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Formel 1 : „Soll mir recht sein, wenn sie sich in die Kiste fahren“

  • -Aktualisiert am

Mit einem Überschuss Wut im Bauch: Daniel Ricciardo (links) donnert Max Verstappen in Baku ins Heck. Bild: WITTERS

Die Red Bulls nehmen sich gegenseitig auf die Hörner. Per Teamorder sind Verstappen und Ricciardo aber kaum einzufangen. Sie haben prominente Vorbilder im erbitterten Kampf gegen den Teamkollegen.

          Rennfahren auf Bewährung. Danach hört es sich an, wenn Max Verstappen und Daniel Ricciardo in diesen Tagen nach den Folgen ihres Unfalls beim Formel-1-Rennen in Aserbaidschan gefragt werden. Was war das für ein gewaltiges Bild: Ein Red Bull nimmt den anderen auf die Hörner. So wie es die Bemalung der Boliden suggeriert. Kohlefaserfetzen rieseln auf die Piste. Die Autos trudeln aus, die Piloten steigen aus, führende Teammitglieder fassen sich an den Kopf. Die Zuschauer erleben den Moment der Selbstzerstörung. Reifenspuren kreuz und quer auf dem Asphalt zeugen von der Offenbarung eines ehemaligen Weltmeisterteams: vom allgemeinen Kontrollverlust. Die Fahrer haben sich nicht im Griff. Und die Teamführung hat ihre hochbezahlten Piloten nicht bremsen können. Aber die Formel 1 jubelt.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Knapp zwei Wochen später im Fahrerlager des Circuit de Catalunya: Der Große Preis von Spanien steht für Sonntag (15.10 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei RTL) auf dem Programm. Mercedes gilt als Favorit nach den starken Wintertests auf derselben Strecke, Sebastian Vettel spricht gelassen von der Beschleunigung seines Ferrari seit Ende Februar. Beide Lager blicken gespannt auf das Brause-Mobil. Auf den Geraden ist der Red Bull noch zu langsam, aber die Kurvenlage ist großartig. Der Rennstall hat sich zu einer Gefahr entwickelt und zu einem bedeutenden Unterhaltungsfaktor. Fasziniert spricht die Formel-1-Welt vom Zweikampf zwischen Verstappen und Ricciardo in Baku, vom Duell über mehrere Runden Rad an Rad. Mal der eine, mal der andere vorne. Der Crash bahnte sich an, die Dramaturgie bannte die Zuschauer. Vettel würde den Kollegen die Flügel nicht stutzen: „Mir solls recht sein, wenn sie sich in die Kiste fahren.“ Ein leichter Satz, vorgetragen mit einem Lächeln. Er hat die Wirkung eines Peitschenhiebes. Red Bull kommt wohl nicht ohne Rückgriff auf eine Teamorder über die Runden.

          Verstappen und Ricciardo lächeln immer mal wieder, als sie am Donnerstag nacheinander im Fahrerlager Rede und Antwort stehen. „Wir wissen, dass es ein Fehler war“, sagt Verstappen mit Blick auf seine grenzwertige Zick-Zack-Tour in der Bremszone. Ricciardo donnerte ihm beim Überholversuch aus Mangel an Platz und mit einem Überschuss Wut im Bauch ins Heck. Teamchef Christian Horner und Sportchef Helmut Marko legten sich auf eine Schuld je zur Hälfte fest.

          Die Fahrer teilen die Verantwortung in der Öffentlichkeit. Aber „es wird keine generelle Stallorder gegeben“, sagt Ricciardo. Allenfalls eine Order, falls es wieder eng werden sollte, im Fall unterschiedlicher Strategien und deutlicher Tempodifferenzen. Überholt die Formel 1 sich selbst? Seit sieben Jahren dürfen die Teams wieder Einfluss auf die Positionen der eigenen Fahrer nehmen. Das Verbot nach der allgemeinen Aufregung über die Ferrari-Variante, als Rubens Barrichello einst in Österreich Michael Schumacher weichen musste („Do it for the Championship“) und Mika Häkkinen Freifahrtscheine von McLaren-Mercedes erhalten hatte, ließ sich nicht kontrollieren.

          Aber die Formel 1 übt sich in Zurückhaltung. Mercedes schützte Hamilton nicht vor Rosberg. Obwohl die Fetzen flogen. 2016 nahm Hamilton beim Großen Preis von Spanien den späteren Weltmeister mitsamt seinem Silberpfeil ins Kiesbett. So kam Verstappen zu seinem ersten Sieg. Mercedes-Teamchef Toto Wolff verzichtete nach einer Standpauke trotzdem auf eine Fernsteuerung und erlaubt sich äußerst selten Eingriffe. Erlebt die Formel 1 an der Spitze einen Kulturwandel?

          Formel 1

          Im Fahrerlager kursierten am Freitag Geschichten über die gewachsene Härte des politischen Kampfes um die Abrüstung der Formel 1. Es geht um die nächste Motorenformel, um Deals und die Macht. Alles zum Wohle der Formel 1, versprechen die Parteien. Eines ist ihnen gemeinsam: das Interesse an einer Verschiebung der Aufmerksamkeit auf die Rennstrecke. Kalt zu Kohlefaserhaufen verformte Rennwagen mögen kurzfristig Millionen kosten und die Wut des Vorstandsvorsitzenden schüren. Aber solange der Mensch nach einem atemraubenden Rennen auf Biegen und auch mal Brechen allenfalls bedröppelt aus der lädierten Maschine klettert, gewinnt die Formel 1. Verstappen und Ricciardo haben sie in Baku beflügelt. Mit einem Kulturwandel in den Köpfen aber hatte diese Demonstration von purem Racing am Limit nichts zu tun. Eher mit starken Köpfen unter den Helmen. Der erfrischend angriffslustige Verstappen ist nach vier folgenreichen Fehlern in den ersten vier Saisonrennen mehr denn je unter Druck.

          Ricciardo fährt keinen Deut langsamer und steht an einem entscheidenden Punkt seiner Karriere: Nimmt ihn Ferrari? Vermutlich jeder mit Kusshand, falls er den Jungstar schlägt. Beide lassen sich kaum mehr einfangen mit einem Befehl aus der Kommandozentrale. So wie Hamilton und auch Vettel im Rennen mit ihren Teamkollegen einst Absprachen ignorierten, als sie ihre Siegchance witterten, und später auf eine kurzfristige Amnesie verwiesen. War da was? Zu einer Teamorder gehören zwei: einer, der kategorisch befiehlt, und einer, der gehorcht. Force India setzte 2017 ein Angriffsverbot für ihre Streithähne Esteban Ocon und Sergio Perez durch. Die Klugen und die Starken aber versteifen sich nur auf eine Regel: „Alles ist erlaubt“, sagt der Renault-Pilot Nico Hülkenberg, „nur kein Crash.“ Verstappen sieht das auch. Er will etwas Abstand nehmen: „Wir lassen uns jetzt zwei, drei Millimeter mehr Platz.“

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