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Formel-1-Pilot Rosberg : Der Freund der Kontrolle liebäugelt mit dem Chaos

  • -Aktualisiert am

Nico Rosberg (r.) und Lewis Hamilton: Der Durchblicker gegen den Aufbrauser Bild: dpa

Eine perfekt geplante Karriere hat den Musterschüler vom Kart-Piloten bis zum WM-Kandidaten in der Formel 1 geführt. Nun setzt Nico Rosberg im Kampf gegen Lewis Hamilton auf „volle Attacke“.

          3 Min.

          Nico Rosberg legt die Stirn in Falten. „Ich analysiere“, sagte er. „Ich hinterfrage mich ständig.“ Damit ist der Formel-1-Pilot von Mercedes gut gefahren: vier Siege, zehn zweite Ränge, neun Pole-Positionen allein in dieser Saison. Das Kalkül ist aufgegangen: Eine perfekt geplante Karriere hat den Musterschüler vom Kart-Piloten bis zum WM-Kandidaten geführt. Nie war er angesehener, besser, erfolgreicher. Aber für den letzten Schritt scheint es keinen Masterplan zu geben. Zwei Rennen vor Ende der Saison liegt der 29 Jahre alte Deutsche im Titelkampf mit seinem Teamkollegen Lewis Hamilton im Rückstand (24 Punkte). Der Brite genießt den „Lauf seines Lebens“. Rosberg muss ihn am Sonntag beim Großen Preis von Brasilien (17 Uhr MEZ / RTL, Sky und im Liveticker bei FAZ.NET) stoppen, die Selbstsicherheit seines Rivalen durchbrechen. Aber wie? „Ich werde nichts ändern. Es bleibt dabei: volle Attacke.“

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          In den Trainingsläufen am Freitag ist Rosberg zweimal schneller als Hamilton. Aber seit zwei Monaten, seit die beiden beim Grand Prix in Spa Ende August aneinandergerieten, rauscht Hamilton voran. Damals schlitzte Rosberg im Eifer des Gefechts einen Hinterreifen an Hamiltons Boliden auf. Als die Luft raus war, begann das große Rennen: Hamilton blies sich auf, schimpfte, atmete tief durch und gewann fortan: fünf Rennen in Folge. Zehn hat er auf dem Konto, Rosberg vier. Hamilton gilt als gefühlter Weltmeister. Er kann nur noch nach Punkten verlieren. Ehemalige Grand-Prix-Piloten glauben zu wissen, warum es so gekommen ist: Rosberg sei nicht aggressiv genug auf der Strecke. Ist das so? Er zuckt nicht einmal. „In Austin habe ich die Tür nicht zugemacht“, sagt er, „ja, (die Kritik) kann ich verstehen.“

          In Belgien schlitze Rosberg Hamiltons Reifen: Seitdem gewann der Brite fünf Rennen in Folge
          In Belgien schlitze Rosberg Hamiltons Reifen: Seitdem gewann der Brite fünf Rennen in Folge : Bild: dpa

          Weißes Hemd, Jeans, Haare gestylt, die Sonnenbrille beim Gespräch auf dem Tisch abgelegt; Rosberg lässt sich in die Augen schauen. Er taugt nicht als Rowdy der Landstraße. Es gibt keine Szenen von ihm, die eine „Platz-da-jetzt-komm-ich“- Attitüde vermitteln.

          Hamilton kann im Boliden aufbrausend sein. Rosberg will den Fortschritt mit Durchblick. Wäre es mit der Motorsportkarriere nichts geworden, dann hätte er Luft- und Raumfahrt studiert, sein Leben mit Physik und Aerodynamik verbracht. Aber im Grunde macht er nichts anderes: zusammen mit den Ingenieuren ständig analysieren, Probleme erkennen, Lösungen suchen, nur eben nicht abheben. Der Renner muss in der Kurve am Asphalt kleben.

          Rosberg kalkuliert den Erfolg. Deshalb hat der Rückfall in Austin so wehgetan. „Das ist mit die schwerste Niederlage. Wenn ich als Erster starte, mein Teamkollege mich im gleichen Auto auf der Strecke überholt und gewinnt...“ Was für ein Ärger, vor aller Augen ausgebremst! Aber erklärbar. Der Verlierer des Duells hatte im entscheidenden Moment, als er 160 PS zuschalten wollte, den falschen Knopf gewählt. „Die Power kam mit Verzögerung. Ich hätte einen anderen drücken können, dann wäre sie direkt gekommen.“ Stress? Den Überblick verloren? „Ich wusste das nicht, auch mein Ingenieur nicht, nur der Programmierer. Man kann nicht in alle Details hineinschauen.“

          Nico Rosberg liegt in Rückstand: „Ich muss ein neues Level suchen“
          Nico Rosberg liegt in Rückstand: „Ich muss ein neues Level suchen“ : Bild: dpa

          Rosberg verlor auf einem Gebiet, das sein Reich ist: die Kontrolle der Technik. Rennfahrer sind keine Ingenieure. Aber Rosberg betrachtet das Spiel mehr als seine Gegner aus ihren Augen. Für sein Hirn ist es logisch, ihrer Kalkulation zu folgen. Er schont die Reifen, wenn sie ihn warnen. Hamilton fährt schon mal über die Warnung hinweg - zum Sieg. So lief das in diesem Jahr.

          Unter normalen Bedingungen treibt Hamilton Rosberg an die Grenzen

          Der Brite, so heißt es im Team, saugt schon mal eine Abstimmungsidee aus dem Oberstübchen Rosbergs auf und kommt dann einen Tick schneller über die Runde. Das Fahrerlager schwärmt von seinem „natürlichen Speed“. „Ich muss ihn unter Druck setzen“, sagt Rosberg und kehrt bei dem Gedanken zu sich zurück: „Ich beschäftige mich mit mir, nicht mit dem anderen. Ich glaube, das ist der richtige Weg.“ Rosberg kniete sich hinein in den Datenwust von Austin, „um daraus zu lernen“, stellt sich nach einer Abstimmungspanne beim Regen-Rennen in Japan auf eine bessere Balance für die vorletzte Runde in São Paulo ein. Es soll sehr nass werden, vielleicht chaotisch. „Das wäre doch was“, sagt Rosberg, der Freund der Kontrolle. Er scheint so, als akzeptiere er nun auch den Zufall als Druckmittel.

          Denn unter normalen Bedingungen ist es Hamilton, der Rosberg an die Grenze treibt. Zwei Bremsfehler in Monza, einer in Sotschi. Da nickt der Verfolger in der Bredouille. „Mein Teamkollege kann gut Auto fahren. Ich muss ein neues Level suchen. Deshalb kommt es leichter zu Fehlern“, sagt Rosberg: „Ich finde, das ist eine sehr gute Erklärung.“

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