https://www.faz.net/-gtl-7t33b

Formel 1 in Spa : Fliegende Fetzen bei Mercedes

  • -Aktualisiert am

Blechschaden im Duell der Mercedes-Piloten: Rosberg (rechts) und Hamilton fahren sich gegenseitig in den Wagen Bild: dpa

Der Streit bei Mercedes eskaliert in den Ardennen: Die Kollision zwischen Rosberg und Hamilton macht den Weg für den Sieg von Ricciardo frei. Unglücklich verläuft das Debüt von Lotterer.

          3 Min.

          Der Tag der großen und kleinen Dramen kündigte sich kurz vor dem Start zum Großen Preis von Belgien durch ein paar Regentropfen an. Doch zumindest die befürchteten Kapriolen des Ardennen-Wetters spielten beim ersten Rennen nach der Sommerpause der Formel 1 keine Rolle. Das übernahmen die Rennfahrer schon selbst. Bei Mercedes flogen die Fetzen zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg nicht nur im Rennen, auch nicht bloß sprichwörtlich.

          Die Kollision der beiden Silberpfeil-Piloten machte zum zweiten Mal in Folge den Weg für einen Sieg des Australiers Daniel Ricciardo frei. Rosberg rettete Platz zwei vor dem Finnen Valtteri Bottas im Williams ins Ziel, während Hamilton in Runde 40 mit seinem havarierten Auto endgültig die Segel streichen musste.

          Überraschend ging es danach weiter: Kimi Räikkönen lieferte als Vierter im Ferrari sein bestes Saisonresultat ab, Sebastian Vettel wurde noch Fünfter. Eine bessere Eigenwerbung für die entscheidende Phase der Saison hätte die Formel 1 nicht bieten können. In der Gesamtwertung baute Rosberg seine Führung auf 29 Punkte vor Hamilton aus, Riccardo liegt weiter 35 Zähler zurück, bei der Siegerehrung gab es jedoch Buh-Rufe für den WM-Spitzenreiter. Der gab sich zumindest halbwegs schuldbewusst: „Das hat uns beiden weh getan. Für das Team ist das enttäuschend.“

          Durch „Vermittlung, Management, Streicheleinheiten und harte Worte“ wollte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff das Prinzip der freien Fahrt für die beiden Streithähne im Silberpfeil aufrechterhalten, ohne dass das Ziel des Weltmeisterschaftsgewinns in Gefahr gerät. Nach den Ereignissen von Spa werden neuerliche Krisengespräche unvermeidlich sein. Wolff sagte: „Das lässt uns dämlich aussehen. Es liegt jetzt an uns, die Message so deutlich rüberzubringen, dass so etwas nicht wieder passiert. Das Manöver war Harakiri.“

          „Das ist nur schwer runterzuschlucken“

          Team-Aufsichtsrat Niki Lauda war ebenfalls kaum zu beruhigen: „Es ist unakzeptabel für das Mercedes-Team, dass Nico den Lewis in der zweiten Runde – ich betone in der zweiten Runde – angreift. Wenn das im Endkampf um die WM in der letzten Runde passiert, wunderbar. Aber nicht so früh im Rennen. Er hätte vom Gas gehen müssen, Lewis war klar vorn.“ Hamilton erklärte später die Harmonie im Team für beendet: „Das ist nur schwer runterzuschlucken.“

          Es dauerte nur wenige hundert Meter, da war das erste Versprechen schon gebrochen, jedenfalls das, das sich Hamilton gegeben hatte. Der Brite hatte behauptet, er würde seinen zum vierten Mal in Folge auf der Pole-Position stehenden Teamkollegen Rosberg nicht gleich in der Haarnadelkurve angreifen. Rosbergs schlechter Start und Hamiltons Geschwindigkeitsüberschuss entlarvten die Ansage sofort als Finte, und so jagten Hamilton und auch Vettel am Wiesbadener vorbei die berühmte Kurve von Eau Rouge hinauf.

          Strahlender Sieger: Daniel Ricciardo gewinnt das Rennen in Spa

          Dem Weltmeister-Auto von Red Bull Racing war nicht anzumerken, dass notgedrungen ein eigentlich schon verbrauchter Motor im Heck steckte. Als Rosberg einen Fahrfehler Vettels ausnutzte, begannen die Zuschauer schon, sich auf das in dieser Saison bereits hinlänglich bekannte Duell in Silber einzurichten.

          Ein langweiliger Nachmittag wurde es beileibe nicht. Vor der Kurvenkombination von Les Combes setzte sich Rosberg außen neben den führenden Hamilton, der vollkommen natürlich seine Ideallinie hielt. Keiner wollte in diesem strategisch wichtigen Moment nachgeben, Hamilton ließ sich nach außen tragen, der Deutsche hielt dagegen – und deshalb schlitzte das splitternde Frontflügelende von Rosberg bei der Berührung das Hinterrad am Auto des Briten auf.

          Rosberg muss die Fahrzeugnase wechseln

          Selten hat der Begriff von den fliegenden Fetzen so zugetroffen wie in diesem Fall. „Nico hat mich getroffen“, schrie Hamilton in sein Helm-Mikrofon und quälte sich auf der Felge fünf Kilometer lang in die Box. Sein Rennen war damit verloren, er ordnete sich auf Rang 19 wieder ein. Beide Autos waren durch den heftigen Kontakt aus der Balance gebracht, Rosberg kam nach neun Runden zum Wechsel der Fahrzeugnase an die Box. Damit verlor er die Führung an Ricciardo – und den Sieg.

