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Formel 1: Saisonauftakt in Melbourne : Zurück zu Glanz und Gloria?

Schneller als im Vorjahr: Nico Rosberg bei einer Testfahrt in Barcelona Bild: dpa

Mercedes hat alles auf den Kopf gestellt und die Konkurrenz mit seinen Schachzügen getroffen. Die Silberpfeile starten mit Vollgas in die neue Saison.

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          Niemand in der Formel 1 hat in den vergangenen Monaten so viel Wind gemacht: Den Formel-1-Wahrsager Niki Lauda als sportpolitischen Kontaktmann zur Zirkusführung eingekauft, Starpiloten Lewis Hamilton verpflichtet, Mister Mercedes Norbert Haug abfahren lassen und Torger Christian „Toto“ Wolff zum Sportchef gemacht. Einen Österreicher, der Deutschlands nominelles Flaggschiff unter den Automobil-Konzern in der englischen Formel-1-Industrie plazieren soll, an Nummer eins. Mercedes startet mit Vollgas in die Saison 2013. Nach drei vergeblichen Anläufen, mit Pomp und Pathos an die glorreichen Zeiten der Silberpfeil-Ära anzuknüpfen, erlaubt die Konzernführung der Motorsportabteilung einen Neustart. Eine weitere Chance wird es nicht geben.

          Ein spektakulärer Machtwechsel ist nicht zu erwarten

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Ob diese Konstellation den silbernen Boliden aus England mit Stuttgarter Eigentums-Stempel auf der Haube kurzfristig mitten hinein in den Kampf um den Titel katapultiert? Das kann eigentlich kaum sein. Denn die Formel 1 hat sich lange nicht mehr so wenig bewegt. Das technische Reglement blieb fast unverändert. Solange die Siegertypen des vergangenen Jahres, Red Bull und Champion Sebastian Vettel, ihr Handwerk nicht verlernt haben, dürfte es keinen spektakulären Machtwechsel geben. Dennoch herrscht Unruhe. Denn Mercedes hat ja nicht nur intern alles auf den Kopf gestellt, sondern mit seinen Schachzügen die Konkurrenz getroffen, wahrscheinlich sogar geschwächt. McLaren verlor nicht nur Hamilton, zweifellos einer der schnellsten Piloten.

          Inzwischen ist McLarens Technik-Chef Paddy Lowe seiner Aufgabe entbunden worden. Weil er spätestens, zumindest offiziell, von 2014 an für Mercedes über Beschleunigungswege in der Formel 1 nachdenkt. Das ist nicht die erste Offensive der Deutschen am Personalmarkt, aber wohl die aggressivste. Mercedes räubert in den Führungszirkeln. Und scheut sich nicht, den Wirbel ins eigene Team zu übertragen. Andernfalls hätte sich Wolff kaum getraut, die Hierarchie unmissverständlich in Frage zu stellen. „Wenn Paddy Lowe zu Mercedes kommen sollte, dann würde es mit Ross (Brawn, dem Teamchef) eine ganz strukturierte Nachfolgeregelung geben, die in beidseitigem Wohlwollen und zum Vorteil des Teams geschehen wird“, sagte Wolff.

          Was das angesichts des wohl abgesprochenen Wechsels heißt? Dass der berühmte Teamchef Brawn von Lowe 2014 abgelöst wird. Im Grunde ist das ein Misstrauensvotum, aber ein begründetes. Schließlich hat Brawn von Ende 2009 an Jahr für Jahr vom Sprung an die Spitze gesprochen. Es reichte aber nur zu einem Sieg mit Nico Rosberg in China 2012. Ansonsten fiel der Silberpfeil nur mit einer speziellen Konstanz auf: Im Frühjahr stets recht fix, im Herbst längst überholt. Die Unfähigkeit, mit der Entwicklungsgeschwindigkeit Schritt halten zu können, zieht sich wie ein roter Faden von den Honda-Zeiten selbst über das Jahr des WM-Sieges (2009) bis zum Finale 2012. In dieser Phase hat das Team zwar zweimal den Namen ändern müssen. Aber die Stammbesetzung blieb - unter der Führung von Brawn. Das wird sich ändern.

          Rosberg ist zwei Sekunden schneller als 2012

          Red Bull, Ferrari, McLaren oder Lotus haben längst registriert, dass Mercedes peu à peu die eingeschliffenen Bahnen verlässt und neue, für sie „gefährliche“ Wege beschreitet. Dazu gehört die Überwindung der von den Engländern durchaus geschätzten Isolation des Teams, das frei von tieferen Einblick und Zugriffen des deutschen Geldgebers letztlich erfolglos um sich selbst kreiste. Denn Wolff, der smarte Hobbypilot mit professionellen Steuerkenntnissen, residiert nicht in Stuttgart weit vom Schuss, sondern dort, wo das Herz des Rennstalls pulsiert: in Brackley. Während sein Vorgänger Haug Mercedes mit geschickter Hauspolitik in die Formel 1 zurückbrachte und mehr als 22 Jahre im Spiel hielt, kommt mit Wolffs Bestellung eine neue England-Politik zum Zuge.

          Er lehnt das Wort „Kontrolle“ zwar ab und spricht lieber von „aktiver Teilnahme der Motorsportleitung am Geschehen in Brackley“. Weil die Engländer als Erfinder des Rennsports und Herrscher über die Aerodynamik im Motorsport sehr empfindlich auf brüske Vorgaben vom Kontinent reagieren. Aber Wolff will, so muss man ihn verstehen, durchregieren. Denn der 41 Jahre alte Geschäftsmann steht nicht nur als Anteilseigner (40 Prozent zusammen mit Niki Lauda), sondern vor allem als Gewinnbeteiligter unter dem Druck, Erfolg haben zu müssen: „Ich habe keinen Raum zum Versagen.“

          Zwei Männer für den Stern: Teamchef Brawn (links) und Sportchef Wolff

          Vor diesem Hintergrund erscheinen Wolffs Ankündigungen glaubwürdig. Er will schon wissen, welche Kandidaten in seinem Team auf der Kippe stehen. Sie und alle, die vom Konzept nicht überzeugt sind, haben bis zum Ende des vierten Rennens oder allenfalls drei Monate Zeit, sich zu entscheiden. Für Wolff und für das Leitmotiv, den Stern nicht nur auf der Teamkleidung zu tragen, sondern sich bewusst zu werden, dass die Wiederbelebung des Silberpfeils 58 Jahre nach dem letzten WM-Sieg besonderen Ruhm verheißen könnte. Etwa mit dieser Schlagzeile: Engländer führen Mercedes zum Triumph.

          Ob das schon 2013 möglich ist? Die Bestzeit von Nico Rosberg beim Abschlusstraining in Barcelona wird mit Vorsicht genossen, ebenso ungewiss ist die Aussagekraft der drittschnellsten freien Training von Melbourne am Freitag. Aber Rosbergs Rundenzeit in Barcelona lag zwei Sekunden unter der besten Tour im Qualifikationstraining für den Großen Preis von Spanien auf derselben Piste 2012. Mercedes ist also in jedem Fall ein Stück vorangekommen über eine Runde. Und so könnte es sein, dass der Stern dank der alten Besatzung, der vor einem Jahr eingekauften Ingenieure und einem größeren Budget schon jetzt aufsteigt. Ob die begonnenen Umbauarbeiten greifen und der frische Wind bei Mercedes in einen Sturm an die Spitze mündet, lässt sich allenfalls 2014 erkennen.

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