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Formel 1 : Scheitern auf hohem Niveau

Austausch mit verdecktem Visier: Bernie Ecclestone (links) und Sebastian Vettel Bild: AFP

In der kommenden Saison wird das technische Reglement so grundlegend geändert wie seit Jahren nicht mehr. Und doch, das ist jetzt schon deutlich, geht das Leben in der Formel 1 weiter wie bisher.

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          Noch ist nicht klar, wie viele Rennen die Formel-1-Saison 2014 umfasst, aber wenigstens steht fest, dass ihr Beginn in den Sommer fällt. Oder besser gesagt: fiel. Und zwar auf den Freitag und den Samstag vor dem ungarischen Grand Prix 2013 am Sonntag. Denn in der kommenden Saison wird das technische Reglement so grundlegend geändert wie seit Jahren nicht mehr: Die Achtzylinder-Motoren weichen neuen Sechs-Zylinder-Turbo-Aggregaten mit Hybridantrieb. Und doch, das ist schon jetzt deutlich, geht das Leben in der Formel 1 weiter wie bisher: Höchstgeschwindigkeit auf der Strecke, Schneckentempo im wirtschaftlichen und politischen Überlebenskampf dahinter.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          “Tatsächliche Einsparungen, die wir diskutiert haben, wird es nicht geben“, sagte Franz Tost am Freitagnachmittag. Und 2014 schon gar nicht. Etwa 20 Millionen Euro sollen die Teams für die neue Motorentechnik zahlen, sofern sie diese nicht - wie Ferrari, Mercedes und Renault - selbst entwickeln, sondern einkaufen. Die alten Motoren haben zuletzt etwa sechs bis acht Millionen Euro pro Saison gekostet. Und die Testfahrteinschränkung wird 2014 ebenfalls gelockert und viel Geld kosten. Tost, Teamchef des Red-Bull-Tochterteams Toro Rosso, stand Rede und Antwort während einer Pressekonferenz des Internationalen Automobil-Verbandes Fia.

          Neben ihm saß Claire Williams, Tochter von Sir Frank und inzwischen stellvertretende Teamchefin des gleichnamigen Rennstalls mit großer sportlicher Vergangenheit und trister Gegenwart. Neun Konstrukteurstitel, sieben Fahrerweltmeisterschaften hat Williams gewonnen, aber in dieser Saison, am Sonntag in Ungarn, erst einen einzigen WM-Punkt. „Ich muss Geld ins Team holen“, sagte Claire Williams: „Ich mache mir ständig Sorgen, wenn ich mir die Kostensteigerungen anschaue. Ob das vernünftig und nachhaltig ist, was wir hier machen, ist letztlich unerheblich - das ist unser Sport. Um darin Erfolg zu haben, brauchen wir eine faire Basis. Im Moment fahren einige Teams mit einem Budget von 50 Millionen Pfund, andere mit 250 Millionen Pfund. Das ist eines unserer größten Probleme.“

          Während Tosts Team im Wesentlichen durch das Patronat des Red-Bull-Gründers Dietrich Mateschitz finanziert wird, deshalb bei der ständigen Suche nach Geldquellen nicht so akut unter Druck steht wie die Konkurrenz, droht dem Williams-Rennstall der Abstieg aus dem Mittelfeld in die Bettlerkaste des Fahrerlagers, weit entfernt von den finanziellen Möglichkeiten des sportlichen Aufsteigers der aktuellen Saison, Mercedes. Auch Toto Wolff, Teamchef der Silberpfeile, nahm an der Pressekonferenz teil. Der Frage, wie es sich sein Team leisten kann, innerhalb der bestehenden Kostenvereinbarungen Woche für Woche um Personal zu werben, wich der Österreicher eloquent aus: „Wir müssen darauf achten, welchen Einfluss die Vereinbarung auf den laufenden Betrieb hat.“

          Dagegen ist Williams, jenes Team, an dem Wolff nach wie vor Anteile hält und ihm für 2014 Mercedes-Motoren verkauft, auf der Piste nur noch schneller als Caterham und Marussia. Die Einsteiger der Saison 2010 haben bis heute den Anschluss nicht geschafft. Und Marussia soll weiterhin ausgeschlossen bleiben von den finanziellen Segnungen der Vereinbarungen zwischen dem Formel-1-Vermarkter, der Fia und den Teams.

          Am Samstag versandte die Fia eine Pressemitteilung zum sogenannten Concorde-Agreement, das stets das komplizierte Verhältnis zwischen Fia, Formel-1-Manager Ecclestone und Teams fixiert. Mit Ende des vergangenen Jahres ist das alte Concorde Agreement ausgelaufen. Jean Todt braucht die Einnahmen aus dem neuen Vertrag schnell, möglichst bevor Ende des Jahres seine Wiederwahl als Fia-Präsident ansteht. Ecclestone wiederum könnte, spekuliert mancher, auf Zeit spielen, so lange der Vertrag nicht unterschrieben ist, wird er gebraucht. Das wäre kein schlechtes Argument gegenüber den Besitzern der Formel-1-Vermarktungsrechte, dem britischen Investment-Unternehmen CVC, und den Teams.

          Denn Ecclestones Position ist angesichts des drohenden Prozesses wegen Bestechung und Beihilfe zur Untreue im Herbst in München gefährdet. Einstweilen war in Ungarn allerdings Zeit für ein Signal wider die Untätigkeit: Also unterschrieben Fia-Präsident Jean Todt und Ecclestone eine Vereinbarung, dass ihre Organisationen demnächst das Concorde Agreement unterschreiben werden. „Alles in trockenen Tüchern“, sagte Ecclestone anschließend. Tatsächlich? Jedenfalls setzt er sein bestes Spiel fort. Auf dass auch in der Saison 2014 das Rennen um die besten Absichtserklärungen, die elegantesten Ausweichmanöver und die waghalsigsten Finanzierungspläne zum Großen Preis wird.

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