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Formel 1 in Silverstone : Vettel triumphiert auf Hamilton-Terrain

Der goldene Lohn für die Mühen: Sebastian Vettel gewinnt das Rennen in Silverstone. Bild: Reuters

Silverstone erlebt ein turbulentes Rennen. Am Ende sorgt das Safety Car für dramatische Schlussrunden. Vettel siegt vor Hamilton. Und der Druck auf Mercedes ist so stark wie seit Jahren nicht mehr.

          Eineinhalb Sekunden. Vier Autos. Bottas. Vettel. Hamilton. Räikkönen. Zehn Runden hatte dieser Große Preis von Großbritannien noch zu bieten, und die ersten vier Rennfahrer trennten nur eineinhalb Sekunden. Das Safety Car steuerte zurück an die Box. Bottas, der Führende zog das Tempo im Mercedes an. Vettel, dem Mann, der im Ferrari am Start die Führung übernommen hatte, saß Hamilton, der Weltmeister im Nacken. Vettel passte auf. Hamilton konnte mit seinem Silberpfeil nicht angreifen. Der Deutsche jagte nun Bottas. Vettel attackierte. Bottas wehrte ab, fuhr clever, nahm Vettel in den Kurven die Möglichkeit, optimal zu beschleunigen. Hamilton kam wieder heran. Bottas schien eine Minute, vielleicht zwei auf der sicheren Seite. Zu sicher? In der 47. Runde entdeckte Vettel im Bruchteil einer Sekunde eine Lücke, die ihm Bottas ließ. Der Ferrari, das springende Pferd?

          Wie eine Wespe im Angriff stach Vettel zu. Ende April in Baku hatte der Hesse auf diese Weise gegen Bottas einen Sieg verschenkt, sich verbremst, das Blatt überreizt. In Silverstone zeigte Vettel, wie Rennfahrer ticken. Eine neue Chance, ein neuer Angriff. Obwohl „ich nicht wusste, ob ich die Kurve schaffe“, wie Vettel im Ziel sagte. „Es war ein Superkampf mit Valtteri. Ich glaube, ich habe ihn überrascht.“ Vettel schaffte die Kurve, und ihm gelang die Überraschung: Sieg auf dem Hochgeschwindigkeitskurs von Silverstone, der 51. Grand-Prix-Sieg seiner Karriere, damit steht Vettel nun auf einer Stufe mit dem Franzosen Alain Prost. Allein Hamilton (65) und Michael Schumacher (91) haben mehr Formel-1-Rennen gewonnen. „Grandissimo“, urteilte Ferraris Rennleiter Maurizio Arrivabene.

          Vettel war ein herausragend guter Start ins Rennen gelungen, ganz im Gegensatz zu Hamilton. Der verlor nicht nur die Pole-Position nach wenigen Metern an den Deutschen, sondern musste auch den Teamkollegen Valtteri Bottas vorbeiziehen lassen und sah sich ab der zweiten Kurve eines Angriffs von Kimi Räikkönen im anderen Ferrari ausgesetzt. Bei der Zufahrt auf Kurve drei hatte Räikkönen die Innenbahn, Hamilton aber sein Fahrzeug vorn. Die nun einsetzende Kollision der beiden wirkte wie eine Dublette des Unfalls von Vettel und Bottas zwei Wochen zuvor in Le Castellet. Vettel, in Frankreich Verursacher, war mit einer Fünf-Sekunden-Strafe belegt worden,

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          Räikkönen bekam in Silverstone das doppelte Strafmaß aufgebrummt: zehn Sekunden. Hamilton fiel bis auf den letzten Rang zurück und gab sich überzeugt, sein Fahrzeug sei beschädigt worden. Es dauerte, bis er im Funkverkehr mit der Box vom Gegenteil überzeugt wurde. Das aber belegte auch sein tatsächliches Fortkommen: Hamilton ließ das Hinterfeld alsbald hinter sich, Neunter in Runde acht, Achter in der neunten, Siebter in der zehnten. Als Hamilton schließlich nach 25 Runden, also etwa zur Hälfte des Rennens, als letzter Pilot der Spitzengruppe nach dem Boxenstopp auf die Piste zurückkehrte, lag er auf Rang sechs.

