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Formel 1 : Ron Dennis sieht sich als Opfer der italienischen Justizwillkür

  • -Aktualisiert am

Unter Druck: McLaren-Teamchef Ron Dennis Bild: AFP

Die Spionage-Orgie in der Formel 1 geht weiter: Nun ermittelt auch die Staatsanwaltschaft. Doch zunächst droht den auf der Piste so erfolgreichen Silberpfeilen Gefahr vom Weltverband FIA. Beim einem Schuldspruch droht sogar der WM-Ausschluss.

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          Die Herren kamen in Zivil, diskret, zum zweiten Mal nach Sonnenuntergang. Im Fahrerlager der Formel 1 in Monza war kaum noch jemand zu sehen am Samstag, als die Teamführung von McLaren-Mercedes im ersten Stock ihres Motorhomes noch zwei Carabinieri empfing und die Ausweitung der Spionageaffäre vom sportjuristischen Fall zu einer staatlichen Angelegenheit quittierte. McLarens Chef Ron Dennis wurde über die Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens durch die Staatsanwaltschaft von Modena unterrichtet. Das bestätigte der deutsch-britische Rennstall am Sonntag.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Unter der Leitung von Staatsanwalt Giuseppe Tibis untersuchen die Beamten nun, ob neben Dennis vier McLaren-Angestellte und der frühere Werkstattleiter von Ferrari, Nigel Stepney, wegen des Besitzes von Industriegeheimnissen, wegen Sportbetrugs sowie - im Falle Stepney - auch noch wegen Sabotage der Ferrari angeklagt werden können. Ausgelöst wurde die Affäre durch den Vorwurf von Ferrari, der suspendierte McLaren-Ingenieur Mike Coughlan habe 780 Seiten geheimer Informationen über den Ferrari F2007 illegal vom inzwischen entlassenen Stepney erhalten und sei zuvor über Abstimmungsvarianten des Boliden aus Maranello unterrichtet worden. Ferrari geht davon aus, dass Coughlan nicht als Einzeltäter gehandelt hat, sondern die Hinweise von seinem Team genutzt wurden. Ob es zu einer Anklage kommt, ist nicht sicher. Bis zum Abschluss der Ermittlungen kann ein Jahr vergehen.

          FIA will „neue Beweise“ würdigen

          Die Formel 1 ist schneller. In drei Tagen, am Donnerstag, sitzt der Motorsport-Weltrat des Internationalen Automobil-Verbandes (FIA) in Paris zu Gericht. In einer Anhörung sollen die 26 Mitglieder laut FIA "neue Beweise" würdigen und entscheiden, ob McLaren-Mercedes geistiges Eigentum von Ferrari zur Beschleunigung des eigenen Boliden verwendete. "Wie immer in solchen Angelegenheiten hoffe ich, dass die Wahrheit ans Licht kommt", erklärte Ferrari- und FIA-Präsident Luca di Montezemolo.

          Das Urteil der Fans

          Auch Dennis setzt auf dieses Ergebnis. Der 60-jährige Brite wollte zwar bis zum Beginn des Verfahrens auf Rat seiner Juristen nichts sagen. Am Sonntag aber beklagte sein Rennstall schriftlich, Opfer einer willkürlichen italienischen Justiz zu sein. Weil das Team unmittelbar vor dem Start zum Qualifikationstraining, in einer hektischen Phase, erstmals von den Beamten aufgesucht worden war, die Annahme der Dokumente aber zunächst verweigert hatte: "Wir nehmen stark an, dass die Art und das Timing dieses ganz unnötigen Kontaktes unsere Vorbereitung auf das wichtige Training und die Anhörung durch den Motorsport-Weltrat stören sollte."

          „Blind für die Fakten“

          Dennis irritierte der Besuch offenbar so stark, dass er nach dem erfolgreichen Qualifikationstraining am Nachmittag in der obligatorischen Pressekonferenz die Störung trotz konkreter Nachfrage vergessen hatte: "Noch ist nichts passiert", sagte er, "ich weiß nicht, ob noch etwas folgen wird. Aber bisher hat sich nichts getan." McLaren-Mercedes Opfer einer Kampagne? Der Vorwurf, mit Ferraris Konstruktionsideen den MP4-22 zum Spitzenmodell beflügelt zu haben, ist nach den Untersuchungen der FIA nicht zu halten. Alle Entwicklungsschritte rund um den silbergrauen Boliden wurden intensiv auf rote Spuren hin überprüft. Die FIA fand bislang keine Hinweise für die Verwendung der geheimen Ferrari-Akten.

          Allerdings besteht noch der Verdacht, McLaren-Mercedes könnte schon vor der Übermittlung des Dossiers auf anderem Wege von der Konspiration Coughlan/Stepney profitiert haben. Etwa mit Hinweisen, welche Abstimmungen Ferrari fährt, welche Strategien die Italiener anwenden. Deshalb wehrte sich die überraschend akribisch untersuchende FIA gegen die im Fahrerlager kursierende Kampagnen-Theorie: "Wer glaubt, die Untersuchung richte sich nicht ausschließlich auf die Einhaltung der sportlichen Fairness", teilte ein Sprecher des Verbandes mit, "ist blind für die Fakten."

          Hunderte Telefongespräche

          Als Fakten bezeichnet der Verband die Ergebnisse seiner intensiven Recherche im Namen von "Fairness und Rechtmäßigkeit": Demnach hat Weltmeister Fernando Alonso auf massiven Druck hin zugegeben, via E-Mail von seinem Kollegen, dem Testfahrer Pedro de La Rosa, über Abstimmungsdetails des Ferraris bereits im Frühjahr informiert gewesen zu sein. Quelle des Informationsflusses für die beiden Piloten und auch einige Ingenieure soll der längst suspendierte Coughlan gewesen sein. McLaren-Chef Dennis hält ihn aber immer noch für "isolated acting", also für einen Solisten, dessen illegal erworbenes Wissen nicht ins Team sickerte und dort auch nicht genutzt wurde.

          Coughlan bestätigte diese Version. Allerdings hatte der Brite auch behauptet, wenig Kontakt zum entlassenen Ferrari-Mann Stepney unterhalten zu haben. Ein Dossier soll ihn nun widerlegen. Die beiden haben angeblich Hunderte Telefongespräche und einen regen E-Mail-Austausch gepflegt, begonnen schon vor dem ersten Rennen Mitte März in Melbourne.

          WM-Ausschluss ist möglich

          Sollte der Weltrat am Donnerstag die Einzeltäter-Theorie verwerfen, dann droht McLaren-Mercedes eine drakonische Strafe. Nach Angaben der FIA ist ein WM-Ausschluss möglich. Der Mann, der in der Szene alles zu beherrschen scheint, lehnte ein Vor-Urteil ab. Chefmanager Bernie Ecclestone muss auf seine Rolle als unvoreingenommenes Weltrats-Mitglied achten. Schließlich hat er am Donnerstag über die Zukunft von McLaren-Mercedes und vielleicht die seines Lebenswerkes zu entscheiden.

          Laut der italienischen Sportzeitung "Gazzetta dello Sport" aber scheint der blitzschnelle Denker schon ein Grundsatzurteil gefällt zu haben, das in jedem Fall stimmt: "Was derzeit in der Formel 1 passiert, ist wie eine Orgie, in der sich jeder auf den anderen stürzt."

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