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Formel 1 : Das große Rätsel um Ferraris Power-Offensive

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Was macht ihn so schnell? Seit Wochen spekulieren Ferrari-Gegner über die angeblich wundersame Beschleunigung von Vettels Dienstwagen. Die Regelhüter kennen die Lösung und schweigen. Bild: nordphoto

Das Team von Sebastian Vettel legt mitten in der Saison einen großen Leistungssprung hin. Die Gegner sind verärgert. Nur die Kommissare kennen den Trick – und amüsieren sich.

          Das kann der Schlüssel zum WM-Titel in der Formel 1 sein. Ferrari hat seit dem Großen Preis von Österreich aufgerüstet. Es ist kein neuer Flügel, kein biegsamer Unterboden, kein neues Strömungskonzept, das mehr Abtrieb bei weniger Luftwiderstand bringt. Es ist ganz profan mehr Motorleistung. Nicht überall, sondern ganz dezidiert auf bestimmten Geraden, und selbst da nicht einmal über die gesamte Länge.

          Mercedes stellt in einem Bereich zwischen Tempo 250 und der Höchstgeschwindigkeit einen wundersamen Leistungszuwachs bei den Roten fest. „Komisch ist“, sagt Motorenchef Andy Cowell beim Bick auf die GPS-Messungen, „dass wir vorher und nachher auf dem gleichen Niveau sind.“ Noch seltsamer sind Beobachtungen, dass der Ferrari V6-Turbo, kurz bevor auf den Geraden der Nachbrenner gezündet wird, kreischende Geräusche von sich gibt. Kein anderer Motor tut das.

          Diese Beschreibung deutet darauf hin, dass es nicht so leicht sein wird herauszufinden, was Ferrari treibt. Wenn der Geschwindigkeitszuwachs einzig und allein auf die Motorleistung zurückzuführen ist, müsste Ferrari nach Berechnungen von Mercedes in dem fraglichen Bereich um 38 PS zugelegt haben. „Das entspricht dem Leistungssprung, den du normalerweise in zwei Jahren Entwicklung schaffst“, sagt Teamchef Toto Wolff. In Hockenheim hat Ferrari am vergangenen Wochenende über alle Geraden vier Zehntel auf Mercedes und acht Zehntel auf Red Bull gutgemacht. Das ist ein Klassenunterschied. Auf dem Hungaroring, beim Großen Preis von Ungarn am Sonntag (15.10 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei RTL) wird es weniger sein. Die einzige Gerade ist 900 Meter lang. Im Training am Freitag war Sebastian Vettel nur 0,074 Sekunden schneller als Max Verstappen im Red Bull.

          Bis heute gibt es keine Erklärung für Ferraris Power-Offensive. Nur Mutmaßungen. Mercedes versucht, dem Rätsel nach dem Ausschlussverfahren auf die Spur zu kommen. Wann hat Ferrari welche Motorkomponenten neu eingeführt, wann die Ferrari-Kunden? Warum profitiert nur das Werk davon und nicht HaasF1 oder Sauber? Kimi Räikkönen fährt wegen eines Motorwechsels früh in der Saison immer noch die ersten Version des Verbrennungsmotors, gewinnt aber auf den Geraden im gleichen Ausmaß wie Sebastian Vettel. Es kann also nicht am Motor selbst liegen.

          Die Elektrobausteine wurden bei allen sechs Piloten mit Ferrari-Motor erst in Hockenheim getauscht, also zwei Rennen, nachdem das Phänomen erstmals gemessen wurde. Damit kommen nur noch der Turbolader und die Elektromaschine MGU-H in Frage. Die Entwicklungsstufe wurde in Kanada gezündet. Der PS-Sprung dort war moderat. Dass die Leistung erst Wochen später so stark zunahm, lässt zwei Schlüsse zu. Entweder fuhr Ferrari den veränderten Antrieb zunächst im Schongang ein und hat erst mit mehr Sicherheit an die volle Leistung zugelassen oder die Scuderia hat eine Software-Entwicklung hinterher geschoben und nachträglich das Benzinsystem modifiziert.

          Den Regeln nach muss das Werksteam alle Kunden mit der gleichen Hardware und Software beliefern. Der Unterschied könnte darin liegen, wie Ferrari das Energiemanagement betreibt. Also das Speichern und Einspeisen elektrischer Energie. Oder dass der Rennstall zu jeder Zeit so nah wie möglich an der maximal Benzindurchflussmenge von 100 Liter pro Stunde fährt. Benzinleitungen gehören nicht zu Teilen, die gleich sein müssen. Für Mercedes-Mann Cowell ist dies keine plausible Erklärung: „Wenn man den Leistungsgewinn so genau steuern kann, wie Ferrari es offenbar tut, muss das andere Gründe haben als eine kluge Erfindung, den Druck im Benzinsystem konstant zu halten.“ Cowell tippt auf einen Trick bei der Nutzung der elektrischen Leistung.

          In der Erklärungsnot schießen bei den Gegnern Theorien ins Kraut. Bis zum Verdacht, Ferrari überschreite die maximal erlaubten 163 PS aus dem Energiespeicher. Oder interpretiere das Reglement etwas freizügig. Um jeden Zweifel auszuräumen, forderte Renault-Sportdirektor Abiteboul eine Standard-Software. „Wenn der Energiefluss nicht zu jeder Zeit genau gemessen werden kann, muss man ihn vereinheitlichen.“ Charlie Whiting, der Rennleiter des Internationalen Automobil-Verbandes, beharrt darauf, dass alles mit rechten Dingen zugeht: „Wir messen die Leistung, die aus der Batterie rausgeht, und das Drehmoment, das an der Kurbelwelle ankommt. Ferrari bleibt innerhalb der erlaubten Grenzen. Von unserer Seite gibt es keine Zweifel mehr, seit Ferrari sein System zum Grand Prix von Monaco modifiziert hat.“

          Die Technik-Kommissare kennen den Trick und amüsieren sich, dass die Gegner in alle Richtungen schießen, in der Hoffnung, etwas zu treffen. Demzufolge sind alle, die Ferrari Missbrauch unterstellen, auf dem falschen Dampfer. Das zwingt Mercedes dazu, schnell eine Lösung zu finden. „Ferrari ist in der Qualifikation besser als wir. Es wird ein hartes Stück Arbeit kosten, das wieder aufzuholen. Aber ich vertraue meinen Jungs. Wir haben viele schlaue Leute in unserem Team“, sagt Mercedes-Pilot Lewis Hamilton. Ferraris Vorteil liegt nicht nur auf einer schnellen Runde im Training. Auch im Rennen zahlt er sich aus. „Sie können mehr elektrische Leistung speichern als wir“, behaupten Mercedes-Ingenieure. Vielleicht ist Sebastian Vettel deshalb so schnell über seinen Ausrutscher von Hockenheim hinweggekommen. „Ich weiß, dass ich ein starkes Auto habe.“

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