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Daniel Ricciardo : Spaß auf der Überholspur

An dieses Bild muss sich die Formel 1 gewöhnen: Daniel Ricciardo fährt vorne mit Bild: AFP

Daniel Ricciardo ist der Fahrer des Jahres: Teamkollege Sebastian Vettel hat er längst abgehängt und macht im unterlegenen Red Bull Jagd auf Mercedes. Wird er der lachende Dritte im Kampf um den WM-Titel?

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          Es ist eine einfache Frage, deshalb gibt Daniel Ricciardo eine verblüffend einfache Antwort. Was ihn derzeit besser mache als seinen Teamkollegen Sebastian Vettel, den viermaligen Weltmeister? „Ich fahre schnell dort draußen, das hilft“, sagt der 25 Jahre alte Australier. „Durch die vergangenen Monate habe ich viel Selbstbewusstsein gewonnen, ich genieße die Zeit deshalb sehr.“ Zwölf Rennen reichten ihm, um die Hierarchie bei Red Bull auf den Kopf zu stellen.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auf einmal hat Vettel einen Mann an seiner Seite, der ihn derzeit in allen relevanten Vergleichen distanziert: Ricciardo hat mehr Siege in diesem Jahr (3:0), er entscheidet die internen Qualifying-Duelle für sich (7:5) und hat deshalb auch in der Gesamtwertung mehr Punkte gesammelt als der Deutsche (156:98). Was das aus dem Verhältnis der beiden mache? „Natürlich mag es niemand, zu verlieren, aber Seb zeigt mir gegenüber sehr viel Respekt“, sagt Ricciardo.

          Er ist der Mann des Lächelns im Fahrerlager der Formel 1. Auch in Monza vor dem Großen Preis von Italien an diesem Sonntag (Start: 14.00 Uhr / Live bei RTL, Sky und im Formel-1-Ticker bei FAZ.NET) zeigt er seine schneeweißen Zähne in jede Kamera. So tauchte er schon 2011 in seiner ersten Saison in der Königsklasse des Motorsports auf, und viele hielten es irgendwann für eine Art Maske.

          „Nein, nein, das ist es nicht“, sagt Ricciardo. „Aber warum soll ich nicht zeigen, dass ich Spaß habe?“ Den beiden Mercedes-Fahrern Nico Rosberg und Lewis Hamilton könnte er diesen noch gehörig verderben. Ricciardo ist ihr einzig verbliebener Rivale, der sich noch Hoffnungen auf den WM-Titel machen kann. „Mathematisch ist noch alles möglich, ich werde nicht aufgeben. Denn diese WM ist noch nicht vorbei“, sagt er.

          Weltmeister und Teamkollege Sebastian Vettel hat der Australier in seinem Wagen längst abgehängt

          Das Rennen in Spa vor knapp zwei Wochen: Ricciardo liegt in der Verfolgergruppe, als vor ihm die Fetzen fliegen. Rosberg und Hamilton geraten aneinander, für den Briten ist das Rennen danach gelaufen. Ob er gelächelt habe unter seinem Helm? „Von außen kann es vielleicht so wirken“, sagt Ricciardo.

          „Aber wenn du im Auto sitzt, dann versuchst du erst einmal nur heil durchzukommen. Ich wusste erst später, dass es Nico und Lewis waren. Aber das war mir egal. Es geht nicht darum, wer crasht, es geht darum, nach vorne zu kommen. Und das war eine Möglichkeit, die wir genutzt haben.“ Ricciardo gewinnt wie schon zuvor in Ungarn den Grand Prix, er - und nicht Vettel - ist der große Profiteur des Duells der beiden Silberpfeile.

          „Sebastian kam immer mehr ins Grübeln“

          Der Dominator der vergangenen Jahre wird vom Neuling bei Red Bull in den Schatten gestellt. Vettel hat nach der technischen Revolution in diesem Jahr Probleme mit dem Fahrverhalten seines Boliden mit der Typennummer RB10. „Eine Gurke“ hat er den Renner genannt, weil er für seinen Geschmack zu viel rutscht in den Kurven und das Triebwerk der Marke Renault im Heck zu wenig Power hat.

          Auch die Reifenmischungen sind in diesem Jahr zu hart für seinen Fahrstil. Doch den Ingenieuren sind die Hände gebunden: Vettel muss sich dem Auto anpassen - in der Vergangenheit war es umgekehrt. Chefdesigner Adrian Newey hatte über Jahre hinweg Rennwagen konstruiert, die Vettel auf den Leib geschnitten waren. „Sebastian kam wegen seiner Probleme immer mehr ins Grübeln“, sagt Red-Bull-Motorsportdirektor Helmut Marko.

          Erster Verfolger der Mercedes: Die Chance auf den WM-Titel ist noch da

          Doch Besserung ist nicht in Sicht. Newey zieht sich mehr und mehr aus dem Tagesgeschäft zurück, zudem bekommt Vettel im kommenden Jahr einen neuen Renningenieur. Sein Vertrauensmann Guillaume Rocquelin steigt auf zum Leitenden Ingenieur und ist dann zuständig für beide Autos, an der Seite von Vettel wird ihn Gianpiero Lambiase ersetzen, der derzeit noch bei Force India mit Sergio Perez zusammenarbeitet.

          Oder zieht Vettel gar einen Schlussstrich unter die Red-Bull-Zeit und kehrt dem Team den Rücken? Zuletzt wurde über ein 150-Millionen-Pfund-Angebot von McLaren spekuliert, doch der Deutsche wehrt ab: „Geredet wird immer, aber in der Regel ändert sich nicht so viel. Mein Hauptaugenmerk ist nicht ein Vertrag anderswo, sondern mit Red Bull Racing stärker zu werden“, beteuert der Siebenundzwanzigjährige.

          „Bis jetzt gibt es noch keine Überlegungen“

          Auch Ricciardo hat seinen Marktwert innerhalb weniger Monate vervielfacht, und nun ist es nicht einmal mehr ausgeschlossen, dass Vettel irgendwann für ihn Platz machen muss, wenn es eine Stallorder vonseiten des Kommandostandes gibt. „Bis jetzt gibt es noch keine Überlegungen“, sagt Ricciardo. „Das wäre vielleicht etwas für die letzten zwei, drei Rennen, wenn wir dann noch eine Chance auf den Titel haben sollten.“ Dann verschwindet er. Mit einem Lächeln.

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