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Formel 1 : Kein Auto für jedermann

  • -Aktualisiert am

Zuschauer: Luca Badoer steht in der Formel 1 am Rand Bild: dpa

Luca Badoer glänzt im Ferrari mit Slapstick. Nun geht die Scuderia auf die Suche nach einem Ersatz für den Ersatz. Denn es steht mehr auf dem Spiel als nur das Prestige des stolzen Rennstalls.

          3 Min.

          Ferrari lässt sich nichts mehr vorschreiben. Im Gegenteil. Am Freitag hat die Scuderia eine Liste mit 21 Namen veröffentlicht. Allesamt Kandidaten für den nächsten Versuch, einen geeigneten Ersatzmann für den schwerverletzten Felipe Massa zu finden. Die Aufzählung reicht von A für Weltmeister Fernando Alonso über H (GP-2-Pilot Nico Hülkenberg) bis zu V für den ehemaligen niederländischen Formel-1-Piloten Jos Verstappen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Eine bunte Truppe, glaubt man der Liste im Namen Ferraris, kommt da in Frage. Wenn da nicht dieser Schlusssatz gewesen wäre: „Bevor sich jemand verletzt fühlt, möchten wir unterstreichen, dass wir vor all diesen Fahrern den höchsten Respekt haben und wir uns auch im Namen jener entschuldigen, die nicht erwähnt wurden, wie Lewis Hamilton oder Jenson Button.“ Beißender Humor im Fahrerlager: Das ist eine neue Disziplin.

          Ferrari scheint vom Mut zur Selbstironie allerdings schnell überholt worden zu sein. Nach kurzer Zeit ließ Pressechef Luca Colajanni die Antwort des Rennstalls auf die Bewerbungen von Hinz und Kunz wieder von der Internetseite Ferraris nehmen. Satire kommt wohl nicht bei jedem im Team an. Das automobile Statussymbol Italiens und einer Millionärsgemeinde in aller Herren Ländern darf zwar mal ausfallen, auch mal langsam sein, aber nur eines niemals: ein Auto für jedermann.

          Heckschaden: Badoers Tageswerk wird begutachtet

          Schluss mit lustig. Der weltweiten Kritik an dem Einsatz von Luca Badoer für Massa nach der Absage von Michael Schumacher lässt sich nicht mit einem Gag die Spitze nehmen. Denn in welchem Sport von Niveau wird ein Athlet in eine Spitzenposition lanciert, der zehn Jahre lang keinen Wettkampf bestritten hat? Ein Fahrer, der vor einer Dekade, als Michael Schumacher wegen des Beinbruchs beim Unfall in Silverstone aussetzte, schon nicht erste Wahl war. Damals durfte der Finne Mika Salo fahren.

          Armer Badoer. Jahrelang hat er die Ferraris eingefahren, getestet. Kaum jemand auf diesem Planeten hat wohl länger in einem Formel-1-Ferrari gesessen. Badoer spricht von 150.000 Kilometern. Und trotzdem sind von seinem ersten Renneinsatz vor einer Woche in Valencia nur Slapsticks transportiert worden: Badoer, wie er in der Boxengasse von einem Formel-1- Debütanten überholt wurde, wie er über die Piste kreiselte, wie er sich verschätzte bei einem Problem, das Verkehrsheroen gerne Frauen nachsagen: Parken ohne Vollkontakt. Badoer stieß nach dem Grand Prix in Spanien im Parc fermé für die Boliden mit seinem Ferrari gegen das Heck von Adrian Sutils Force India.

          Wieder ist der Abstand zu Räikkönen viel zu groß

          Lustig fand Ferrari die gesamte Vorstellung trotz der amüsanten Unterhaltung nicht. Der gebeutelte Badoer bemühte sich um Fassung und versprach eine Formverbesserung auf bekanntem Terrain. Sie kam. Mit Vollgas – Tempo 300 – ist er am Samstag durch die erhebende Passage von Spa-Francorchamps geschossen. Eine Kompression macht die Fahrer in der Senke der berühmten Kurve „Eau Rouge“ klein, bevor sie bei der steilen Auffahrt zur Links-rechts-Kombination „Raidillon“ das Gefühl einer Himmelfahrt erleben. „Da sollte nichts passieren“, sagt Badoer. Es ist nichts passiert.

          Der 38-jährige Italiener meisterte die Mutkurve und wuchs doch kaum. Der Abstand zu seinem Teamkollegen Kimi Räikkönen in der ersten Runde des Qualifikationstrainings (1,4 Sekunden) war wieder viel zu groß. Beim letzten Versuch einer Annäherung schlug Badoer zu allem Überfluss mit dem Heck in der Zielkurve auch noch gegen die Streckenbegrenzung. Das war das Ende für den Letzten.

          Bringt „Santander“ Alonso zu Ferrari?

          Vermutlich wird Ferrari von irgendeiner ernsthaften Liste nun einen Gewinner herauspicken, vielleicht Giancarlo Fisichella (Force India), der sich überraschend die Pole Position in Belgien sicherte. Die Zeit drängt. Es steht nämlich wesentlich mehr auf dem Spiel als das Prestige des stolzesten Rennstalls. Fünf Punkte nur liegt McLaren-Mercedes in der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft hinter Ferrari auf Rang vier. Ein erfolgreiches Überholmanöver wäre eine hohe einstellige Millionensumme in Euro wert.

          So viel erhält der WM-Dritte von den Einnahmen aus dem Verkauf der Vermarktungsrechte. Das Preisgeld entlastete den Finanzhaushalt von Ferrari. Weil mit dem neuen spanischen Sponsor „Santander“ wohl auch dessen Wunschpilot, der zweimalige Weltmeister Fernando Alonso, nach Italien kommt, stehen im nächsten Jahr drei Piloten auf der Gehaltsliste in Maranello. Neben dem Spanier noch Massa und Räikkönen.

          Vorschlag: Drei Ferrari - ein Schumacher

          Genervt von den Launen des Finnen, haben Teammitglieder innerlich längst Abschied genommen. Obwohl sie wissen, dass er immer noch einer der schnellsten Fahrer ist. Wenn er will. So ist das auch mit seiner Redseligkeit. Am besten in Fahrt kommt Räikkönen nur unter Druck. „Ich bin für einen Rücktritt zu jung. Ich besitze einen Vertrag mit Ferrari für die kommende Saison. Wenn ich aus irgendeinem Grund nicht bei Ferrari sein sollte, dann weiß ich, dass ich einen Sitz bei einem anderen Team im Fahrerlager haben werde“, sagt der Weltmeister von 2007: „Das ist kein Problem. Mich wollen andere Teams.“

          So einfach aber lässt man einen Räikkönen nicht fahren. Zumal er auf sein nächstes Jahresgehalt von - geschätzt – 20 Millionen Euro bestehen wird. Zudem kann niemand sicher sein, ob Massas Genesung so voranschreitet wie erhofft, ob er so schnell sein wird wie vor dem Unfall in Ungarn. Die Ungewissheit macht Ferrari auf allen Ebenen zu schaffen. Aber man arbeitet an der Lösung. Wie wäre es mit drei Autos für drei Fahrer?

          „Wir haben das Gefühl, dass dies zum Wohle der Formel 1 wäre“, sagte Teamchef Stefano Domenicali der London „Times“ auch mit Blick auf mögliche Rückzüge aus der Formel 1. „Es ist besser, sicherzustellen, dass die größten Teams drei Autos haben. Denn das wollen die Leute.“ Nicht jeder. Der Widerstand der kleineren Rennställe im Fahrerlager formiert sich. Ein Gag ist der Vorschlag jedenfalls nicht.

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