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Spektakel in Formel 1 : Hamilton reicht auch ein Dreirad

Kaum zu glauben: Hamilton gewinnt das Rennen mit einem geplatzten Reifen. Bild: AFP

Mit geplatztem Reifen fährt Mercedes-Pilot Lewis Hamilton Teile der letzten Runde und schafft es am Ende trotzdem noch als Erster ins Ziel. Kollege Valtteri Bottas erlebt ein Debakel, Sebastian Vettel erwischt es noch schlimmer.

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          Formel-1-Teamchefs lieben die ungestörte Umsetzung eines Rennplans. Nur keine Störungen bitte. Was wäre daraus geworden an diesem Sonntag? Ein Riesenvorsprung für Mercedes mit den Piloten Lewis Hamilton und Valtteri Bottas am Steuer? Kreisen in der Umlaufbahn vielleicht, jedenfalls eine Sternfahrt. Vielleicht aber auch ein Desaster statt des nächsten Sieges für den Weltmeister am Sonntag beim Großen Preis von England. Quasi auf drei Rädern „humpelte“ er ins Ziel. „Ich hörte meinen Herzschlag nicht mehr, ich war etwas panisch“, erzählte der im doppelten Sinne glückliche Hamilton.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          50 der 52 Runden hatte Mercedes seine Macht demonstriert. Weil schon am Anfang wenig nach Plan lief. Ende der ersten Runde flog der erste Hinterbänkler (Magnussen im Haas) von der Bahn und löste den Einsatz des Sicherheitsfahrzeugs aus. Fuß vom Gas, schon war der Vorsprung von Hamilton, Bottas im Nacken, wieder verflogen. Na und? Beim fliegenden Neustart schossen die Mercedes wieder davon und distanzierten (Verstappen im Red Bull) im Rundentakt um eine Sekunde. Als dann der Russe Kwiat seinen Alpha Tauri in der Becketts-Passage „verlor“, den millionenteuren Boliden beim Einschlag in die Streckenbegrenzung rundherum verkürzte, sausten fast alle schnell zum Reifenwechsel. Neue Gummis, neues Glück? Nein, auch auf den harten Reifen spielte Mercedes mit der Konkurrenz. Als das Feld vom gemütlichen Kreiseln wieder in den Vollgasmodus umschalten durfte, wiederholte sich das Spiel: Innerhalb einer Runde distanzierten Hamilton und Bottas die Jagdgemeinschaft mit Verstappen an der Spitze um eine Sekunde, nach zehn waren es sieben. Der Vorsprung hätte größer werden können. Aber in der Formel 1 ist es mitunter wie beim Springreiten. Es werden nur so viele PS genutzt wie nötig, um über den Dingen schweben zu können. Die wahre Dominanz zeigt sich bei der souveränen Bewältigung unvorhersehbarer Schwierigkeiten.

          Der Weltmeister kann sich nur selbst besiegen

          Womit der geneigte Formel-1-Freund gleich zu Ferrari kommt. Charles Leclerc ließ als Vierter im Qualifying aufhorchen. Auf der Tempostrecke von Silverstone, Hamilton hob den Rundendurchschnittsrekord in der modernen Formel 1 auf 251,564 Kilometer pro Stunde, kamen die Roten immerhin Red Bull etwas näher. Trotz eines Antriebs, der, geschätzt, etwa 60 PS weniger Kraft hat. Aber im Rennen verlor Leclerc nach dem zweiten fliegenden Neustart innerhalb von 18 Runden sogar Verstappen vollends aus den Augen, von Hamilton und Bottas ganz zu schweigen: 30 Sekunden Rückstand.

          Am Ende noch mit politischer Geste: Sieger Lewis Hamilton in Silverstone
          Am Ende noch mit politischer Geste: Sieger Lewis Hamilton in Silverstone : Bild: AFP

          Der Ferrari mit dem Monegassen am Steuer bot eine gute Referenz für die Leistungsgruppen der Formel 1 2020: Hier beginnt der rasende, wahlweise schleichende Mittelstand. Ferrari bildete aber auch den Übergang zur Hinterbänklerfraktion. Sebastian Vettel musste Rang zehn Pierre Gasly im zweite Alpha Tauri überlassen. „Ich fühle mich überhaupt nicht wohl. Es ist etwas krumm“, sagte Vettel, „ich weiß nicht, ob bei mir oder beim Auto.“ Bis zum Qualifikationstraining war Vettel kaum in die Gänge gekommen. Erst streikte der Ladeluftkühler. Später, am Freitag wie am Samstag, kämpfte Vettel mit einem mehr oder weniger losen Teil in seinem Cockpit. Ob es eine tiefere Bedeutung hat, dass Ferrari Vettels Bremspedal nicht in den Griff bekam?

