https://www.faz.net/-gtl-7rt52

Formel-1-Pilot Nico Rosberg : Auf Heimatsuche

Vier Sterne und die deutschen Farben: Nico Rosberg zeigt in Hockenheim auf dem Helm Flagge Bild: dpa

Wer ist Nico Rosberg? Michael Schumacher und Sebastian Vettel konnten das Land für die Formel 1 begeistern. Dem neuen Vorfahrer ist das vor dem Großen Preis am Hockenheimring (Start: 14 Uhr) noch nicht gelungen.

          5 Min.

          Wer in diesen Tagen nach Hockenheim fährt, der sieht viele Fahnen in den deutschen Nationalfarben zu Ehren der Fußball-Weltmeister im Wind flattern. „Natürlich würden wir uns als deutsches Team mit einem deutschen Fahrer auch einen solchen Patriotismus wünschen“, sagt Toto Wolff, der Motorsportchef des Formel-1-Teams von Mercedes. Der Große Preis von Deutschland an diesem Sonntag (Start: 14 Uhr / Live bei RTL, Sky und im FAZ.NET-Ticker) ist das Heimspiel des Automobilherstellers und des derzeitigen WM-Führenden Nico Rosberg. Doch schon vor wenigen Tagen stichelte dessen Teamkollege Lewis Hamilton: „Nico hat nie wirklich in Deutschland gelebt, also ist das genau genommen auch kein Heimrennen für ihn. Als wir Kart gefahren sind, stand er nie neben dem Grid-Girl mit der deutschen Flagge, er stand immer bei der von Monaco.“ Rosberg ist ein ausgezeichneter Fahrer. An diesem Sonntag startet er von der Pole Position. Den viermaligen Weltmeister Sebastian Vettel hat er in dieser Saison abgehängt - ein PS-Held der Deutschen ist er noch nicht.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am Mittwoch vor dem Grand Prix. Ein Termin mit Rosberg in einer Halle von Mercedes, Dutzende Rennwagen aus vielen Jahrzehnten stehen dort aneinandergereiht. Was hält er von der Attacke Hamiltons? „Ich war dabei, als er das gesagt hat. Es begann als Witz und wurde dann aufgebauscht. Aber wenn es seine Meinung ist - ich habe kein Problem damit“, sagt Rosberg. Dann fügt er noch diesen Satz hinzu: „Ich weiß, was in meinem Pass steht.“ Rosberg ist deutscher Staatsbürger. Er wurde am 27. Juni 1985 in Wiesbaden als Sohn des finnischen Formel-1-Fahrers Keke Rosberg und dessen deutscher Frau Gesine geboren, wuchs abwechselnd in Wiesbaden, Monaco und auf Ibiza auf. Er besuchte ein Internat, seine Mitschüler waren Kinder von Bankern und Millionären. Rosberg lernte Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Er war sich lange selbst nicht sicher, wohin er eigentlich gehört. Noch in der Nachwuchskategorie GP2 wurde die finnische Fahne neben seinem Namen eingeblendet, und selbst nach seinem Einstieg in die Formel 1 sagte Rosberg noch: „Ich bin Europäer - jedenfalls fühle ich mich so.“

          Helm-Design verstößt gegen Fifa-Markenrechte

          Er hatte eine vermeintlich sorgenfreie Jugend. Geld spielte nach den Erfolgen des Vaters in der Formel 1 und der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft keine Rolle, der berühmte Nachname hat ihm im Motorsport so manche Tür geöffnet. Das war bei Michael Schumacher und Sebastian Vettel anders. Der Kerpener ist der Sohn eines Kaminmaurers, als kleiner Junge zog er oft die alten Reifen seiner Gegner aus dem Müll, weil er damit noch ein paar Runden drehen konnte. Der Heppenheimer ist der Sohn eines Zimmermanns, als Neunjähriger ging er im Rennanzug auf der „Essen Motor Show“ von Stand zu Stand und suchte nach Sponsoren. Ein Hersteller von Alufelgen gab ihm schließlich 10 000 Mark, die Vettels kauften davon einen neuen Anhänger für das Kart. Schumacher und Vettel zählen seit Jahren laut vieler Umfragen zu den beliebtesten Deutschen, Rosberg sucht noch nach seinem Platz. Viele Jahre war er vor allem - der Sohn von Keke Rosberg, der Teamkollege von Schumacher, nun der Mann an der Seite von Hamilton.

          Wer ist Rosberg? Wie er sich selbst sieht, hat er in den vergangenen Wochen gezeigt: Rosberg schaute das WM-Viertelfinale Deutschland gegen Frankreich im Mercedes-Motorhome an der Rennstrecke von Silverstone, trug ein Nationaltrikot, jubelte ausgelassen und ließ sich bereitwillig fotografieren; er veröffentlichte Bilder auf seinem Twitter- und Facebook-Account, auf einem davon steht er barfuß in der Wohnung seiner Eltern in Monaco, wieder trägt er das Nationaltrikot, an der Wand hängt eine Nationalfahne, und daneben kleben sieben Seiten aus der „Bild“-Zeitung mit Jubelarien auf die Nationalmannschaft. Rosberg schreibt dazu: „Das ist eine Inspiration gewesen für den Rest meiner Formel- 1-Saison.“ Beim Rennen in Hockenheim wollte er nun mit dem Weltmeister-Pokal auf seinem Helm antreten, aber der Internationale Fußball-Verband verbot ihm das Design, weil dadurch Markenrechte verletzt worden wären. Geblieben sind die vier Sterne und die deutschen Farben.

