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Formel 1 in Frankreich : Der Coup des Max Verstappen

  • -Aktualisiert am

Sieger der Reifen: Max Verstappen jubelt über den Großen Preis von Frankreich. Bild: AFP

Nach einem Fahrfehler gewinnt der Niederländer den Großen Preis von Frankreich. Dank einer brillanten Strategie mit einem Überholmanöver kurz vor Schluss zieht er noch vorbei an Lewis Hamilton.

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          So doch nicht! Max Verstappen galt als der Favorit auf den Sieg beim Großen Preis von Frankreich. Von der Pole-Position muss man den Niederländer erst einmal verdrängen auf dem Kurs Paul-Ricard in der Nähe von Le Castellet. Eigentlich ein Geduldspiel. Überholen ist schwierig, vor allem, wenn die Autos beinahe gleich schnell sind.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Es dauerte am Sonntag ein paar Sekunden. Weil die Nervenstärke, die Reaktionsgeschwindigkeit entschied. Lewis Hamilton im Mercedes brauchte einen Tick weniger als sein schräg vor ihm stehender Rivale, um von der Stelle zu kommen. Im Windschatten schoss er hinter dem Red Bull auf die erste Kurve zu. Und in der zweiten sauste er links an ihm vorbei auf der Ideallinie: Verstappen auf Abwegen, Kurve nicht bekommen.

          Zu spitz angefahren, etwas Übersteuern, Wind aus der falschen Richtung. „Ich konnte das Auto nicht kontrollieren, nicht einlenken.“ Zweiter. O je, der schöne Rennplan dahin. Davonrasen dem Silberpfeil-Duo mit Hamilton vor Bottas, mit dem schnellsten Boxenstopp vorne bleiben, nach Hause fahren im Topmodell des Jahres. Alles Makulatur im Handumdrehen, aber keine Zeit für Selbstkasteiung. Vollgas. Auf zur Jagd auf den selbsternannten Jäger Hamilton.

          „Was für ein Rennen“, sagt Verstappen nach seinem dritten Saisonsieg im Red Bull vor dem Engländer und seinem Teamkollegen Sergio Perez. Was für ein Glück für die Zuschauer, dass der Anfang so missriet. 15.000 saßen nach Angaben des Veranstalters auf den Rängen. Unter den strengen Augen der staatlichen wie privaten Aufsicht wurden die Fans in verschiedene Blöcke geleitet. Das weiträumige Areal ließ einen kontaktfreien Zugang für drei Gruppen à 5000 weitgehend zu. Fahrradfahrern wurde der Weg versperrt. Auf dass sich kein Zaungast verirrte.

          Die Stimmung verlockte. Fröhliche Menschen, in Schwingung versetzt von Rhythmus-Gruppen auf den Tribünen, bewegt von der Hetze an der Spitze des Feldes nach Verstappens Fahrfehler. Gut möglich, dass er die Silberpfeil-Allianz früher distanziert hätte. So zurückgefallen, steckte Verstappen in der Klemme. Musste Hamilton auf den Fersen bleiben und den Finnen Valtteri Bottas im Rückspiegel beobachten. Perez fuhr zunächst ein bisschen hinterher, bildete vorerst keine Gefahr für den zweiten Mercedes-Fahrer. Der Rest? Abgehängt. Die Formel 1 ist ein Duell zwischen Red Bull und Mercedes auf der Piste und an der Boxenmauer unter den Strategen.

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          Druck im Oberstübchen. Wer geht zuerst an die Box bei einem vermeintlichen Einstopp-Rennen, um die obligatorischen Reifenwechsel hinter sich zu bringen. Bottas, wer sonst? Der Dritte als Treibmittel von Mercedes, nur 2,5 Sekunden hinter Verstappen zurück, zwang Red Bull zu reagieren. Verstappen musste eine Runde später folgen: 2,3 Sekunden Standzeit für alle Räderwechsel, nicht berühmt, sie waren schon schneller, die Pit-Stopp-Rekord-Weltmeister. Und so kam Bottas auf 0,8 Sekunden heran. Schlagdistanz.

          Aber es kam nicht zum Schlag. Spurwechsel auf Hamilton. Der fuhr noch eine Runde, als Verstappen abgebogen war. Warum? Warum nicht parallel wechseln mit 2,5 Sekunden Vorsprung? Eine (halbwegs) sichere Sache. Verzockt in diesem Gedankenspiel unter größter Zeitnot. „Das nehmen wir auf unsere Kappe“, ließ Mercedes seinen Chefpiloten wissen: Denn als Hamilton nach seinem Service-Aufenthalt beschleunigt auf der Boxenausfahrt, fliegt Verstappen auf der Geraden heran, drückt sich vorbei. Applaus in der Garage des Brausefabrikanten. Das Resultat der Schachzüge: Verstappen, Hamilton und Bottas trennen nur noch 2,1 Sekunden.

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          Was hat die Formel 1 nicht endlos wie unerledigt über legale oder illegale Reifendrücke gesprochen in der vergangenen Woche, was wurde nicht intensiv über die vom Internationalen Automobil-Verband geforderte Versteifung des Heckflügels bei Red Bull diskutiert? Was auch immer die Veränderungen bewirkten: Enger war es lange nicht an der Spitze. Da hielten sie die Luft an, die Spannung zum Bersten, als Verstappen zur Hälfte des Rennens funkt: „Lange halten wir das nicht durch.“

          Red Bull zog die nächste Karte: Ein zweiter Reifenwechsel, 32. Runde, Rückfall auf Position 4, 16,1 Sekunden zurück und noch 21 Touren zu fahren. Würde das reichen, Hamilton noch abzufangen? Sebastian Vettel, Zweiter von Baku vor zwei Wochen, wählte eine andere Strategie, kreiste 39 Runden auf harten Gummis, rückte vor auf Platz fünf und kam nach seinem einzigen Service-Rückfall (11.) auf frischen Pneus als Neunter ins Ziel. Mick Schumacher (Haas) wurde Vorletzter.

          Das Rennen machten andere. Verstappen kreiste auch im Kopf von Hamilton. Diskussion im Funkverkehr mit dem siebenmaligen Champion. Auch noch schnell die Gummis wechseln oder draußen bleiben? Der Pilot entschied. Er blieb – auf der Flucht. Verstappen kam näher, erst zwei Sekunden pro Runde, dann eine. Bottas, Hamiltons Absicherung, klagte über den „Verlust“ der Vorderräder, keine Haftung mehr. Der Finne kämpfte, vielleicht auch um seinen Cockpitplatz für 2022.

          Am Sonntag auf der Piste vergeblich. Auch Perez zog vorbei. Verstappen blieben noch zehn Runden, um Hamilton zu stellen, bei fünf Sekunden Rücktstand, denn 2,5, 1,6, 0,7 in der 51. von 53 Runden. Volle Attacke in der Vorletzten. Hamilton hat keine Chance. Verstappens Mechaniker treten wie Boxer in der Box auf, geballte Fäuste, Jubel dröhnt von den Tribünen herüber bis ins Pressezentrum. Das Fazit: So und nicht anders nächsten Sonntag in Österreich. Verstappen fährt mit zwölf Punkten Vorsprung in die Steiermark.

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