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Formel 1 : Mit 290 im Schatten der Methusalems

  • -Aktualisiert am

Der Präsident kommt: Mosley zeigt sich in Monte Carlo Bild: AP

Bernie Ecclestone und Max Mosley, einst eine brillante Verbindung, prügeln sich nun gegenseitig. Die Zukunft der Formel 1 steht auf dem Spiel. Angeblich. Es könnte auch ein Ablenkungsmanöver sein.

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          Es geht rund im Fürstentum. Rund 3000 Mal schalten Formel-1-Piloten beim Rennen durch die Häuserschluchten von Monaco. Sie schießen mit bis zu 290 Kilometern pro Stunde durch den Tunnel, driften in ihren Millionen Euro teuren Boliden durch die Hafenkurven um Haaresbreite an Leitplanken vorbei, suchen ihr Glück bei der „blinden“ Einfahrt in die Casinokurve.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Der Hochgeschwindigkeitszirkus platzt für drei Tage in eine vor Platzmangel schwer atmende Enklave an der Côte d’Azur. Die Rennwagen kommen kaum in den siebten Gang. Und wenn das Training vorbei ist, brüllen die Motoren sündhaft teurer Sportwagen im Dauerstau des mit Autos vollgestopften Monte Carlo. Hier lebt der Anachronismus. Die Raserei über Zebrastreifen und Kreuzungen hinweg, vorbei an Stoppschildern und durch verkehrsberuhigte Zonen gilt nun zum 66. Mal als Höhepunkt der Rennshow. Wo doch die jungen Kerle in ihren fliegenden Kisten fast mit Händen zu greifen sind bei ihrer Sause - etwa vom eingezäunten Café Rascasse. Nur steht die Computer-Kid-Generation diesmal bis zum Start des Rennens an diesem Sonntag im Schatten zweier Methusalems.

          Die schärfsten Manöver absolvieren im Moment Max Mosley, der Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes (FIA), und Chefmanager Bernie Ecclestone. Der Brite Mosley, 68 Jahre alt, versucht nach Veröffentlichung seiner sadomasochistischen Neigung vor sieben Wochen die Kurve als oberster Regelhüter und Verkehrsrichter zu kriegen. Der knapp zehn Jahre ältere Ecclestone erscheint im Überlebenskampf seines langjährigen Partners plötzlich als Gegner. „Ich hoffe nicht, dass er Krieg will“, sagte Ecclestone in dieser Woche. „Dann müssten wir uns wehren.“ So sorgen zwei Großväter in der auf ewige Jugend getrimmten Formel 1 für jene Zutaten, denen Marketingexperten einen großen Attraktionswert bescheinigen: Sex and Crime. Die Formel 1 giert nach Aufmerksamkeit.

          Sitzung der Formel-1-Teamchefs in Spanien (April 2008): Ecclestone, BMW-Motorsportchef Mario Theissen, Vijay Mallya, Eigentümer des Force-India-Teams (v.l.)
          Sitzung der Formel-1-Teamchefs in Spanien (April 2008): Ecclestone, BMW-Motorsportchef Mario Theissen, Vijay Mallya, Eigentümer des Force-India-Teams (v.l.) : Bild: dpa

          Zum Saisonstart wähnte sich die Formel 1 frei von sportpolitischen Winkelzügen

          „Leider ist es aber schwieriger geworden in den vergangenen Jahren, Sponsoren zu bekommen, die bereit sind, viel Geld zu investieren“, sagt der Fahrermanager und Sponsorvermittler Werner Heinz: „Die Unternehmen sind vorsichtiger und schauen sich genau an, was passiert.“ Seit dem Rücktritt von Michael Schumacher Ende der Saison 2006 erlebte die Branche zwar im vergangenen Jahr einen ungewöhnlichen wie dramatischen Mehrkampf bis zum Finale beim Großen Preis in Brasilien, doch der Sport auf der Piste wurde überschattet von einer schwer durchschaubaren Spionageaffäre um Ferrari und McLaren-Mercedes, die im September mit der drakonischen Bestrafung der deutsch-britischen Fahrgemeinschaft offiziell beendet wurde: 100 Millionen Dollar musste der Rennstall zahlen und verlor überdies alle Punkte, mithin den Titel als bester Konstrukteur.

          Abgeschlossen wurde der Fall erst mit einem im Stillen verhandelten Nichtangriffspakt zwischen Mosley und Mercedes im Winter. Und so wähnte sich die Formel 1 pünktlich zum Start der neuen Saison wieder frei von sportpolitischen Winkelzügen. „Hier geht es schließlich um Piloten und Autos“, sagt der Sportchef von Mercedes, Norbert Haug. Und nicht um Eitelkeiten und rücksichtslose Machterhaltungskämpfe von Egomanen in einer Geldmaschinerie?

          Mosley kassiert Schläge und kämpft um Amt und Würde

          Nach nicht einmal drei Grand Prix präsentierte das britische Boulevardblatt „News of the World“ den Mosley-Skandal. Der FIA-Boss, bis dahin so etwas wie die moralische Institution der Szene, ein rigider Regelmacher und strenger Richter, tauchte nun, ausgiebig in Wort und Bild dokumentiert, als schlagfertig im doppelten Sinne auf. Seine peitschenden Kommentare haben Gegner im Fahrerlager wie McLarens Teamchef Ron Dennis immer wieder zu spüren bekommen. Jetzt sahen sie in einem Internetfilmchen ihren FIA-Präsidenten, wie er Hiebe mit Lust austeilte und einsteckte im fünfstündigen Spiel mit fünf Dominas.

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