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Formel 1 : „Michael - Thank you & Goodbye“

Abschied einer Legende: Michael Schumacher hört auf Bild: dpa

Zum Abschied in Brasilien ist noch einmal Schumacher-Wetter: Im Regen von Sao Paulo wird der Rekordweltmeister Siebter und verabschiedet sich mit Würde.

          2 Min.

          Stunden vor dem Rennen in São Paulo haben sie noch ein letztes Mal Aufstellung genommen: Michael Schumacher und Nico Rosberg posierten auf den Vorderreifen ihrer Boliden für die Kameras, im Hintergrund lächelten die Mitglieder des Teams von Mercedes. „Michael - Thank you & Goodbye“ hatten sie in neonroter Farbe auf eine Tafel geschrieben, und während Schumacher da so saß, immer wieder die Hände zum Gruß hob, da schien für einige Momente so etwas wie eine Träne in seinen Augen zu sein.

          Michael Wittershagen
          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Um kurz vor 14 Uhr Ortszeit rollte Schumacher zur Startaufstellung, hielt in der linken Hand eine Fahne und sagte über den Teamfunk in die Welt hinaus: „Danke an all jene, die mir bei der Verwirklichung meines Lebenstraumes geholfen haben.“ Dann stellte er das Auto ab, stieg aus, die Brasilianer erhoben sich von der Tribüne und jubelten dem alten Helden zu.

          Selbst der Himmel schien einen Gruß parat zu haben. Pünktlich zum Start gingen ein paar Regentropfen auf dem Asphalt in Interlagos nieder. Schumacher-Wetter? Ein Mann nimmt Abschied von der Formel 1, die er so sehr geprägt hat, wie kaum ein anderer vor ihm. „Ich bin bald 44 und kann immer noch mit der Weltspitze mitfahren, meine Ausrufezeichen setzen“, sagte er vor dem letzten Grand Prix seiner Karriere.

          Mittendrin statt nur dabei

          Das bewies er in São Paulo. Kurz nach dem Start war Schumacher mitten im Chaos und kam nur als Zwanzigster mit einem Plattfuß am Boliden wieder heraus. In der zwölften Runde wurde Schumacher sogar von Jenson Button (McLaren) überrundet. Erst die Safety-Car-Phase nach der 23. Runde brachte ihn wieder ins Spiel, plötzlich kreiste Schumacher als Elfter und wurde vom Regen weiter nach vorne gespült. Am Ende wurde er Siebter.

          Abschiedsfoto mit dem Team: Schumacher und Rosberg
          Abschiedsfoto mit dem Team: Schumacher und Rosberg : Bild: AFP

          Drei Jahre Verlängerung, noch einmal 58 Rennen, ein dritter Platz in Valencia und eine Trainingsbestzeit in Monte Carlo als Glanzlichter vieler mittelmäßiger Fahrten - Mercedes und Schumacher sind den eigenen Ansprüchen in den vergangenen drei Jahren oft hinterhergefahren. „Erfüllt hätte mich nur die Meisterschaft. Das war mein Ziel beim Comeback“, sagte Schumacher Mitte Oktober gegenüber dieser Zeitung.

          Entwicklung von Mercedes war rückläufig

          Als im Januar 2010 in Stuttgart das neue Mercedes-Team vorgestellt wurde, glaubten selbst Experten, dass mit der neuen Fahrgemeinschaft zu rechnen sein würde - beim Kampf um die besten Plätze. Doch Teamchef Ross Brawn und den Ingenieuren ist es nicht gelungen, ein Auto zu kreieren, mit dem die Fahrer konstant um Siege fahren konnten. Nur in Schanghai stand Rosberg in diesem Jahr einmal ganz oben auf dem Podium.

          Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug hat in São Paulo trotzdem noch einmal betont, dass er Schumacher wieder verpflichten würde. Und er fügte hinzu: „Ich muss mich bei ihm entschuldigen, dass unser Team die technischen Voraussetzungen nicht so dargestellt hat, dass Michael und Nico regelmäßig um Podiumsplätze hätten fahren können.“ Zunächst 214 Punkte in der Konstrukteurswertung (2010), dann 163 (2011) und 142 (2012) - die Entwicklung des Rennstalls Mercedes GP ist rückläufig.

          Bilderstrecke
          Michael Schumacher : Das Ende einer Ära mit Verlängerung

          Und die von Schumacher? Seine Kritiker behaupten, dass er gar nicht erst hätte zurückkehren dürfen. Wie ein Mantra wiederholten sie das. Dabei erzählen die Statistiken etwas anderes, erstmals nach seiner Rückkehr kurvte Schumacher in diesem Jahr im Qualifikationstraining auf Augenhöhe mit Rosberg (10:10). Viel mehr über seine Bedeutung für die Formel 1 aber sagen die Reaktionen auf den Rängen aus. Schumacher ist noch immer der bekannteste Rennfahrer von Amerika bis Asien. In Japan hielt ein Fan in diesem Jahr ein Plakat in den Händen, darauf war zu lesen: „No Michael, no race.“

          Ein neues Leben

          Rennen werden auch im kommenden Jahr gefahren - ohne Schumacher. „Ich habe neben der Formel 1 ein Leben, darauf freue ich mich“, sagt er. Vielleicht wird er Markenbotschafter bei Mercedes, erst kürzlich hat er drei neue Sponsorenverträge abgeschlossen, er springt weiter mit einem Fallschirm aus Flugzeugen, und mit seiner Frau Corinna hat er sich rund 200 Hektar Land in Texas gekauft und darauf eine Ranch bauen lassen.

          Das Rennfahrerleben endet, es beginnt ein neues. Warum er noch einmal zurückgekehrt ist in die Formel 1? Die Antwort trug Schumacher in Brasilien auf seinem Helm: „Im Leben geht es um Leidenschaften. Danke, dass Ihr meine mit mir geteilt habt.“

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