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Formel 1 : Mosley versteht Briatores Scherze nicht

  • -Aktualisiert am

Alonso: Ferrari wird mehr als jedes andere Team protegiert Bild: REUTERS

Zum spannungsgeladenen Finale zwischen Ferrari und Renault, zwischen Schumacher und Alonso, kommt es - so meinen Kritiker - auch wegen der Schaltregie aus der Kommandozentrale der Formel 1.

          3 Min.

          Wenn Flavio Briatore von Verschwörungstheorien spricht, horcht die Formel-1-Welt auf. Weil man dem Mann ungeprüft glaubt, daß er etwas von dunklen Machenschaften versteht. Und so fiel das düstere Urteil des Teamchefs von Renault nach dem Großen Preis von Italien Anfang September in Monza auf fruchtbaren Boden. An eine Manipulation der Weltmeisterschaft, wie sie der wutentbrannte Briatore mit einem Querverweis auf den Bestechungsskandal im italienischen Fußball skizzierte, glaubt man offensichtlich gerne. Jedenfalls stimmten mehr als die Hälfte aller Befragten auf einer Formel-1-Seite im Internet der ersten Einschätzung Briatores zu.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Zum spannungsgeladenen Finale zwischen Ferrari und Renault, zwischen Michael Schumacher und Fernando Alonso, mit dem ersten der drei letzten Saison-Rennen am Sonntag in Schanghai komme es - so der Tenor - auch wegen der Schaltregie aus der Kommandozentrale der Formel 1. Seit dem Großen Preis von Kanada im Juni hat Alonso kein Rennen mehr gewonnen, von 25 Punkten Vorsprung behielt er nur noch zwei. "Ich habe das Gefühl", sagte der Weltmeister dem Fachmagazin "Auto Motor und Sport", "daß Ferrari mehr als jedes andere Team protegiert wird."

          „Die Politik wird immer dominanter“

          Zurückgesetzt, aufgehalten und gebremst fühlen sich Alonso und Renault: Erst verbot der Internationale Automobil-Verband (FIA) im Hochsommer nach einem Hinweis von McLaren (!) den sogenannten Massendämpfer; dann bestraften die Streckenkommissare den Weltmeister in Monza wegen "Blockierens" des Ferrari-Piloten Felipe Massa im Qualifikationstraining.

          Schumacher will Alonso in Schanghai von der Spitze verdrängen

          Warum aber ist ein Massendämpfer ein Jahr lang legal und dann plötzlich illegal? Und wie kann ein Rennfahrer einen Kollegen aufhalten, wenn der Hintermann wie Massa auf kaum mehr als 90 Meter herankommt? Alonso fand nur eine Antwort: "In unserem Geschäft wird Politik immer dominanter. Die Regeln laden dazu ein. Sie sind oft nicht klar definiert. Von außen entsteht der Eindruck, daß diese Regeln nicht für alle gleich sind."

          Ausgleichende Ungerechtigkeit?

          Vorfahrt Schumacher? Zweieinhalb Wochen nach der von Renault eilig in Monza einberufenen Sonderpressekonferenz zum Thema Gemeinheiten und anderes Unrecht bleibt Alonso auf Kurs. Sein Chef Briatore aber, ein versierter Politiker, hat längst eingelenkt. Er erklärte seinen gewaltigen Angriff auf die höchstrichterliche Instanz, nämlich die FIA, flugs zu einem Spaß. Als wäre ihm nach dem Ausfall Alonsos wegen eines Motorschadens ein Gag mißlungen - leider. Prompt überhörte FIA-Chef Max Mosley die längst weltweit verbreiteten Anschuldigungen. Jener strenge Brite, der immer dann völlig spaßfrei als Scharfrichter auftritt, wenn die Integrität seiner "Behörde" auch nur im Ansatz in Frage gestellt wird.

          Diesmal unterstellte Spaßvogel Briatore der Regelinstitution ein diktatorisches Gebaren fern aller gerechten und ehrlichen Bemühungen um die Gleichbehandlung. "Es gibt die Auffassung, daß die FIA Ferrari bevorzugt. Ich sage nicht, daß diese Auffassung wirklich stimmt", erklärte der ehemalige Weltmeister Jackie Stewart dem Fachmagazin "F1 Racing", "ich sage nur, daß es sie gibt." Und wenn schon. An der Ehre sieht sich Regelhüter Mosley diesmal nicht gepackt: "Die FIA konnte keinen Schaden für das Image des Sports feststellen. Also gibt es auch keine Strafe." Ausgleichende Ungerechtigkeit? Für kleinere Versprecher sind freche Rennfahrer schon heftig zur Brust genommen worden.

          Hin und wieder hat Ferrari erstaunliches Glück

          Mosley will Ruhe haben vor dem zugespitzten Duell zwischen Alonso und Schumacher. Dabei müßte Ferrari nun gegen die Untätigkeit der FIA im Fall Briatore protestieren. Aber die Scuderia zeigt als Gegengewicht zu den eher oppositionellen britischen Rennställen traditionell mehr Verständnis für die Politik des Verbandes. So war es keine große Überraschung, daß die Scuderia im Machtkampf um die Führung der Formel 1 als erster und bedeutendster Rennstall im Januar 2005 auf die Seite von Chefmanager Bernie Ecclestone und letztlich Mosley wechselte. Wahrscheinlich ist es auch kein Zufall, daß Ferrari in vergangenen Streitfällen hin und wieder erstaunliches Glück mit der FIA hatte.

          Allerdings scheute sich Mosley auch nicht, mitten in der Ära Schumacher Regeln einzuführen, die den Seriensieger stoppen sollten. Noch im Frühjahr mußte Ferrari allzu flexiblen Heckflügel abschrauben. Und vom Bonus eines Chefpiloten spürte Schumacher auch nicht viel. Jedenfalls kam der Rheinländer weder nach seiner Parkaffäre während des Qualifyings in Monaco noch beim Regelverstoß in Ungarn (Überholen beim Training unter roter Flagge) in den Genuß einer FIA-Protektion. Im Gegenteil. Alonso dagegen sauste beim Zweikampf mit BMW-Pilot Nick Heidfeld während des Rennens in Italien an einer Schikane vorbei. Der Vorsprung durch Abkürzung empörte Heidfeld: "Diese Aktion war jenseits von Gut und Böse." Jedenfalls blieb sie straffrei.

          Sieger Alonso ist die Zukunft der Formel 1

          Die undurchsichtige, bisweilen widersprüchliche Rechtsprechung in der Formel 1 wird so lange Manipulationsgerüchte provozieren, bis ein verläßlicher Regel- und Strafenkatalog formuliert ist. "Wir brauchen eine Nachschärfung", forderte BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen. Dagegen aber wehrt sich Mosley. Ein fixiertes Reglement, so sein Argument, lasse zu viele Schlupflöcher für findige Ingenieure. Wer die Formel 1 aber so unregelmäßig wie flexibel regelt, darf sich nicht über Kläger aus allen Lagern wundern. Der nächste müßte, versetzt man sich in die allein gewinnorientierte Logik vermeintlicher Verschwörer, aus dem Ferrari-Lager kommen. Denn seit Monza ist Spannung bis zum Schluß, der erste Wunsch von Ecclestone und Mosley, gesichert.

          Wem aber diente schon ein achtmaliger Weltmeister im Ruhestand? Dagegen kurbelte ein zwölf Jahre jüngerer Schumacher-Bezwinger das Geschäft an wie ein Marktschreier: Hier kommt der Mann, der den Superstar in die Pension schickte! Sieger Alonso ist die Zukunft der Formel 1, nicht der Verlierer.

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