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„Schande“ in der Formel 1 : Der doppelte Schumacher

  • -Aktualisiert am

Siegerehrung: der deutsche Formel 1-Rennfahrer Michael Schumacher (links) und der britische Formel 1-Pilot Damon Hill im Jahr 1995 in Japan Bild: dpa

Vor genau 25 Jahren erlebte die Formel 1 eines ihrer schlimmsten Jahre: zwei tote Fahrer, ein Pilot im Koma, verletzte Mechaniker, von Trümmern getroffene Zuschauer. Mittendrin: Michael Schumacher. Doch der Blick zurück offenbart viel mehr als das.

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          Es ist eine Schande! (...) Eine große Schande.“ Das hat Damon Hill, einst Gegenspieler von Michael Schumacher in der Formel 1, der Verlierer des 13. November 1994, vor zwei Jahren getwittert. Vor 25 Jahren fuhren die beiden beim Saisonfinale in Adelaide um den Titel, Hill mit einem Punkt Rückstand hinter Schumacher her. Bis der Rheinländer für einen Moment die Kontrolle über seinen Benetton verlor, rechts die Mauer touchierte, aber vor seinem Rivalen wieder auf die Piste zurückkam.

          Hill griff in der folgenden Rechtskurve an, Schumacher „schloss die Tür“, die Boliden kollidierten, der Kerpener schoss geradeaus in die Reifenstapel, Hill fuhr weiter. Schumacher kletterte hinter den Fangzaun, sein Gesicht fahl, die Augen ins Leere stierend. Bis er merkte, dass Hill nicht mehr kreiste, sondern in der Box stand, mit verbogener Radaufhängung, mit gebrochenem Herzen. Die Streckenkommissare hielten den Crash für einen Rennunfall. Hill sprach nicht von Absicht, aber zwischen den Zeilen von einer Schande.

          Erfolge und große Härte

          In England wurde der Zeigefinger erhoben, in Deutschland begann die Faust mit dem nach oben gestreckten Daumen eine Gestik-Karriere wie nach ihr nur die Raute der Kanzlerin. Immer präsent, im Fall Schumacher ein Zeichen der Dominanz auf dem Weg zu bislang unerreichten sieben Titeln. Seit dem Ende des Krieges hatten die Deutschen fast alles gewonnen, was es im Sport zu gewinnen gibt. In der Formel 1 mussten sie 45 Jahre auf einen Champion warten. Schumacher löste Massenwanderungen zu den Rennstrecken aus, eine Anbetung von Fans, die daheim Reifengummi vom Asphalt des Nürburgrings in Glasvitrinen stolz präsentierten.

          Aber er polarisierte auch mit seiner Härte gegen sich und andere. Gemessen an seinen 307 Grands Prix sind es wenige Szenen, die dem Bild vom intelligenten Siegertypen den Eindruck einer gewissen Rücksichtslosigkeit gegenüberstellen. Schumacher hat kaum darauf reagiert. Er verzichtete auf Erklärungen und Imagekampagnen.

          Nach dem schweren Skiunfall im Dezember 2013 wird die Frage nach Ursachen seiner extremen Erfolgssehnsucht im Dunkeln bleiben. Nur Andeutungen verrieten Demütigungen zu Jugendzeiten. Wie hart und prägend der Weg für einen Jungen ohne Geld von der Kartbahn in der Kiesgrube in den professionellen Motorsport war, behielt Schumacher für sich. Oder er sprach auf der Strecke aus, was ihm das Leben beigebracht hatte. Es dauerte, bis Schumacher Vertrauen fasste. Wer es gewann, entdeckte eine große Loyalität oder Großzügigkeit, die Schumacher behielt, obwohl sie mancher schäbig ausnutzte.

          Das war kein Thema für ihn. Draußen, in der Welt, wollte er vor allem als Rennfahrer beurteilt werden, am liebsten von Rennfahrern. Sie wissen, was er aus dem Annus horribilis 1994 der Formel 1 gemacht hat. Zwei tote Fahrer, ein Pilot im Koma, verletzte Mechaniker, von Trümmern getroffene Zuschauer: Im Hintergrund wirkte der junge Weltmeister an der Entwicklung von Sicherheitsstandards mit, die Schlimmeres verhinderten. Es gab viel mehr als das Offensichtliche, den Streit mit seinem Rivalen im Williams, die Siege, die Attacken, die Rekorde. Hill hätte gerne davon erfahren. Sein komplettes Twitter-Zitat lautet so: „Es ist eine Schande, dass wir uns nie besser kennengelernt haben. Eine große Schande.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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