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Formel-1-Pilot Nico Rosberg : Auf Heimatsuche

Nur einen Zweispalter zur Hochzeit

In einem Büro am Hockenheimring sitzt Georg Seiler, der Geschäftsführer der Hockenheimring GmbH. Er hat die Dominanz von Michael Schumacher, den enormen Aufschwung in Deutschland nach Jahren ohne Erfolg in der Formel 1, den Run der Fans auf den Seriensieger erlebt. Und danach die traumhafte Fortsetzung deutscher Siege durch Vettel. Nach jedem Rennen konnte er die Formel-1-Beigeisterung im Land anhand der Ticketverkäufe wie an einer Fieberkurve ablesen. Schumacher: 95 000 im Jahr 2002; Schumacher und Vettel: 65 000 im Jahr 2010. Vettel: 60 000 im Jahr 2014. Rosberg an diesem Sonntag: geschätzt 50 000. „Die Boom-Jahre haben wir mit Schumacher erlebt“, sagt Seiler. „Nun ist die Situation schwerer, aber ich würde das nicht an Vettel oder Rosberg oder an wem auch immer festmachen.“

Bekenntnis via Facebook: Rosberg als Fußballfan

Schumacher war Anfang der neunziger Jahre so etwas wie das Erweckungserlebnis dieser Motorsportrepublik. Seine Zweikämpfe etwa mit dem Briten Damon Hill wurden zumindest für die Boulevardmedien zu einer nationalen Angelegenheit. Das führte so weit, dass Hill 1994 persönlich beim Reporter der „Bild“-Zeitung anrief, um sich über die Stimmungsmache zu beschweren. Die Antwort des Journalisten damals: „Das musst du verstehen, Schumi ist unser deutscher Hero.“ Mit Schumacher auf dem Titel steigerte die „Bild“ ihre Auflage. Er stand so sehr im Mittelpunkt, dass nicht nur seine Siege, sondern auch seine Niederlagen zogen. Und heute? Rosberg bekam selbst für seine Hochzeit in der vergangenen Woche nur einen Zweispalter mit zwanzig Zeilen und Foto in der Ecke. Dazu die Bildzeile: „Süüüüüß: Nico küsst verliebt seine Vivian, legt den Arm um sie.“ Eine der Schlagzeilen in den Tagen danach: „Zitterwochen statt Flitterwochen“. Dabei gibt es auch heute wieder einen deutsch-englischen Zweikampf um den Titel. Der große Gegner heißt Hamilton. Er weiß die englische Presse in seinem Rücken, zum Großen Preis von Großbritannien ließ ihn die BBC mit einem Union-Jack-Fallschirm zur Rennstrecke fliegen - zumindest mit Hilfe der Studiotechnik. Das Rennen war ausverkauft, in Hockenheim wird selbst die Mercedes-Tribüne mit rund 3000 Fans wohl nur etwa zur Hälfte gefüllt sein.

Nationalität spielt kaum eine Rolle

Rückblick. Das Mercedes-Museum in Stuttgart im Januar 2010: Erstmals seit rund einem halben Jahrhundert geht der Konzern wieder mit einem Werksteam in der Formel 1 an den Start. Daimler-Chef Dieter Zetsche tritt damals an das Mikrofon, er ist ein großer und schlanker Mann mit Schnauzbart, er hält eine Rede mit Schlagworten wie diesen: Stars, Weltmeisterschaft, Schwarz-Rot-Silber, Nationalmannschaft. Eine Nationalmannschaft auf Rädern - das ist damals das Ziel von Mercedes. Mit Schumacher als Kapitän hinter dem Lenkrad und Rosberg an seiner Seite. „Es geht um die Chance, den Mercedes-Stern auf einer globalen Bühne leuchten zu lassen“, sagte Zetsche damals. Rosberg wirkt verschüchtert. Heute ist er angriffslustiger. Er weiß, dass ein WM-Titel vieles verändern würde. In seinem Leben. Und vielleicht manches auch im Formel-1-Land Deutschland.

Rosberg ist die einzig verbliebene deutsche Führungsfigur im Team. Die Zentrale des Rennstalls liegt in Brackley in der englischen Grafschaft Northamptonshire, der Motor wird ein paar Kilometer entfernt in Brixworth entwickelt und gebaut. Österreicher und Engländer geben den Ton an beim Formel-1-Rennstall, neben Rosberg stammen heute nur noch große Teile des Budgets aus Deutschland. In dieser Woche wurde der Vertrag mit Rosberg bis Ende 2017 verlängert, er soll dafür insgesamt rund fünfzig Millionen Euro erhalten. Ob es für ein Team wie Mercedes wichtig sei, weiterhin einen deutschen Fahrer zu haben? Motorsportchef Wolff überlegt einen Moment, dann sagt er: „Nein, wir wählen unsere Fahrer nicht primär nach der Nationalität aus. Nico zählt zu den besten fünf Fahrern überhaupt, wir sind ein Team mit Mitarbeitern aus vielen Nationen, und gemeinsam wollen wir erfolgreich sein.“

Anders als der Fußball ist die Formel 1 kein Sport der Nationenkämpfe mehr, Grenzen verschwimmen innerhalb dieser multikulturellen Teams, die weltweit auf die Suche nach den besten Ingenieuren, Mechanikern, Marketingleuten und Geldgebern gehen. „Unser Anspruch ist es, über einige Jahre hinweg ganz vorne mitzuspielen, so wie das Red Bull und Ferrari in der Vergangenheit gelungen ist“, sagt Wolff. Für das Team erklingt nach jedem Sieg die deutsche Hymne, genau wie für Rosberg. Mitgesungen hat er bislang noch nicht.

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