https://www.faz.net/-gtl-a243d

Formel 1 in Silvestone : Bloß keine Störung im Mercedes-System

  • -Aktualisiert am

Auch im nächsten Jahr bei Mercedes dabei: Valtteri Bottas Bild: Picture-Alliance

Mercedes setzt in der Formel 1 weiter auf den loyalen Valtteri Bottas als zweiten Fahrer. Denn einen Egomanen im Team kann Weltmeister Lewis Hamilton nicht gebrauchen – aus einem einfachen Grund.

          3 Min.

          Valtteri Bottas kann ruhig schlafen. Der 30 Jahre alte Finne ist auch im nächsten Jahr ein Mercedes-Pilot. Zum vierten Mal nacheinander wurde sein Vertrag um eine Saison verlängert. Noch nie zuvor musste sich Bottas so wenig Sorgen um seine Zukunft machen. Nach der Zitterpartie im vergangenen Jahr, als er wegen einer Durststrecke in der Mitte der Saison ernsthaft in Frage gestellt wurde, hatte man sich diesmal schon vor dem eigentlichen Saisonstart im März darauf geeinigt, spätestens bis Juni zu einer Entscheidung zu kommen. Dann kam die Corona-Krise dazwischen. „Wir haben abgemacht, die ersten drei bis vier Rennen ins Land ziehen zu lassen“, berichtete Bottas. Der Rest sei Formsache gewesen, weshalb er auch nicht groß abgelenkt gewesen sei. „Der Vertrag ist praktisch eine Kopie vom letzten Jahr. Es war ganz einfach, meine Unterschrift darunter zu setzen.“

          In der offiziellen Verlautbarung des Teams ist viel von Vertrauen und Kontinuität die Rede. „Wir erleben gerade den stärksten Valtteri, den es je gab, physisch und mental“, begründet Teamchef Toto Wolff den Schritt: „Mit seiner Arbeit auf und neben der Strecke spielt er eine wichtige Rolle für die Leistung des gesamten Teams.“ Bottas erinnert daran, dass sein Limit noch nicht erreicht sei: „Da treffe ich bei Mercedes auf Gleichgesinnte. Die sind auch nie mit dem Erreichten zufrieden.“

          Hamilton wie eine Maschine

          In gewisser Weise ist Lewis Hamilton einer der undankbarsten Teamkollegen im Feld. Der sechsfache Weltmeister fährt wie eine Maschine. Und falls er sich dann doch einmal ein paar Ausrutscher leistet wie beim Saisonauftakt in Österreich, kann Bottas sicher sein, dass er in den nächsten Rennen umso stärker zurückschlägt. An dieser Konstanz wäre Bottas in den ersten beiden Jahren bei Mercedes fast zerbrochen. Nach einer Saison ohne Sieg 2018 verbrachte er einen ganzen Winter damit, an seinen Schwächen zu arbeiten. „Ich habe geschaut, in welchen Kurven Lewis schneller ist und warum. Wie er mit bestimmten Rennsituationen umgeht und was ich anders mache. Mit welcher Einstellung er seine Arbeit erledigt. Ich habe nur diese eine Karriere und wollte mich nicht noch einmal nach einer Saison fragen müssen, was ich alles hätte besser machen müssen.“

          Bottas kam zu dem Schluss, dass er viel seltener in der Lage war, seine beste Leistung abzurufen, als Hamilton. „Und nur wenn ich meine beste Leistung bringe, kann ich Lewis schlagen.“ Die Zauberformel: „Negative Gedanken in positive Energie umwandeln.“ So verscheucht er auch jeden Ärger darüber, dass er nach dem Reifenschaden von Silverstone am vergangenen Sonntag und vor dem an diesem Sonntag anstehenden zweiten Rennen in England (15.10 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1, bei Sky und RTL) schon wieder 30 Punkte hinter seinem Stallrivalen liegt. „Das ist abgehakt. Silverstone gibt mir diese Woche eine neue Chance.“

