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Formel-1-Reform : Keine Antwort auf eine drängendere Frage

  • -Aktualisiert am

Wird es bald enger zugehen in der Formel 1? Bild: dpa

Die Formel 1 soll durch die Reform spannender, weniger komplex, billiger, gerechter, attraktiver, ertragreicher werden. Aber der gepriesenen Papierform widerspricht wenigstens eine These.

          2 Min.

          Die Formel 1 steht vor einer glorreichen Zukunft. Das hat Jean Todt, der Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes,  zwar so nicht gesagt, als er am Donnerstag in Austin von einem Aufbruch sprach, von einem neuen Kapitel der berühmtesten Rennserie. Aber das feierliche Gesicht des Franzosen, der präsidiale Tonfall während der Verkündung sollte nichts anderes zum Ausdruck bringen: Wir, verehrte Damen und Herren, schreiben jetzt Geschichte.

          Die auf der Rennstrecke vor den Toren von Austin vorgestellte Reform zählt zweifellos zu den größten Eingriffen des Verbandes und des Formel-1-Vermarkters Liberty Media in den Wettbewerb der Königsklasse. An allen Schrauben wird mächtig gedreht. Vorgeblich mit einem Ziel: die Rennen attraktiver zu machen, den Fahrern mehr Spielraum für haarige Überholmanöver zu bieten, die Zahl der Meisterschaftskandidaten zu erhöhen, eine gewisse Vorhersagbarkeit zu unterdrücken. Spannender, weniger komplex, billiger, gerechter, attraktiver, ertragreicher: Welcher Sportfreund wollte das nicht begrüßen nach sechs Jahren Mercedes- und Hamilton-Dominanz?

          Der Enthusiasmus der Reformer ist verständlich nach Jahren eines ermüdenden Kampfes und der Fehlschläge nach großen Ankündigungen. Wenn das Überholen durch massive Konstruktionsvorschriften und die Reduzierung des aerodynamisch erzeugten Abtriebs wirklich erleichtert wird, dann winken mehr Zweikämpfe unter den Besten. Nichts kann ein Autorennen attraktiver machen, Fans im Bann halten und neue Bewunderer hinzugewinnen. Die Sorge vor einer existenzvernichtenden Tempoverschleppung von bis zu sechs Sekunden pro Runde erscheint kurzsichtig.

          Spätestens seit Donnerstag, seit der offiziellen Bekanntgabe des Reglements, suchen Ingenieure fiebrig nach der Beschleunigung eines Autos, das noch keinen Meter gefahren ist. Alltagsarbeit in den Formel-1-Teams. Bisher sind die Denker immer noch fündig werden, bevor die neue Generation auf Rädern stand.

          Aber der gepriesenen Papierform widerspricht wenigstens eine These. Der spektakuläre Eingriff in die Finanzierungsfreiheit der Rennställe kann nicht zum proklamierten Ziel führen. Denn die  Reduzierung der Jahresetats auf 175 Millionen Dollar, Gehälter der Fahrer, des Spitzenpersonals und anderes nicht eingerechnet, wird die Klassengesellschaft nicht abschaffen, solange selbst mittlere Rennställe nicht annähernd so viel Geld auftreiben können. Daran wird sich mittelfristig nichts ändern. Zumal die klügsten Köpfe dorthin ziehen, wo es den meisten Lohn gibt, auf der Strecke und in der Tüte.

          Ihr Einfluss auf planbaren Erfolg (nicht nur im Motorsport) wird angesichts der zunehmenden Bedeutung der Big Data von Mensch und Maschine und ihrer schnellen wie präzisen Auswertungen noch während des Rennens wachsen. Selbst mit der avisierten Ausweitung des Rennkalenders von 21 auf bis zu 25 Grand Prix pro Saison ließe sich die Diskrepanz zwischen „Reichen“ und „Armen“ nicht entscheidend verringern.