          Der einzige Fahrer, der Mercedes in diesem Jahr überhaupt Siege wegschnappen konnte, hatte zuvor seinen Teamkollegen Vettel hinter sich gelassen. Rosberg zeigte sich unbeeindruckt, auch von einer Art Lametta, das von einem vorausfahrenden Wagen in Richtung seines Cockpits aufgewirbelt wurde, sich an der Funkantenne verfing und bis auf das Lenkrad flatterte. Gleichermaßen konzentriert, aber mit noch höherer Aggressivität bahnte er sich von Platz zehn aus seinen Weg nach vorn. Im ohnehin an Zweikämpfen und Überholvorgängen reichen Vorderfeld sorgte das für zusätzliche sehenswerte Manöver. Lediglich Ricciardo konnte sich als lachender Dritter ganz auf sich konzentrieren.

          „Schade, aber das war ein Mega-Erlebnis“

          Den frühesten Halt, noch dazu unfreiwillig, musste der Formel-1-Einsteiger André Lotterer einlegen. Sein Debüt beim Caterham-Team war in der zweiten Runde beendet – der Renault-Motor war einfach ausgegangen. Lotterer hatte sich von Startrang 21 aus schon ein paar Plätze hoch gearbeitet. Sein Schulterzucken wurde von einem leisen Lächeln begleitet: „Schade, aber das war ein Mega-Erlebnis, ein Wochenende lang Formel-1-Fahrer zu sein.“ Aber auch nur ein kleines Drama gegenüber dem großen.

          Grand Prix von Belgien, in Spa-Francorchamps (44 Runden à 7,004 km/308,052 km)

          1. Daniel Ricciardo (Australien) Red Bull 1:24:36,556 Std. (Schnitt: 228,161 km/h)
          2. Nico Rosberg (Wiesbaden) Mercedes + 0:03,383 Min. Min.
          3. Valtteri Bottas (Finnland) Williams + 0:28,302
          4. Kimi Räikkönen (Finnland) Ferrari + 0:36,815
          5. Sebastian Vettel (Heppenheim) Red Bull + 0:52,196
          6. Jenson Button (England) McLaren Mercedes + 0:54,580
          7. Fernando Alonso (Spanien) Ferrari + 1:01,162
          8. Sergio Perez (Mexiko) Force India + 1:04,293
          9. Daniil Kwjat (Russland) Toro Rosso + 1:05,347
          10. Nico Hülkenberg (Emmerich) Force India + 1:05,697
          11. Jean-Eric Vergne (Frankreich) Toro Rosso + 1:11,920
          12. Kevin Magnussen (Dänemark) McLaren Mercedes + 1:14,262 + (inkl. 20-Sekunden-Strafe)
          13. Felipe Massa (Brasilien) Williams + 1:15,975
          14. Adrian Sutil (Gräfelfing) Sauber + 1:22,447
          15. Esteban Gutiérrez (Mexiko) Sauber + 1:30,825
          16. Max Chilton (England) Marussia + 1 Runde
          17. Marcus Ericsson (Schweden) Caterham + 1 Runde
          18. Jules Bianchi (Frankreich) Marussia + 5 Runden

          Ausfälle: André Lotterer (Duisburg) Caterham (2. Runde); Pastor Maldonado (Venezuela) Lotus (2. Runde); Romain Grosjean (Frankreich) Lotus (34. Runde); Lewis Hamilton (England) Mercedes (39. Runde)

          Schnellste Rennrunde: Nico Rosberg (Mercedes) 1:50,511 Min.
          Pole Position: Nico Rosberg (Mercedes) 2:05,591 Min.

          Fahrer-Wertung nach 12 von 19 Rennen:

          1. Nico Rosberg 220
          2. Lewis Hamilton 191
          3. Daniel Ricciardo 156
          4. Fernando Alonso 121
          5. Valtteri Bottas 110
          6. Sebastian Vettel 98
          7. Nico Hülkenberg 70
          8. Jenson Button 68
          9. Felipe Massa 40
          10. Kimi Räikkönen 39
          11. Kevin Magnussen 37
          12. Sergio Perez 33
          13. Jean-Eric Vergne 11
          14. Romain Grosjean 8
          15. Daniil Kwjat 8
          16. Jules Bianchi 2

          Team-Wertung nach 12 von 19 Rennen:

          1. Mercedes 411
          2. Red Bull 254
          3. Ferrari 160
          4. Williams 150
          5. McLaren Mercedes 105
          6. Force India 103
          7. Toro Rosso 19
          8. Lotus 8
          9. Marussia 2

          Nächstes Rennen: GP von Italien am 7. September in Monza

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klima-Doku „Steigende Pegel“ : Das Meer kommt

          Drei Millimeter pro Jahr steigt das Meer zurzeit, das klingt für viele Menschen nach gar nichts. Was es wirklich bedeutet, zeigt die Dokumentation „Steigende Pegel“ bei 3sat. Die Folgen sind schon jetzt dramatisch.
          Das war einmal eine Tankstelle in Teheran. Sie wurde bei den Protesten zerstört, Benzin gibt es sowieso nur noch zur Phantasiepreisen.

          Proteste in Iran : Niemand weiß, wie viele starben

          Seit Wochen protestieren die Iraner gegen ihre Regierung, die sie vergessen hat. In den sozialen Netzwerken tobt ein Sturm. Was als Probeaufstand eingefädelt war, wurde zur Explosion in der Armutsfalle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.