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Formel 1 in Silverstone : Rosbergs Reifen halten

Lässt sich feiern I: Nico Rosberg (l.) neben Fernando Alonso Bild: dpa

Nach dem Sieg von Nico Rosberg dreht sich alles um die Sicherheit: Vier aufgeschlitzte Reifen und ein Getriebeschaden von Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel verwandeln den Großen Preis von England in ein verrücktes Rennen.

          3 Min.

          Es ist nur ein Satz, aber er drückt ganz genau aus, was in den knapp einhundert Minuten zuvor passiert ist: „Das war ein unglaubliches Rennen, es war wirklich verrückt“, sagt Nico Rosberg. Der Mercedes-Pilot wischt den Schweiß aus seinem Gesicht, er lächelt, gerade hat er den Großen Preis von Großbritannien gewonnen. „Es war so verrückt“, sagt er wieder. Zeitweise war es sogar dramatisch. Gleich vier Mal lösten sich Hinterreifen der Formel-1-Boliden in Fetzen auf während der 52 Runden auf dem Silverstone International Circuit. „Wir hatten heute viel Glück“, sagt Mark Webber, Zweiter im Red Bull. „Wir müssen heute sehr zufrieden sein“, fügt Ferrari-Pilot Fernando Alonso als Dritter hinzu.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Spitze rückt wieder enger zusammen in der Gesamtwertung der Formel 1, weil Weltmeister Sebastian Vettel kurz vor dem Ende des Grand Prix wegen eines Getriebeschadens ausfiel. Der Deutsche im Red Bull (132 Punkte) behauptet trotzdem die Führung, gefolgt von Alonso (111), Kimi Räikkönen (98/Lotus) und Lewis Hamilton (89/Mercedes). Aber darüber spricht niemand an diesem Nachmittag.

          Form und Fassung verloren

          Sonnenschein, 21 Grad Celsius in Silverstone und ein Brite auf der Pole Position. Als Hamilton auf Startplatz eins rollt, jubeln die Fans. Und als das Rotlicht der Startampeln verlöscht, stürmt der Achtundzwanzigjährige sofort davon. Bestzeit in Sektor eins, Bestzeit in Sektor zwei - wie schon im Qualifying am Samstag gibt der Silberpfeil das Tempo vor. Zwei Sekunden trennen ihn nach sieben Runden von Vettel, der schon auf den ersten Metern an Rosberg (Mercedes) vorbei gezogen war. Dann schießt Hamilton mit Tempo 250 über die Wellington-Gerade, als der linke Hinterreifen Form und Fassung verliert. Der Engländer behält gerade noch die Kontrolle über seinen Silberpfeil. Rund vier Kilometer sind es noch bis zur Garage, der Reifenwechsel wird vorbereitet, das Rennen um den Sieg ist verloren.

          Augenblicke später: Felipe Massa (Ferrari) rast durch Kurve vier, danach dreht er sich. Auch an seinem Boliden hängen Reste des zerrissenen linken Hinterreifens auf der Felge, kurz darauf erwischte es auch Jean-Éric Vergne im Toro Rosso. Das Safety-Car rast auf die Strecke, Kehrmaschinen und Streckenposten sammeln die Gummifetzen auf. Vettel bekomme per Funk eine Anweisung von seinem Renningenieur: „Halte dich von den Randsteinen fern!“ Die Ingenieure finden kleine Schlitze in jenem von Vettel gebrauchten, hinten links montierten Pneu. Aber sie rätseln über die Ursache. Das tat der Reifenhersteller Pirelli zunächst auch: „Ein unerwartetes Problem“, sagt Sportchef Paul Hembery, „das müssen wir erst analysieren.“ Nach sechs Runden kommt das Safety-Car zurück in die Box, und Vettel führt das Feld vor Rosberg an.