          Es war die Ouvertüre dieses Rennens, das Crescendo leitete der Schwede Marcus Ericsson in seinem Sauber ein: Abflug am Ende der Start-und-Ziel-Geraden beim Einlenken in die erste Kurve, Ercissons Rennen endete im Reifenstapel. Der Schwede stieg aus, Safety-Car-Pilot Bernd Mayländer machte sich auf den Weg. Bühne frei für das große Strategiespiel: Wer würde die Gelegenheit zum Stopp nutzen? Vettel kam von der Spitze umgehend an die Box, Mercedes hielt sein Personal auf der Piste. Bottas übernahm die Führung, Hamilton nun Dritter, unmittelbar hinter Vettel. Würde Bottas mit alten Reifen an seinem Mercedes den Deutschen mit einem frischen Reifensatz am Ferrari hinter sich halten können?

          Auch vor dem Rennen ging es hoch her in Silverstone. Bilderstrecke

          Den Höhepunkt des Rennens zögerten die Männer aus der zweiten Reihe hinaus. Beim Re-Start kollidierten Grosjean (Haas) und Sainz (Renault), Mayländer war wieder gefragt. An der Box wurde Ferrari-Teamchef Arrivabene nun etwas unruhig. „Da habe ich mir mehr Sorgen gemacht als beim ersten Safety Car“, sagte Arrivabene anschließend im Interview bei RTL. Wie aber würde Vettel kalkulieren? Er war mit einem Punkt Vorsprung in der Weltmeisterschaftswertung ins Rennen gegangen. Als Zweiter würde er den Vorsprung gegenüber Hamilton auf vier Punkte erhöhen. Der Sieger aber bekommt 25 Punkte für seinen Erfolg, sieben mehr als der Zweite. Als das Safety- Car zum letzten Mal zur Box einschwenkte, machte Vettel klar, dass er ins Risiko gehen würde, ein weiteres Mal. Als er Bottas schließlich auf beeindruckende Art und Weise überrumpelt hatte, war klar: Es hat sich ausgezahlt. Mercedes-Teamchef Wolff ließ den Kopf sinken. Bottas wurde geopfert. Auch Hamilton zog am Teamkollegen vorbei, schließlich Räikkönen.

          Ferrari triumphiert in Silverstone, damit war nicht unbedingt zu rechnen. Der Kurs, auf dem einst, 1950, das erste Formel-1-Rennen gestartet worden war, galt als Mercedes-Terrain. Vettel hatte am Wochenende zudem mit Nackenproblemen zu kämpfen, war sich noch am Samstag nicht sicher gewesen, überhaupt starten zu können. Auf der anderen Seite hatte Lewis Hamilton am englischen Fußballerfolgswochenende keine Gelegenheit ausgelassen zu betonen, wie viel ihm ein weiterer Erfolg hier bedeuten würde. Es sollte nicht sein, und das nahm den Briten sicht- und hörbar mit. Der Weltmeister schwänzte das Interview vor der Siegerehrung, nach dem statt „God save the Queen“ die Melodie Joseph Haydns und Il Canti degli Italiani erklungen waren, rang er sich ein dünnes Lächeln ab. Räikkönen musste sich die Buhrufe der englischen Fans anhören und übernahm für den Unfall zu Beginn die volle Verantwortung. Hamilton versprach den Fans, noch stärker zurückzukehren. Zwei Wochen vor dem Großen Preis von Deutschland auf dem Hockenheimring hat sich die Hackordnung der Formel 1 ein weiteres Mal verschoben: Die Scuderia Ferrari und ihr Chefpilot Vettel haben die Führung ausgebaut. Der Druck auf Mercedes ist so stark wie seit fünf Jahren nicht mehr.

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