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Formel-1-Pilot Pascal Wehrlein : Auf der Suche nach dem nächsten Parkplatz

Pascal Wehrlein hat bei Sauber keine Zukunft. Bild: LECOCQ/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Pascal Wehrlein hat beim Formel-1-Rennstall Sauber keine Zukunft. Mercedes-Chef Wolff versucht, seinen Perspektiv-Piloten zu vermitteln – doch das scheint nicht so einfach.

          In England sprechen sie von der „silly season“, von der verrückten Jahreszeit. Wenn der Sommer endet, dann wird in der Formel 1 darüber verhandelt, wer im folgenden Jahr in den Rennautos sitzt. Ferrari hat den ersten Zug gemacht und pünktlich vor dem Großen Preis von Italien in Monza an diesem Sonntag die derzeitige Fahrerpaarung Sebastian Vettel/Kimi Räikkönen bestätigt. Andere Teams werden folgen. Gerüchte gibt es viele: Wechselt Fernando Alonso von McLaren zu Williams? Oder zieht es den Spanier zu Renault? Verlässt Max Verstappen trotz eines Vertrags Red Bull? Einer kommt bei alledem nicht vor: Pascal Wehrlein. Dabei ist es sicher, dass der Deutsche seinen Platz im Sauber-Rennstall nach dieser Saison verlieren wird. Wie es weitergehe? „Ich weiß es nicht, es gibt noch keine Neuigkeiten.“ In ein paar Wochen könnte er ein gutes Beispiel dafür sein, wie eine Formel-1-Karriere zu Ende gegangen ist, ehe sie so richtig begonnen hat.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          22 Jahre ist Wehrlein alt, 31 Grands Prix hat er seit Beginn der vergangenen Saison für die Rennställe Manor und Sauber absolviert. Dort hatten ihn die Verantwortlichen von Mercedes plaziert, um Wehrlein Rennerfahrung zu geben. Der Plan: Mittelfristig sollte sich der Deutsche so in Position bringen, um einmal das Steuer eines Silberpfeils zu übernehmen. Schon vor der Saison wurde Wehrlein als möglicher Nachfolger von Weltmeister Nico Rosberg gehandelt, die Buchmacher sahen ihn zeitweise sogar in der Pole Position. „Pascal ist mit Sicherheit die Zukunft, er hat ungeheuren Speed, ist aber auch noch sehr ungestüm. Unser Plan ist es, unsere Junioren über zwei oder drei Jahre auszubilden, bevor sie die Erfahrung und auch die Fehlerquote haben, die wir für unseren Silberpfeil brauchen. Da ist er noch nicht“, sagte Mercedes-Sportchef Toto Wolff zu Beginn dieses Jahres.

          Für wen Wehrlein in der kommenden Saison fährt, ist noch unklar.

          Schon der Deal mit Sauber kostete Wolff viel Zeit und einiges an Verhandlungsgeschick. Wie es heißt, habe Mercedes für die Fahrpraxis des Juniors auch Geld bezahlt. Nun aber ändern die neuen Besitzer des Schweizer Rennstalls ihre Strategie und wollen angesichts der neu aufgelegten Partnerschaft mit Ferrari vor allem auf Nachwuchsfahrer aus der Talentschmiede der Scuderia setzen. Einer der Kandidaten ist Charles Leclerc, ein 19 Jahre alter Monegasse, der derzeit die Gesamtwertung in der Formel 2 anführt. Ein anderer: Antonio Giovinazzi. Der 23 Jahre alte Italiener ersetzte Wehrlein bereits in diesem Frühjahr in Australien und China, als der Deutsche wegen gebrochener Wirbel nach einem Unfall beim „Race of Champions“ ausfiel. Wieder einmal ist Wolff also auf Jobsuche. „Mercedes führt die Gespräche für mich, ich vertraue da komplett Mercedes, was meine Zukunft angeht“, sagt Wehrlein. Ich welchem Team er sich am liebsten sehe? „In irgendeinem. Es wäre erstmal wichtig, in der Formel 1 zu bleiben.“ Allerdings hat Wolff sein Radar längst ausgeweitet und sagt gegenüber dieser Zeitung: „Wir prüfen mit Pascal alle Optionen in und außerhalb der Formel 1. Dann setzen wir uns zusammen und treffen gemeinsam eine Entscheidung.“

          Noch 2010 kreisten sieben Deutsche in der Formel 1, in der kommenden Saison könnten es nur noch zwei sein: Vettel bei Ferrari und Nico Hülkenberg bei Renault. Dass Wehrlein noch eine realistische Chance auf ein Cockpit in der Königsklasse besitzt, bezweifeln die meisten Experten. Dabei liegt der Bruch in seiner Karriere schon in der vergangenen Saison. Bei Manor überzeugte Wehrlein seinerzeit, gewann auch das interne Duell gegen seinen Teamkollegen Esteban Ocon, einen weiteren Mercedes-Junioren. Beide Fahrer haben sich so für höhere Aufgaben empfohlen. Force India zeigte Interesse, entschied sich letztlich aber für den Franzosen. Über die Gründe gibt es unterschiedliche Auslegungen. Es heißt, dass sich Wehrlein während der Testfahrten für Force India als kleine Diva gezeigt habe und sich danach sowohl Ingenieure als auch Mechaniker gegen eine Zusammenarbeit mit ihm ausgesprochen haben sollen. Andere behaupten, Force India soll enttäuscht darüber gewesen sein, dass Wehrlein keine Geheimnisse über den Erfolg von Mercedes verraten wollte.

          Nun ist ausgerechnet Force-India seine letzte Hoffnung. Ocon hat dort in den vergangenen Monaten gezeigt, was in ihm steckt, er bietet seinem Teamkollegen Sergio Perez so sehr die Stirn, dass es wiederholt zwischen beiden krachte. Zuletzt flogen am vergangenen Sonntag Karbonteile über die Strecke in Spa-Francorchamps. Die Fahrerpaarung steht deshalb längst auf der Probe. Force India-Manager Otmar Szafnauer drohte seinen Fahrern nun vor dem Rennen in Monza: „Wenn das wieder passiert, müssen wir das in Betracht ziehen. Wir müssten darüber nachdenken, wen wir ins Auto setzen.“ Wie inzwischen das Verhältnis zwischen ihm und Force India sei? Wehrlein sagt: „Alles okay, alles gut.“ Für die verbleibenden acht Rennen dieser Saison hat er vorerst nur ein Ziel: nicht Letzter zu werden. Sechs Punkte trennen Sauber derzeit von McLaren (5:11 Punkte) in der Konstrukteurswertung. Es geht dabei nicht nur um die Ehre, sondern um ein Millionen-Preisgeld. „Es ist noch möglich“, sagt Wehrlein. Die Wahrheit liegt auf der Strecke – auch für ihn.

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