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Formel 1 : Mit Herz und Hirn

  • -Aktualisiert am

Überholen mit Charme: Sebastian Vettel Bild: REUTERS

Jenson Button liegt vorn. Aber er spürt den Atem der Konkurrenz hinter seinem Doppel-Diffusor. Auch Sebastian Vettel setzt in Barcelona auf technische Verbesserungen. Den Titelkandidaten ist eines gemeinsam: ihr natürlicher Charme.

          3 Min.

          Drei Siege in vier Rennen. Was will ein Formel-1-Rennfahrer mehr? „Punkte“, sagt Jenson Button, „ich habe trotzdem nur zwölf Punkte Vorsprung.“ Kaum ist der Brite mit seinem BrawnGP binnen sechs Wochen mit überzeugenden Vorstellungen an die Spitze gestürmt, da schaut er vor dem fünften Grand Prix an diesem Sonntag in Barcelona schon in den Rückspiegel. Sorgen schwangen in seinen Worten vom Donnerstag mit. Es muss die ewige Angst des Menschen vor der Schwäche seiner Maschine sein. „Wir sind nicht so gut“, behauptete Button, „wie die anderen glauben.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Acht Jahre hat der Brite auf seine Chance gewartet. Hat sein Talent am Lenkrad nach dem Abschied von BMW-Williams (2000) allenfalls im hinteren Mittelfeld hin und wieder beweisen können, die üppige Freizeit aber konsequent für seine Lust am Leben genutzt (siehe: Jenson Button: Der letzte Playboy der Formel 1). Buttons Lieblingsthema beim Essen, schrieb die London „Times“, sind, „Autos, Frauen und Sex zu dritt.“

          Button von der Konkurrenz beeindruckt

          Inzwischen, mit 29, ist Button eine neue Beziehung eingegangen. In Barcelona diskutierte er Kurven aus dem Blickwinkel des stets nach Beschleunigung Suchenden. „Auf der Bremse ist unser Auto unschlagbar. Aber in den schnellen Kurven ist Red Bull stärker.“ Brawns Vorsprung schien zuletzt aufgebraucht. Kann Buttons Rennstall, seit dem Rückzug von Honda im vergangenen Dezember mit einem endlichen Budget ausgestattet, das Tempo des Entwicklungs-Wettlaufs nicht halten? Millionen Euro haben die großen Teams wie Ferrari, BMW oder McLaren-Mercedes in die jüngste Umrüstung für Barcelona gesteckt. Investitionen mitten im Sparprogramm unter anderem für eine Kopie des berühmten Brawn-Diffusors, eine Art Luftschleuse zur Steigerung des Ansaugeffektes am hinteren Unterboden des Autos.

          Mit dem Slang des Londoner Taxifahrers: Vettel bei der Arbeit am Auto mit einem Mechaniker

          Der allseits angekündigte Aufschwung in der arg gebremsten Prominentenliga beeindruckte Button sichtlich: „Unsere neues Aerodynamik-Paket muss sitzen. Denn viel mehr wird nicht kommen.“ Und so plädierte er trotz des komfortablen Vorsprungs munter für eine Risikozulage: „Wir müssen jetzt aggressiv herangehen.“ Vor und während der Rennen: „Platz zwei oder drei kann uns nicht genügen, dazu ist der Vorsprung zu gering.“

          Auch Red Bull mit neuen Teilen

          Seine Verfolger in den anderen Teams, allen voran Sebastian Vettel (13 Punkte Rückstand), sollen diese Ankündigung als Warnung verstehen. Button wird ähnlich wie vor zwei Wochen in Bahrein sein Heil in der Flucht nach vorne suchen, falls es ihn in die hinteren Startreihen verschlägt. Der Auftritt des Engländers signalisierte aber auch eine selten im Fahrerlager zu erkennende Offenheit. Wer aus dem Klub der Selbstbewussten verrät schon freiwillig Schwächen?

          Vettel, mit 21 reif genug für die Meisterschaft, hat auch schon so unzensiert gesprochen. Am Donnerstag aber behandelte er die Fortschritts-Spekulationen, das Thema des Wochenendes, subtiler. Red Bull reiste zwar auch mit neuen Teilen nach Barcelona. Verglichen mit der Aufrüstung der Konkurrenz vorne wie hinten aber handelt es sich nur um kleinere Modifikationen, vom Frontflügel bis zum Spiegel: „Aber das schöne an diesem Sport ist ja“, warf Vettel verschmitzt ein, „dass kleine Teile viel ausmachen können.“

          In Monaco mit Doppeldiffusor

          Beim Training am Freitag erwies sich die große Lösung bei Brawn auf den ersten Blick als Vorteil gegenüber Red Bull. Auch wenn die Leistungsfähigkeit wegen der unterschiedlichen Benzinmengen und Teststrategien kaum einzuschätzen war. „Ich denke, sie sind uns etwas voraus“, sagte Red-Bull-Teamchef Christian Horner nach Rang sieben von Vettel hinter Button. „Aber uns steht ja noch ein größerer Schritt bevor, den die anderen schon gemacht haben.“ Für Monaco in zwei Wochen plant der Engländer mit der ersten Version des Brawn'schen Doppeldiffusors. „Ich schätze unser Entwicklungspotential am Auto höher ein als das von Brawn, Toyota oder Williams.“

          Wesentliche Gemeinsamkeit: natürlicher Charme

          Was der Formel 1 den gewünschten Zweikampf bescheren könnte: Button gegen Vettel. Inmitten der durchsichtigen wie nervenden Machtkämpfe schmückte sich die Hochgeschwindigkeits-Branche mit einer Sympathie-Offensive. Denn lange nicht mehr haben zwei so unterschiedliche WM-Kandidaten eine so wesentliche Gemeinsamkeit besessen: „Sie sind beide ganz natürliche Persönlichkeiten“, sagt Horner. „Ich glaube sogar, dass Jenson in England inzwischen beliebter ist als Lewis (Hamilton, der Weltmeister). Wie ist denn das in Deutschland?“ Nach Siegen steht es hierzulande 91:2 für den in der Öffentlichkeit stets reservierten Chefpiloten a.d., Michael Schumacher. Vettels Charme aber reicht bei fortgesetztem Erfolg für ein Überholmanöver (siehe: Sebastian Vettel: Wie eine Verheißung).

          Wenn er doch selbst englische Mechaniker im Handumdrehen für sich gewonnen hat. „Die waren verblüfft“, erzählt Horner. Der junge Deutsche hatte gleich beim ersten Test sein Team über Funk im Slang eines Londoner Taxifahrers angesprochen. Inzwischen diskutiert man mitunter über Cricket. Auch so lässt sich auf Dauer punkten, mit Herz und Hirn: „Sebastian ist der größte oder einer der größten Faktoren“, berichtet Horner, „er kombiniert sein Tempo phantastisch mit seinem Verständnis für das Auto.“

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