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Formel 1 in Silverstone : Wendemanöver in der Mercedes-Garage

  • -Aktualisiert am

So nah, dass es sie auseinander treibt: Auch in die Mercedes-Box passt nur ein Weltmeister. Bild: dpa

Auch in die Box von Mercedes passt nur ein Weltmeister. Doch im Kampf zwischen Rosberg und Hamilton geht es vor dem Rennen in Silverstone (14.00 Uhr) um mehr als den Formel-1-Titel.

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          Fast bei jedem Schritt muss man aufpassen in der Box von Mercedes. Nur nichts berühren, nicht auf die Pressluftschrauber vor den Reifen der Boliden treten, nicht die schicken Rollcontainer mit teurem Werkzeug verschieben und nur ja nicht gegen die abmontierten Frontflügel stoßen. Es ist eng in der Doppelgarage des ersten Formel-1-Teams am Platze. Rechts steht der Silberpfeil von Nico Rosberg, aufgebockt, poliert, fahrbereit, links das identische Modell von Lewis Hamilton.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Sieben von acht Grands Prix haben die beiden gewonnen. Der Rennwagen ist so schnell, die Fahrer sind so gut, dass sich der Wettlauf um den Titel unter einem Dach abspielt. Lange nicht mehr waren sich die einzigen Titelkandidaten einer Formel-1-Saison so oft so nah. Das treibt sie auseinander. Auch in die Mercedes-Box passt nur ein Weltmeister.

          Bremsende Emotionen bei Hamilton

          Hamilton würde sich gerne seinem deutschen Rivalen an diesem Sonntag beim Großen Preis von England (14.00 Uhr MESZ) wieder nähern. Der Champion von 2008 liegt 29 Punkte hinter Rosberg. Das erscheint nicht viel. Es sind noch elf Rennen zu fahren. Aber der erste Teil des angekündigten Angriffs misslang. Während Hamilton wegen eines Denkfehlers (siehe Meldung) beim Qualifikationstraining nur auf Rang sechs landete, gewann Rosberg clever die Poleposition. Die Röntgenexperten der Formel 1 dürfen sich bestätigt fühlen. Sie haben beim Scannen der Piloten entdeckt, dass der Deutsche keine sichtbaren Fehler macht.

          Der Druck wächst: Hamilton will beim Heimspiel triumphieren

          Bei Hamilton registrierten die Seismographen zuletzt bremsende Emotionen. Hier der Kopfmensch, dort der Instinktpilot: Die ständigen Versuche, den Gründen für die Unterschiede - Sekundenbruchteile pro Runde - auf die Spur zu kommen, mögen in überzeichnete Charakterisierungen münden. Sie sind aber ein Beweis, welcher Wandel die Formel 1 2014 trotz aller Diskussionen um eine neue, komplexe, verwirrende Technik erfasst hat. Nicht die PS-Zahl, die Straßenlage, die Hybrid- oder Reifenqualität, das Auto also macht die Differenz aus, sondern das Nervenkostüm, die Schaltgeschwindigkeit des Hirns, das Fahrgefühl, die Cleverness, der Mut - der Mensch.

          Kampf bis tief in die Garage

          Der Druck auf Hamilton wächst. Drei Rennen ist ihm Rosberg vor der Nase hergefahren. Jetzt, am Sonntag auf der Heimbahn in Silverstone, soll der Lauf des Teamkollegen gebrochen werden. „Es ist Zeit für die Wende“, sagt der 29 Jahre alte Engländer. Im Fahrerlager reift zumindest die These, Rosberg werde sich mit Konstanz und Geistesgegenwart durchsetzen können. Bei Mercedes fahren die Piloten also nicht nur um den Sieg im nächsten Rennen. Der Rennstall bietet das Potential für die nächste Ära nach Ferrari mit (oder unter) Michael Schumacher und Red Bull samt Vettel. Nur der Sieger des Duells Rosberg/Hamilton könnte die Führung in der Szene übernehmen. Es ist die Chance ihres Lebens.

          Vor diesem Hintergrund hat sich der Kampf bis tief in die Garage ausgebreitet. Daimler-Chef Dieter Zetsche schilderte nach dem Großen Preis von Spanien begeistert den Wettstreit der Fahrer-Crews: hier die Rosberg-Mannschaft, dort Hamiltons Ingenieure. „Die sind sich fast an die Gurgel gegangen.“ Weil die auf Egomanie getrimmten Steuermänner - Rosberg in Bahrein, Hamilton in Barcelona - mehr oder weniger absichtlich, jedenfalls ohne Erlaubnis, Beschleunigungsknöpfe gedrückt hatten, obwohl die Boliden geschont werden sollten.

          Unsichtbare Mauer in der Box

          Mercedes gegen Mercedes, der Feind in der eigenen Garage? Die Lage ist komplizierter. Jeweils sechs Ingenieure kümmern sich um das Wohl und Wehe eines Piloten. Sie versuchen, ihren Fahrer zum Sieg zu treiben, reagieren so schnell wie möglich auf die Manöver der anderen Seite. Schließlich ist der Funkverkehr nicht verschlüsselt. Die Transparenz reicht allerdings bis ins Allerheiligste, bis zum Einblick in die Datensammlung. Alle Ideen sollen gebündelt werden.

          Mit Konstanz und Geistesgegenwart: Nico Rosberg hat derzeit die Nase vorn

          Denn ein Sieg in der Konstrukteurs-WM ist der Konzernzentrale allemal wichtiger als ein Fahrertitel. Deshalb werden die Fraktionen gebremst, falls ein greifbarer Gesamterfolg in Gefahr scheint. Der Chefstratege steht in der Hierarchie über den Lagern. Er entscheidet im Zweifel für das „Gesamtwohl“. Weil sich Hamilton und Rosberg ohne Ordnungsruf jagen, bis ihre Renner auseinanderbrechen. In Kanada stoppten überhitzte Steuerelemente den Siegeszug.

          Die unsichtbare Mauer in der Box ist also durchlässig. Nach dem Rennen in Österreich radelten die beiden Renningenieure der Fahrer gemeinsam von der Strecke zur Unterkunft. Bei den Boxenstopps packen alle Mechaniker für einen zu. Eine Prämie kriegen sie nur für den Gewinn des Konstrukteurstitels. Und dennoch rücken selbst die Mercedes-Strategen den Star gerne in die Mitte. In Silverstone steht der erste Formel-1-Silberpfeil, der W196, in der Box zwischen dem Boliden des Jahrgangs 2014.

          Formel-1-Held Juan Manuel Fangio begann in diesem Auto am 4. Juli 1954 in Reims seinen Siegeszug als Mercedes-Pilot. Einen größeren Anreiz, den Kollegen zu verdrängen, kann man wohl kaum zwischen zwei WM-Kandidaten plazieren: Wer von euch beiden das Rennen macht, geht vielleicht in die Geschichte ein.

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