          Nur einen Zweispalter zur Hochzeit

          In einem Büro am Hockenheimring sitzt Georg Seiler, der Geschäftsführer der Hockenheimring GmbH. Er hat die Dominanz von Michael Schumacher, den enormen Aufschwung in Deutschland nach Jahren ohne Erfolg in der Formel 1, den Run der Fans auf den Seriensieger erlebt. Und danach die traumhafte Fortsetzung deutscher Siege durch Vettel. Nach jedem Rennen konnte er die Formel-1-Beigeisterung im Land anhand der Ticketverkäufe wie an einer Fieberkurve ablesen. Schumacher: 95 000 im Jahr 2002; Schumacher und Vettel: 65 000 im Jahr 2010. Vettel: 60 000 im Jahr 2014. Rosberg an diesem Sonntag: geschätzt 50 000. „Die Boom-Jahre haben wir mit Schumacher erlebt“, sagt Seiler. „Nun ist die Situation schwerer, aber ich würde das nicht an Vettel oder Rosberg oder an wem auch immer festmachen.“

          Bekenntnis via Facebook: Rosberg als Fußballfan

          Schumacher war Anfang der neunziger Jahre so etwas wie das Erweckungserlebnis dieser Motorsportrepublik. Seine Zweikämpfe etwa mit dem Briten Damon Hill wurden zumindest für die Boulevardmedien zu einer nationalen Angelegenheit. Das führte so weit, dass Hill 1994 persönlich beim Reporter der „Bild“-Zeitung anrief, um sich über die Stimmungsmache zu beschweren. Die Antwort des Journalisten damals: „Das musst du verstehen, Schumi ist unser deutscher Hero.“ Mit Schumacher auf dem Titel steigerte die „Bild“ ihre Auflage. Er stand so sehr im Mittelpunkt, dass nicht nur seine Siege, sondern auch seine Niederlagen zogen. Und heute? Rosberg bekam selbst für seine Hochzeit in der vergangenen Woche nur einen Zweispalter mit zwanzig Zeilen und Foto in der Ecke. Dazu die Bildzeile: „Süüüüüß: Nico küsst verliebt seine Vivian, legt den Arm um sie.“ Eine der Schlagzeilen in den Tagen danach: „Zitterwochen statt Flitterwochen“. Dabei gibt es auch heute wieder einen deutsch-englischen Zweikampf um den Titel. Der große Gegner heißt Hamilton. Er weiß die englische Presse in seinem Rücken, zum Großen Preis von Großbritannien ließ ihn die BBC mit einem Union-Jack-Fallschirm zur Rennstrecke fliegen - zumindest mit Hilfe der Studiotechnik. Das Rennen war ausverkauft, in Hockenheim wird selbst die Mercedes-Tribüne mit rund 3000 Fans wohl nur etwa zur Hälfte gefüllt sein.

          Nationalität spielt kaum eine Rolle

          Rückblick. Das Mercedes-Museum in Stuttgart im Januar 2010: Erstmals seit rund einem halben Jahrhundert geht der Konzern wieder mit einem Werksteam in der Formel 1 an den Start. Daimler-Chef Dieter Zetsche tritt damals an das Mikrofon, er ist ein großer und schlanker Mann mit Schnauzbart, er hält eine Rede mit Schlagworten wie diesen: Stars, Weltmeisterschaft, Schwarz-Rot-Silber, Nationalmannschaft. Eine Nationalmannschaft auf Rädern - das ist damals das Ziel von Mercedes. Mit Schumacher als Kapitän hinter dem Lenkrad und Rosberg an seiner Seite. „Es geht um die Chance, den Mercedes-Stern auf einer globalen Bühne leuchten zu lassen“, sagte Zetsche damals. Rosberg wirkt verschüchtert. Heute ist er angriffslustiger. Er weiß, dass ein WM-Titel vieles verändern würde. In seinem Leben. Und vielleicht manches auch im Formel-1-Land Deutschland.

          Rosberg ist die einzig verbliebene deutsche Führungsfigur im Team. Die Zentrale des Rennstalls liegt in Brackley in der englischen Grafschaft Northamptonshire, der Motor wird ein paar Kilometer entfernt in Brixworth entwickelt und gebaut. Österreicher und Engländer geben den Ton an beim Formel-1-Rennstall, neben Rosberg stammen heute nur noch große Teile des Budgets aus Deutschland. In dieser Woche wurde der Vertrag mit Rosberg bis Ende 2017 verlängert, er soll dafür insgesamt rund fünfzig Millionen Euro erhalten. Ob es für ein Team wie Mercedes wichtig sei, weiterhin einen deutschen Fahrer zu haben? Motorsportchef Wolff überlegt einen Moment, dann sagt er: „Nein, wir wählen unsere Fahrer nicht primär nach der Nationalität aus. Nico zählt zu den besten fünf Fahrern überhaupt, wir sind ein Team mit Mitarbeitern aus vielen Nationen, und gemeinsam wollen wir erfolgreich sein.“

          Anders als der Fußball ist die Formel 1 kein Sport der Nationenkämpfe mehr, Grenzen verschwimmen innerhalb dieser multikulturellen Teams, die weltweit auf die Suche nach den besten Ingenieuren, Mechanikern, Marketingleuten und Geldgebern gehen. „Unser Anspruch ist es, über einige Jahre hinweg ganz vorne mitzuspielen, so wie das Red Bull und Ferrari in der Vergangenheit gelungen ist“, sagt Wolff. Für das Team erklingt nach jedem Sieg die deutsche Hymne, genau wie für Rosberg. Mitgesungen hat er bislang noch nicht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ziemlich voll schon wieder: Strandkörbe stehen am Strand von Westerland.

          Bundesregierung rät : Besser gar nicht in den Urlaub fahren

          Übervolle Strände, wildes Campen und zahlreiche Ordnungswidrigkeiten: In Norddeutschland kämpfen Ferienorte und Sicherheitsdienste um die Einhaltung der Abstandsregeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.