          Mercedes-Technikchef James Allison hat die Fahrerfrage ohnehin nie so richtig verstanden. „Warum sollen wir eine Fahrerpaarung ändern, die so erfolgreich ist? Viele Teams wären neidisch auf unsere Fahrer. Jede Störung in diesem System birgt nur Fehlerquellen.“ Auch Toto Wolff spricht von der fast perfekten Mischung. „An einem schlechten Tag von Lewis ist Valtteri da. Und an einem guten Tag ist Lewis unschlagbar. Die Dynamik und die Stimmung zwischen den beiden stimmt. Wenn du zwei Egomanen im Team hast, wird das mit der Team-Meisterschaft schwierig“, sagt er: „Deshalb sind die beiden für uns die beste Lösung.“

          Alonso nie eine Option

          Aus diesem Grund war Fernando Alonso nie eine Option für Mercedes. Und darum wäre es auch schwierig geworden, Lewis Hamilton und Sebastian Vettel zusammenzuspannen, obwohl beide auf persönlicher Ebene gut miteinander auskommen. Zwei Alphatiere in einem Käfig haben schon so manches Teamgefüge gesprengt. Außerdem hätte Mercedes bei dieser Konstellation seinem Rohdiamanten George Russell erklären müssen, warum nicht er den Platz neben Hamilton bekommen hätte. Die Leistungen des 22 Jahre alten Engländers bei Williams lassen ahnen, dass hier ein Champion heranwächst. Russell schaffte es zuletzt dreimal nacheinander in die zweite K.-o.-Runde der Qualifikation. Das ist in einem Williams gefühlt so gut wie die Pole-Position für Mercedes.

          Auch Lewis Hamilton zeigte sich zufrieden mit der Entscheidung für Bottas: „Stabilität ist immer gut. Valtteri macht einen sehr guten Job auf der Strecke, er treibt mich an, er ist ein Teamplayer.“ Hamilton muss keinen Fahrer im Feld fürchten, doch er will Ruhe im Team. Das geht besser mit einem, den er kennt, als mit einem, der glaubt, mit ihm auf Konfrontationskurs gehen zu müssen. Trotzdem könnte die Vertragsverlängerung des Kollegen auch für Hamilton Folgen haben. Laut Bottas blieben die Vertragskonditionen unverändert. Daraus lässt sich ableiten, dass er 2021 nicht mehr Geld verdienen wird als jetzt. Die Nullrunde könnte auch ein Zeichen für den teuersten Angestellten im Team sein. Hamilton hat plötzlich keine Eile mehr, seinen Vertrag zu verlängern.

          Die Begründung ist interessant: „Ich habe das Gefühl, dass es jetzt ein falscher Zeitpunkt wäre, über meinen Vertrag zu reden. So viele Leute verlieren in diesen schwierigen Zeiten gerade ihre Jobs.“ Der 87-malige Grand-Prix-Sieger hat trotz seiner Ausnahmestellung nicht die beste Verhandlungsposition. Es gibt für ihn keine Alternative zu Mercedes. Und er weiß, dass es im Moment in der Öffentlichkeit und bei Daimler nicht gut ankommen würde, falls er genauso viel wie bisher oder mehr verlangte. Aussitzen wird der WM-Spitzenreiter das Problem nicht können. Corona und die damit verbundene Wirtschaftskrise wird Mercedes auch noch bis ins Frühjahr 2021 begleiten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Patient im Intensivzimmer eines bayerischen Krankenhauses.

          Coronavirus : Krankenhäuser reduzieren Betten für Covid-Erkrankte

          Nur noch zehn Prozent der Intensivbetten werden künftig freigehalten: Ärzte befürchten bei einer zweiten Welle Engpässe in der Pflege. Der Präsident der Bundesärztekammer warnt davor, auf die Quotenregelung ganz zu verzichten.
          Dunkle Wolken über Mehrfamilienhäusern aus der Gründerzeit im Prenzlauer Berg (Archivbild)

          Immobilienmarkt : Der Mietendeckel verschärft Berlins Wohnungsnot

          In Berlin können Mieter bald verlangen, die Miete auf eine gesetzlich vorgegebene Grenze zu senken. Schon jetzt wirkt sich das umstrittene Instrument zur Preisdämpfung massiv auf den Wohnungsmarkt aus. Selbst die Genossen sind verärgert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.