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Die Unfälle von Silverstone : Kein Grund zum Schulterklopfen

Kettenreaktion: Kopfüber schlittert Zhou Guanyu über die Piste. Bild: picture alliance / HOCH ZWEI

Silverstone beweist: Unpopuläre Entscheidungen können Leben retten. Doch die Unfälle von Roy Nissany und Zhou Guanyu zeigen auch, dass es noch genug zu tun gibt für mehr Sicherheit in der Formel 1.

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          Roy Nissany? Hat keine Schramme. Zhou Guanyu? Ist vollkommen unversehrt. Das sind nach dem turbulenten Wochenende die wichtigsten beiden Nachrichten aus der Motorsportwelt. Es hätte auch anders kommen können in Silverstone. Doch Halo, der am Cockpit angebrachte Schutzbügel aus Titan, bewahrte gleich zwei Rennfahrer vor schwersten Verletzungen, womöglich sogar vor dem Tod.

          Es war ein Rennsonntag jener Sorte, wie sie alle Jahre einmal vorkommen. Die schonungslos offenlegen, dass Motorsport im Grunde halsbrecherisch ist. Dass sich bei atemraubenden Tempo die Dinge binnen Sekundenbruchteilen unaufhaltsam zur Katastrophe verketten können. Und: dass unpopuläre Entscheidungen manchmal Leben retten.

          Halo funktioniert bestens

          Die Bilder aus Silverstone sind beklemmend. Da wird, von einem wulstigen Randstein in die Luft katapultiert, aus dem Formel-2-Rennwagen von Dennis Hauger ein unaufhaltsames Geschoss, das den Boliden seines Konkurrenten Roy Nissany genau auf Kopfhöhe trifft – wo es von Halo abgewiesen wird.

          Beim Start der Formel 1 dann überschlägt sich Zhou Guanyu in seinem Alfa Romeo. Kopfüber schlittert der Chinese über die Piste ins Kiesbett, wird aufgeschaukelt und über den Reifenstapel in den Fangzaun befördert. Wieder funktioniert Halo bestens, die sieben Kilogramm Titan bewahren Zhous Kopf vor Volltreffern durch herumfliegende Teile und wirken als zusätzlicher Überrollbügel.

          Einführung war umstritten

          Genau solche potenziell tödlichen Schreckensszenarien wurden von den Halo-Befürwortern ins Feld geführt, bevor es zur Saison 2018 Pflicht wurde. Beinahe verquer wirkt unter dem Eindruck von Silverstone, wie sehr der Titanbügel damals die Gemüter erhitzte. Erbittert wurde gestritten.

          Die Rennserie, die Teams, selbst die Fahrer waren damals mehrheitlich gegen Halo. Manche bemühten ästhetische Argumente, andere führten Unfallszenarien ins Feld, bei denen sich der Bügel nachteilig auswirken könnte.

          Letztlich können sich Roy Nissany und Zhou Guanyu bei Jean Todt bedanken. Um Halo zu ermöglichen, bestand der als Chef des Internationalen Automobil-Verbandes FIA im Sommer 2017 auf sein Sonderrecht, bei sicherheitsrelevanten Aspekten allein entscheiden zu können – und setzte den Titanbügel gegen eine breite Mehrheit durch.

          Alles in Ordnung also? Keinesfalls. Die ohnehin umstrittenen Kerbs, die den Formel-2-Rennwagen in die Luft katapultierten, gehören geprüft. Warum brach bei Zhous Alfa der Überrollbügel? Wie konnte sich der Bolide in einer kleinen Lücke zwischen Reifenstapel und Fangzaun verkeilen, was die Bergung erschwerte? Und die Kiesbetten! Dass sie Überschläge begünstigen, ist nicht neu. Asphaltierte Auslaufzonen wären besser. Niemand sollte sich nun auf die Schulter klopfen. Die moderne Formel 1 ist sehr sicher, ja. Doch es bleibt genug zu tun.

          Sönke Sievers
          Stellvertretender Ressortleiter für Sport Online.

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