          Sie machte die Formel 1 „nur“ zu einem Ganzjahresbetrieb, der von einer Ecke auf diesem Globus in die andere hetzt und dabei wachsenden Widerstand erfahren wird. Zumindest solange die Fia keine überzeugenden Antworten geben kann auf eine drängendere Frage: Wie Motorsport und Umweltschutz zusammenpassen kann. Mitte November soll ein ehrgeiziges Programm vorgestellt werden. Von ihm hängt es ab, welche Zukunft die Formel 1 hat – und ob es eine große Geschichte wird.

          Hier finden Sie alle sportlichen, technischen und finanziellen Änderungen im Überblick.

          Die wichtigsten Regeländerungen der Formel 1 im Überblick

          Kostenobergrenze: Erstmals gibt es eine Kostenobergrenze für alle Rennställe. Diese liegt bei 175 Millionen Dollar (157 Millionen Euro) pro Saison. Wer mehr Geld ausgibt, soll hart bestraft werden. Allerdings sind nicht alle Kosten enthalten: Fahrergehälter oder Reisekosten werden nicht mitgerechnet. Dafür aber alles, was die Entwicklung betrifft. Um Kosten zu senken, gibt es Einheitsteile für die Autos. Dieser Schritt soll den Wettbewerb fördern, da es künftig keine so großen Unterschiede mehr zwischen den Wagen geben wird.

          Neue Autos: Die Fahrzeuge werden schwerer und dadurch auch langsamer, die Rundenzeiten sollen bis zu zwei oder drei Sekunden höher werden. Dafür wird mit Hilfe einer veränderten Aerodynamik angeblich das Überholen leichter möglich. Die Macher erhoffen sich spannendere Rennen mit einem unvorhersehbaren Ausgang und keine Langweiler mehr. Der viermalige Weltmeister Sebastian Vettel sagte aber auch: „Hohes Gewicht ist für mich der Weg in die falsche Richtung.“

          Ästhetik: Auch in Sachen Ästhetik gibt es einen Schritt nach vorne: Die Autos sehen auf ersten Fotos futuristisch aus, sollen aber nicht alle komplett gleich sein.

          Rennkalender: Neu ist die Möglichkeit, dass es bis zu 25 Rennen pro Saison gibt. 2020 ist zunächst das Rekordjahr mit erstmals 22 Veranstaltungen, das dürfte ein Jahr später schon wieder getoppt werden. Es gebe viele Interessenten auf der ganzen Welt, um einen Grand Prix auszutragen, sagte Formel-1-Boss Chase Carey. Miami gehört dazu, Spekulationen gab es auch schon um ein Stadtrennen in London. Im kommenden Jahr kehrt die Rennserie nach Zandvoort/Niederlande zurück und fährt erstmals auf einem Stadtkurs in Hanoi/Vietnam.

          Motoren: Einen Einheitsmotor wird es ebenso wenig geben wie Einheitsbremsen. Lediglich kleinere Veränderungen rund um den Antrieb sind geplant – vor allem beim Treibstoff. Der Anteil an erneuerbaren Ressourcen soll zunächst auf 20 Prozent verdoppelt und später weiter gesteigert werden. Es ist ein kleiner Schritt hin zu ein wenig mehr Umweltbewusstsein der PS-Monster. In diesem Bereich will sich die Formel 1 stetig weiterentwickeln und künftig sogar Vorreiter sein.

          Drei statt vier Tage: Das Rennwochenende wird kürzer. Bislang gibt es pro Station ein viertägiges Event, bei dem alle Fahrer – und natürlich auch die Teams mit hunderten Angestellten – anwesend sein müssen. Dazu gehört auch den Medientag mit Pressekonferenzen am Donnerstag. Dieser wird abgeschafft, stattdessen sollen am Freitag Pressegespräche und später auch die ersten Trainings stattfinden. Angedacht waren zunächst auch kürzere Qualifikationsrennen anstelle des Qualifyings. Diese Idee für mehr Spektakel wurde in der Reform aber (noch) nicht aufgegriffen. (dpa)

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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