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Formel 1 : Räikkönens Blindflug belegt die Kurzsichtigkeit

Räikkönens Crash hinterläßt viel Rauch in der Formel 1 Bild: AP

Wer verschuldet Räikkönens Unfall auf dem Nürburgring? War es die überhöhte Risikobereitschaft von McLaren-Mercedes oder die strenge Reifenwechsel-Regeln in der Formel 1? Nur ein harter Einheitsreifen für alle könnte das Problem lösen.

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          Lässig fuhr Kimi Räikkönen seine Runden auf dem Nürburgring. Aber war es nicht gleichzeitig fahrlässig, den finnischen Formel-1-Piloten sehenden Auges in den Crash rasen zu lassen? Etwa 30 Runden lang beobachtete die Teamführung von McLaren-Mercedes die Unwucht des rechten Vorderreifens, der, abgerieben wie ein Radiergummi, Fahrzeug und Fahrer Runde um Runde mehr durchschüttelte.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Was schon dem Piloten den Überblick erschwerte: "Ich konnte in den letzten zwanzig Runden gar nichts mehr sehen", schilderte Räikkönen, "nichts neben und nichts vor mir, nicht mal die Spiegel." Vielleicht war das ein bißchen übertrieben. Von der Trübung des Weitblicks durch die Vibrationen und die Aussicht auf den Triumph haben aber schon andere berichtet. Dann wird halt aus der Erinnerung gebremst, wie bei Regen in der Gischt eines Vorfahrers.

          Darf der Reifen gewechselt werden?

          Die Blindflugnummer Räikkönens faszinierte die Insider des harten Formel-1-Wettbewerbes. Doch von außen betrachtet, wirkte der Stunt wie eine gewagte Herausforderung des Schicksals. Und so stellte sich am Sonntag die heikle Frage: Wer hat das zu verantworten? Die Reifenwechsel-Regel ist schuld! Das behauptete McLarens Geschäftsführer Martin Whitmarsh: "Wir hätten diese Reifensituation ohnehin angesprochen, aber nun gibt es einen Präzedenzfall, der zeigt, wie gefährlich es ist."

          Denn nach Einschätzung von Mercedes Sportchef Norbert Haug wäre der Austausch des lädierten rechten Vorderreifens nicht erlaubt gewesen. Seit dieser Saison ist laut Reglement ein vorbeugender Reifenwechsel aus Sicherheitsgründen nur straffrei zugelassen, falls der Pneu beschädigt oder platt ist. In jedem Fall aber darf dabei nicht getankt werden. McLaren, so schilderte Haug, sah sich in der Klemme: "Können wir nach einem Wechsel nicht nachweisen, daß er ausreichend beschädigt war, verlieren wir alle Punkte." Vor dem Hintergrund der offenen Feindschaft zwischen McLarens Teamchef Ron Dennis und dem Regelhüter Max Mosley könnte bei der Abwägung des Risikos die Sorge mitgespielt haben, ungerecht behandelt zu werden.

          "Wir sind hier, um zu gewinnen, nichts anderes zählt"

          Allerdings hätte McLaren-Mercedes zwei gewichtige Zeugen gehabt: Millionen Zuschauer am Fernseher, die den eiernden Vorderreifen formatfüllend präsentiert bekamen, und dazu den Sportdirektor von McLarens Reifenlieferant Michelin. "Wir haben das Problem in der 43. Runde erkannt. Der Reifen hätte gewechselt werden dürfen", sagte der Pneu-Experte Pierre Dupasquier, "es war eine strategische Entscheidung des Teams (es nicht zu tun)." Könnte es also sein, daß die Rennstrategen von McLaren - den Sieg vor Augen - gar nicht an einen zusätzlichen Boxenstopp dachten? "Wir sind hier, um zu gewinnen, nichts anderes zählt", sagte Teamchef Ron Dennis. Räikkönen mußte aus Sicht der Briten als Erster ins Ziel kommen, um Fernando Alonso im Kampf um den WM-Titel auf die Pelle zu rücken, während der Spanier als souverän Führender der Fahrerwertung schon vor dem Rennen in der Eifel vorsichtiger sein durfte.

          Und so gingen die Rennställe je nach Punktestand mehr oder weniger ans Limit. Renault setzte nach den Problemen mit zu weichen Gummi-Mischungen beim Großen Preis von Monaco auf eine härtere Variante. McLaren blieb bei der weichen. Diese Taktik aber bildete nur die Voraussetzung für das dramatische Finale zu Beginn der letzten Runde. Die Ursache war ein menschliches, nicht ein technisches Malheur. Erst verbremste sich Räikkönen einige Male und provozierte so den sogenannten "Bremsplatten" des etwa 2500 Dollar teuren Reifens. Dann verschätzten sich die Verantwortlichen an der Boxenmauer im Eifer des Gefechtes um vier Kilometer: "Ganz auf Nummer sicher zu gehen", erklärte Haug, "ist nicht der Weg, der zum Sieg führt." Räikkönens Weg führte ins Kiesbett, um Haaresbreite vorbei am BAR des Japaners Takuma Sato.

          Einheitsreifen könnte Problem lösen

          Weil am Sonntag auch Steuerspezialisten wie Weltmeister Michael Schumacher, Alonso und eben auch Räikkönen zwischenzeitlich von der Piste rutschten, entzündete sich eine grundsätzliche Diskussion um die neue Vorschrift, für Zeittraining und Rennen nur noch einen Satz Reifen verwenden zu dürfen: "Die Regeln sind gut für die Überholmanöver und die Unterhaltung der Fans, aber sie sind gefährlich", erklärte der Fahrervertreter David Coulthard, "die Position der FIA ist es, den Fahrern die Entscheidung zu überlassen. Aber zu einem Reifenstopp an die Box zu kommen, bedeutet auch, das Rennen wegzuwerfen."

          Das muß den FIA-Chef und Sicherheitsapostel Mosley treffen. Schließlich pocht der Verband auf seine Pflicht zur Fürsorge, die er oft genug - auch politisch - einsetzt. In diesem Fall aber ist Mosley ohnmächtig. Welche Regel er auch immer formulierte, Fahrer und Teams gingen stets an die Grenze. Nur ein harter Einheitsreifen für alle löste das Problem. Aber das will nicht jeder. Die Reifenfirmen schätzen die Profilierungschance im Wettbewerb. Und Ferrari, im Moment mit Bridgestone nicht bestens unterwegs, wenigstens den Vorteil der Exklusivität. Die Scuderia erhält geschätzte 20 Millionen Dollar Reifengeld pro Jahr.

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