Jahr für die "All Blacks" an der Weltmeisterschaft teilnehmen. Sean Eliott und Alonzo Mourning kehrten nach Transplantationen auf das Parkett der besten Basketball-Liga der Welt zurück. "Es gibt keine Einschränkungen", sagt Gäb. VSO-Generalsekretär Hartwig Gauder dient als Beweis. Der Olympiasieger im Gehen absolvierte mit einem neuen Herzen unter anderem den New-York-Marathon und bestieg den 3776 Meter hohen Fuji. Gäb, unter anderem Berater von DaimlerChrysler, arbeitet täglich wenigstens zwölf Stunden. Die Werbung Schumachers hat ihn dabei nicht aufgehalten. Der Rheinländer reagierte auf den ersten Versuch ohne zu zögern: "Klar, das kann ich mir vorstellen."

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