https://www.faz.net/-gtl-8wnrb

Red Bull in der Formel 1 : Schlicht und einfach zu langsam

  • -Aktualisiert am

Red Bull-Pilot Max Verstappen im Regen von Schanghai: Im Chaos plötzlich mit der schnellsten Zeit Bild: AFP

Adrian Neweys neuer Red Bull verblüfft die Formel-1-Szene. Das wenig veränderte Auto scheint auf die neuen Reglements kaum einzugehen. Doch das ist nicht das einzige Probleme des Top-Teams.

          3 Min.

          Wer hat das schnellste Auto im Feld? Vor dem ersten Rennen des Jahres in Melbourne hätten die meisten auf Mercedes gesetzt. Wer Mercedes kein viertes Jahr an der Spitze zutraute, sympathisierte mit Red-Bull. Ferrari war eher ein Außenseiter-Tipp. Die Wirklichkeit sah anders aus. Ferrari siegte vor Mercedes und Red Bull. Dabei sind neue Reglements eine Steilvorlage für Red Bull-Technikchef Adrian Newey.

          Der 58 Jahre alte Ingenieur aus Stratford-upon-Avon hat bis jetzt auf jede große Regelreform die richtige Antwort gefunden: 1993 bei Williams, 1998 bei McLaren und 2009 bei Red Bull. Meistens hatte Newey nicht nur das überlegene aerodynamische Paket auf die Räder gestellt, sondern auch den entscheidenden Vorsprung im Gesamtkonzept des Fahrzeugs erkannt. Das ist dieses Mal anders. Auch beim Großen Preis von China in Schanghai an diesem Sonntag (8 Uhr im FAZ.NET-Formel-1-Liveticker) sind andere die Favoriten.

          Dabei gab es die Regeländerungen doch auf Neweys Territorium: der Aerodynamik. Zwanzig Zentimeter breitere Autos, mehr Freiheiten bei Leitblechen und Strömungshilfen. Der Neubeginn sollte den Ingenieuren die Chance geben, den PS-Vorsprung von Mercedes auszugleichen. Doch als der neue Red Bull RB13 endlich enthüllt wurde, da war die Formel-1-Welt enttäuscht. Sollte das die letzte Antwort des Meisters gewesen sein? Der neue Red Bull sah aus wie der alte, nur mit breiteren Rädern. Das einzige Detail, das ins Auge fiel, war ein Loch in der Nase, was dem RB13 den despektierlichen Beinamen „Trüffelschwein“ einbrachte.

          Mit pragmatischem Minimalismus zum Erfolg?

          Das Auto war so gewöhnlich, dass es viele für einen Platzhalter hielten. Newey würde den richtigen Red Bull erst in Australien zeigen. Doch der Red Bull von Melbourne war praktisch identisch mit dem der Testfahrten in Barcelona. Nur Experten konnten Korrekturen an Flügeln und Leitblechen erkennen. Der neue Red Bull ist ein Gegenentwurf zur Komplexität des neuen Mercedes: Ein schlichtes Auto mit klaren Formen und wenig Strömungshilfen. Das verwirrte die Newey-Fangemeinde. Eine so verblüffend einfache, man könnte fast sagen: gewöhnliche Konstruktion? Doch genau darin liegt ihr Geheimnis. Der Red Bull soll Abtrieb ohne den ganzen Firlefanz an Strömungsausrichtern, Finnen und Winglets generieren und damit auch den negativen Effekt der neuen Regeln minimieren. Newey setzt auf so wenig Luftwiderstand wie möglich.

          Adrian Newey gibt Autogramme: 2013 wurde der Brite gemeinsam mit Red Bull und Pilot Sebastian Vettel Weltmeister, das Team gewann dazu den Konstrukteurstitel – auch weil der 58-Jährige immer die aerodynamisch besten Autos baute. Ist ihm das in diesem Jahr nicht so gut gelungen? Bilderstrecke

          Aber Max Verstappen fehlten in Melbourne 1,297 Sekunden auf die Pole Position von Mercedes-Pilot Lewis Hamilton und im Rennen durchschnittlich 0,505 Sekunden auf Sieger Sebastian Vettel im Ferrari. Teamberater Helmut Marko gab zerknirscht zu: „Wir müssen eine Sekunde aufholen. Eine halbe Sekunde liegt im Auto, die andere Hälfte beim Motor.“ Im Rennen machte sich das Leistungsdefizit weniger bemerkbar. Renault hat zurzeit aus Sicherheitsgründen in der Qualifikation keinen Motor mit maximaler Leistung im Angebot. Newey verzweifelte: „Auch mit den neuen Regeln brauchst du einen starken Motor. Es wird jetzt zehn Prozent mehr Vollgas gefahren.“ Schon bei den Testfahrten hatte sich angedeutet, dass die Ingenieure phasenweise vor einem Rätsel standen. Das Auto machte nicht, was es sollte. Kleine Änderungen in der Abstimmung haben fatale Wirkung. „Wir sind dann plötzlich meilenweit weg von dem, was das Auto können sollte, und die Fahrer verlieren das Vertrauen“, sagt Marko.

