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Formel 1 : Keine Solidarität auf der Intensivstation

Fahrt durch die Krise: Lotus geht es nicht gut Bild: dpa

Michael Schumacher lehnt ein Kurzzeit-Comeback bei Lotus ab – und Nico Hülkenberg weiß immer noch nicht, ob es 2014 ein Cockpit für ihn gibt. Die Formel 1 schlingert durch ihre Finanzkrise.

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          Noch ein Comeback? Michael Schumacher hatte es selbst in der Hand, die Verantwortlichen von Lotus wollten ihn nur allzu gern für die letzten beiden Saisonrennen verpflichten, aber dieses Mal konnte der Rekordweltmeister der Formel 1 der Versuchung widerstehen. Doch was wäre das für eine Geschichte gewesen, wenn Schumacher, elf Monate nachdem er endgültig aus dem Mercedes-Cockpit geklettert schien, schon wieder Gas gegeben hätte? Eine, die die Amerikaner geliebt hätten. „Michael ist fit“, sagt seine Managerin Sabine Kehm. „Er hat jetzt allerdings ein anderes Leben.“

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Zuschauer werden also auf Schumacher verzichten müssen beim Großen Preis der Vereinigten Staaten in Austin an diesem Wochenende. Dass es Schumacher überhaupt noch einmal in die Schlagzeilen geschafft hat, zeigt, dass einiges durcheinander geraten ist in den vergangenen Tagen.

          Nicht einmal eine Woche ist es her, da ließ Kimi Räikkönen der Öffentlichkeit und seinem Arbeitgeber über ein Zeitungsinterview seines Managers mitteilen, dass er sich am Rücken operieren lassen muss. An diesem Donnerstag sollte der Eingriff in Salzburg vorgenommen werden, die Saison ist damit für den 34 Jahre alten Finnen gelaufen. Ein Landsmann wird vorerst bei Lotus ersetzen: Heikki Kovalainen, 32 Jahre alt, bisher Ersatzfahrer bei Caterham, einem Team, das um das Überleben kämpft.

          Pokerspiel beginnt von Neuem

          Kovalainen war die dritte Wahl. Neben Schumacher war auch Nico Hülkenberg (Sauber) kontaktiert worden, der Sechsundzwanzigjährige soll sogar schon zur Sitzanpassung in die Lotus-Fabrik nach Enstone geflogen sein. Der Blitzwechsel des Cockpits scheiterte erst im letzten Moment. Sein Manager will nicht allzu viel verraten: „In der Formel 1 ist alles möglich“, sagt Werner Heinz, dann schweigt er einen Moment. Seit Monaten sucht er für seinen Mann ein Cockpit für das kommende Jahr, Heinz hat Gespräche mit mindestens vier Teams geführt, dass es aber so schnell hätte gehen können, hielt er für ausgeschlossen.

          Keine Lust auf ein Kurzzeit-Comeback: Michael Schumacher lehnt ein Lotus-Angebot ab

          Nun beginnt das Pokerspiel wieder von Neuem. „Es ist durchaus möglich, dass wir erst am Ende der Saison wissen, wo Nico im kommenden Jahr fährt“, sagt Heinz. Hülkenberg hat Talent, das beweist in dieser Saison immer wieder. Aber er der Sechsundzwanzigjährige hat keine finanzstarken Sponsoren im Hintergrund, und er hat keinen Namen wie Schumacher – beides wird ihm momentan zum Verhängnis. Die Formel 1 ist zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft geworden – und die erste Klasse wird immer kleiner. Das Weltmeister-Team Red Bull zählt neben Ferrari, Mercedes und McLaren derzeit zu den wenigen Rennställen, die sich überhaupt noch teure Fahrer leisten und sie auch fristgerecht bezahlen können.

          Schulden in dreistelliger Millionenhöhe

          Auch Lotus plagen Schulden in dreistelliger Millionenhöhe, den Verantwortlichen ist deshalb jeder Schachzug recht, um für positive Schlagzeilen zu sorgen: Ein zweites Schumacher-Comeback wäre deshalb als PR-Knalleffekt perfekt gewesen. Viele der anderen Teams haben den Mann im Cockpit längst als Einnahmequelle entdeckt. Genau deshalb sitzt Hülkenberg derzeit auf einem heißen Stuhl. Vor zwei Wochen galt es als längst beschlossene Sache, dass er im kommenden Jahr Nachfolger von Räikkönen bei Lotus wird, inzwischen ist nicht ausgeschlossen, dass ihm ein Mann mit Millionen Argumenten zum zweiten Mal den Platz wegnimmt:

          Pastor Maldonado, ein Venezolaner, der das staatliche Erdölkonsortium PDVSA hinter sich hat und Jahr für Jahr geschätzt rund 35 Millionen Euro mitbringen soll, wenn er am Steuer drehen darf. Schon 2011 hat sich Williams deshalb für Maldonado und gegen Hülkenberg entschieden.

          Ersatz für zwei Rennen: Heikki Kovalainen steigt in den Lotus

          Zwei Rennen und nicht einmal zwei Wochen dauert dieser Formel-1-Saison noch, doch um das Spektakel auf der Piste geht es längst nicht mehr nur. Hinter den Kulissen herrscht Unruhe. Am Mittwoch hat Sergio Perez getwittert, dass er im kommenden Jahr nicht mehr für McLaren fahren wird – obwohl er den mexikanischen Telekommunikationsriesen Telmex im Rücken hat. Der Däne Kevin Magnussen, der in diesem Jahr Meister in der Nachwuchsserie Formel Renault geworden ist, fährt künftig für McLaren – und Perez wirbt überall bei den Mittelklasseteams für sich und seine Millionen. Denn eines fällt auf: Von den 22 Cockpits für die Saison 2013 sind erst 14 Plätze vergeben, Force India und Caterham haben nicht einmal einen Fahrer für das kommende Jahr unter Vertrag.

          Und warum? „Seit meinem ersten Tag in der Formel 1 sage ich, dass die Kosten zu hoch sind. Seitdem versprechen mir alle, dass sich die Kosten reduzieren werden“, sagt Tony Fernandes, Caterham-Besitzer und Gründer der Fluggesellschaft AirAsia. „Aber es wird immer mehr. Und nächstes Jahr wird es das teuerste Jahr überhaupt. Da läuft etwas fundamental schief. Und immer sind es die eigenen Interessen, die Lösungen verhindern.“

          Solidarität gibt es nicht in der Formel 1. Bei der Verteilung der Vermarktungseinnahmen werden die Großen der Branche seit Jahren bevorzugt, und sie haben kein Interesse daran, ihren Status aufzugeben. Und sie haben auch keine Freude am Sparen, geben weiterhin rund eine Million Euro pro Testtag aus und investieren mal eben 100 000 Euro für einen Wagenheber, der eine halbe Sekunde Zeitersparnis pro Boxenstopp garantieren soll. Das Fachmagazin „Auto Motor und Sport“ urteilt deshalb: „Die wahren Totengräber der Formel 1 sind die Topteams und ihre Unfähigkeit, den wahren Zustand des Patienten Formel 1 zu erkennen. Der liegt längst auf der Intensivstation.“ Und selbst ein Rekordweltmeister könnte nur vorübergehend Linderung schaffen.

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