          Die ungebremste Loslösung ist das Kernthema der Formel 1. Während das Management virtuos einen Rennkalender in der Pandemie auf die Beine stellen konnte, steht es der Mercedes-Macht ohnmächtig gegenüber. Der Weltmeister kann sich nur selbst besiegen. Vielleicht Bottas wieder Hamilton? Der weitaus zweitbeste Mercedes-Mann den sechsmaligen Weltmeister? Danach sah und sieht es nicht aus.

          Formel 1

          Der Finne ist nicht konstant genug, Hamilton über eine gesamte Saison auf Augenhöhe zu begegnen. Und so bleibt die Hoffnung auf Planungs- und Strategiefehler oder auf die Schwäche im technischen Detail. Als der linke Vorderreifen an Bottas Dienstfahrzeug zwei Runden vor Schluss begann, Form und Fassung zu verlieren, rauschte Hamilton alarmiert dem Sieg entgegen. In der letzten Runde aber löste sich auch die Gummidecke am linken vorderen Pneu des Weltmeisters. Eine Problemzone in Silverstone. Auch deshalb nahm Mercedes schon vorher das Gas raus. Sonst hätte es leicht zu einem zweiten Boxenstopp und neuen Reifen gereicht. Mühsam schleppte sich Hamilton ins Ziel, Funken sprühend, hoffend wie bangend. Hätte Red Bull nach Bottas Problem Verstappen nicht schnell zum Boxenstopp gerufen, um ihm neue Reifen für die Jagd auf die schnellste Runde zu verpassen (ein Zusatzpunkt), dann wäre der Niederländer wohl als Erster ins Ziel gekommen: „Ich nehme es mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagte Verstappen als halbwegs glücklicher Zweiter. Dritter wurde, zunächst schwer verblüfft, Leclerc. Und Vettel kam doch noch in die Punkteränge, als Zehnter, vor dem traurigen Bottas.

          Formel 1

          Zu diesem Zeitpunkt stand Nico Hülkenberg längst in Zivil im Fahrerlager. Kalt abgeschoben nach zehn Jahren Formel 1 Ende 2019, hatte er am Donnerstag einen Glücksmoment erlebt. Weil die Corona-Pandemie bei all dem Leid auch mal etwas Licht zu bieten hatte für einen Verschmähten. Hülkenberg sprang für den positiv auf Covid-19 getesteten Mexikaner Sergio Perez ins freie Cockpit von Racing Point und hätte von Startplatz 13 eine gute Chance gehabt, seine allseits geschätzte Qualität als schneller und zuverlässiger Pilot zu beweisen. Aber was nutzt die hochgelobte Kraft des Mercedes-Antriebs im Boliden seines Teams, wenn sich die rund 1000 PS nicht zum Leben erwecken lassen? Enttäuscht musste Hülkenberg noch in der Box seines Teams aus dem Boliden klettern. Feierabend noch vor dem Start.

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          Formel-1-Ergebnisse

          Großer Preis von England, 52 Runden, 306,198 km: 1. Hamilton (Großbritannien) - Mercedes 1:28:01,283 Std., 2. Verstappen (Niederlande) - Red Bull +5,856 Sek., 3. Leclerc (Monaco) - Ferrari +18,474, 4. Ricciardo (Australien) - Renault +19,650, 5. Norris (Großbritannien) - McLaren +22,277, 6. Ocon (Frankreich) - Renault +26,937, 7. Gasly (Frankreich) - Alpha Tauri +31,188, 8. Albon (Thailand) - Red Bull +32,670, 9. Stroll (Kanada) - Racing Point +37,311, 10. Vettel (Heppenheim) - Ferrari +41,857, 11. Bottas (Finnland) - Mercedes +42,167, 12. Russell (Großbritannien) - Williams +52,004, 13. Sainz Jr. (Spanien) - McLaren +53,370, 14. Giovinazzi (Italien) - Alfa Romeo +54,205, 15. Latifi (Kanada) - Williams +54,549, 16. Grosjean (Frankreich) - Haas +55,050, 17. Räikkönen (Finnland) - Alfa Romeo + 1 Rd.

          Ausfälle: Hülkenberg (Emmerich) - Racing Point (Motor nicht gestartet), Magnussen (Dänemark) - Haas (1. Rd.), Kwjat (Russland) - Alpha Tauri (12. Rd./ beide Unfälle)

          Pole Position: Hamilton 1:24,303 Min.

          Fahrer-Wertung: 1. Hamilton 88 Pkt., 2. Bottas 58, 3. Verstappen 52, 4. Norris ( 36, 5. Leclerc ( - Ferrari 33, ...13. Vettel 10.

          Konstrukteurs-Wertung: 1. Mercedes 146 Pkt., 2. Red Bull 78, 3. McLaren 51, 4. Ferrari 43.

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