          Red Bull will innerhalb von drei Rennen reagieren. Bei Motorenpartner Renault dauert es doppelt so lang. Erst beim Großen Preis von Kanada werden mit der zweiten Spezifikation des Renault V6 Turbo alle Kinderkrankheiten der neuen Antriebseinheit aus der Welt geschafft sein. Dann hofft man, auf Mercedes-Niveau zu fahren. Ferrari hat diesen Schritt schon mit dem ersten Rennen geschafft.

          Ferraris Lobbyarbeit bringt Red Bull in die Bredouille

          Tatsächlich musste Red Bull, wie Mercedes, im Winter noch einen Stein aus dem Weg räumen. Ferrari hatte mit seiner Lobbyarbeit beim Internationalen Automobil-Verband Erfolg: Das hochkomplizierte, hydraulisch vernetzte Fahrwerk ist nicht mehr sicher vor Einsprüchen. Mercedes und Red Bull behaupten, das hätte keinen Einfluss. Was natürlich Unsinn ist, denn sonst hätte man in die „intelligenten“ Fahrwerke nicht über Jahre Millionen investiert.

          Red Bull trifft der Ausbau härter, weil das Konzept des Autos auf einem Vorteil des Systems aufbaut. Der Aufhängungstrick erlaubte es Red Bull, auf der Geraden das Heck abzusenken und die Strömung zum Diffusor abreißen zu lassen. Damit konnte Red Bull sein Auto für maximalen Abtrieb stark anstellen, ohne Geschwindigkeit auf der Geraden zu verlieren. Nun muss dem Topspeed zuliebe der Anstellwinkel reduziert werden. Das kostet Abtrieb.

          Die Kunst ist es nun, den besten Kompromiss zu finden. Max Verstappen macht Red Bulls Grundproblem nicht an der Aufhängung fest: „Wir waren bei den Testfahrten mit und ohne unterwegs. Das Auto war auch mit dem System zu langsam.“ In Milton Keynes ist bereits die große Kurskorrektur angelaufen. „Wir bringen nach China neue Teile mit. Dann sollte es besser laufen“, hofft Marko. Mercedes und Ferrari rechnen weiter mit Red Bull als wehrhaftem Gegner. „Es wird vielleicht ein paar Rennen dauern. Aber dann sind sie da“, fürchtet Niki Lauda.

          Wehrlein: Wirbel gestaucht und gebrochen – Comeback in Bahrain

          Formel-1-Pilot Pascal Wehrlein hat sich bei seinem Crash in der Saisonvorbereitung schlimmer verletzt als bislang bekannt. „Pascal hat sich bei dem Unfall Wirbel im Halswirbelbereich gestaucht und gebrochen. Er hat Glück gehabt, dass es nicht zu einer weitreichenderen Verletzung gekommen ist“, sagte Mercedes-Teamchef Toto Wolff dem TV-Sender RTL vor dem Grand Prix von China in Schanghai. Der von Mercedes ausgebildete Wehrlein steht in diesem Jahr beim Sauber-Rennstall unter Vertrag, musste aber auf seinen Start beim Auftakt in Australien und nun in China verzichten. Der 22-Jährige war beim sportlich wertlosen „Race of Champions“ in Miami im amerikanischen Bundesstaat Florida im Januar mit seinem Fahrzeug in die Streckenbegrenzung gekracht. Danach habe er sich viele Wochen „kaum rühren können und in einem Korsett verbracht. Über diese Zeit hat er nicht trainieren können und diese Kraft ist ihm ausgegangen“, sagte Wolff. Der Österreicher versicherte aber, dass Wehrlein beim Rennen in Bahrain am 16. April wieder im Einsatz sein werde. Wolff glaubt nicht, dass Wehrlein-Ersatz Antonio Giovinazzi den Deutschen wegen der Verletzungsfolgen als Stammpilot bei Sauber ablösen könnte. Die Sauber-Führung stehe „voll hinter Pascal“. Wehrlein werde zurückkommen und zeigen, dass er gegenüber Giovinazzi „noch eins drauflegen“ könne, sagte Wolff. (dpa)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach den britischen Wahlen : Mehr Blair fürs Volk

          Boris Johnson ist mit voller Wucht gegen die „rote Mauer“ des Labour-Herzlands gefahren und hat große Teile davon zum Einsturz gebracht. Warum fühlt man sich jetzt dennoch an einen früheren Labour-Premier erinnert?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.