          Nur noch Fetzen: Lewis Hamiltons Hinterrad hat sich aufgelöst Bilderstrecke

          Die Unsicherheit bleibt. Wie werden die neuen Reifensätze reagieren? Rosberg bekommt per Funk folgende Information: „Wenn die Reifen zu heiß sind, werden sie offenbar bei der Einfahrt in die Hochgeschwindigkeitskurven von den Kerbs aufgeschlitzt.“ Und nun? Runter vom Gas? Wer gewinnen will, muss ans Limit gehen, und die schnellste Linie führt Runde für Runde über die Randsteine. Rosberg macht weiter Druck, erstmals in diesem Jahr kann Mercedes auch während des Rennens das Tempo halten und hat offenbar keine Probleme mehr mit dem Verschleiß der Reifen.

          Und wieder fliegen Gummibrocken

          Die 41. Runde: Vettel kontrolliert das Rennen, biegt ein auf die Start- und Zielgerade, aber sein Red Bull hat keine Leistung mehr, der Weltmeister rollt aus, Rosberg zieht vorbei: Getriebeschaden - es ist der erste Ausfall von Vettel in dieser Saison. Am Kommandostand von Red Bull rauft sich Teamchef Christian Horner die Haare. Vettel wuchtet sich aus dem Cockpit, klettert über die Boxenmauer, wird von Horner tröstend in den Arm genommen, dann verschwindet der Fünfundzwanzigjährige in der Garage. Kurz danach sagt er: „Das kam sehr plötzlich. Ich wollte in den sechsten Gang schalten, dabei hat sich der fünfte verabschiedet. Dann sind alle anderen auch weg. Warum? Keine Ahnung.“ Und die Reifen? „Ich habe versucht, die Kerbs zu meiden.“

          Wieder kommt das Safety-Car auf die Strecke, Rosberg lässt noch einmal einen neuen Satz Reifen aufziehen, weil sich eine große Blase auf der Lauffläche gebildet hat. Hinter ihm lauern Räikkönen und Adrian Sutil (Force India). Beide gehen mit gebrauchten Gummis in die letzten sieben Runden dieses Rennens. Und wieder fliegen Gummibrocken. Dieses Mal sind es Reifenreste vom McLaren Sergio Perez‘, wieder ist es der Pneu hinten links betroffen. Der Mexikaner fährt an die Box, das große Finale dieses Nachmittags sieht er auf den Bildschirmen. Webber, Alonso und Hamilton greifen an, überholen einen Gegner nach dem anderen. Räikkönen (5.) und Sutil (7.) haben keine Chance mehr, ihre Pneus haben nicht mehr genug Haftung. „Wir hätten noch einmal wechseln müssen“, sagt der Finne.

          Die Siegerehrung ist kaum beendet, da stehen die Hauptdarsteller des Tages vor den Kameras und sprechen ihre Urteile. Noch vor einer Woche wurden die Verantwortlichen von Mercedes und Pirelli für den gemeinsamen Reifentest kritisiert und bestraft, nun wird wieder über die Pneus gestritten. „Die Sicherheit ist das größte Problem, das ist nicht akzeptabel“, sagt Hamilton: „Erst wenn jemand verletzt wird, werden die Leute etwas unternehmen. Es ist Zeitverschwendung, mit den Leute der Fia zu sprechen. Sie tun nichts - und das sagt alles.“ Jean Todt, der Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia), beschäftigt sich seit Monaten mit der Sicherheit im Straßenverkehr, aus der Diskussion über die Reifen hält sich der Franzose heraus. „Ich kann das mit den Kerbs nicht hören. Die sind überall gleich. Man muss die Reifen ändern“, sagt Niki Lauda, der Aufsichtsratsvorsitzende des Mercedes-Teams und Experte bei RTL: „Irgendwo hört der Spaß auf. Wenn man so ein Trümmerteil ins Gesicht kriegt, dann bricht einem das Genick.“

          Schon in einer Woche startet das nächste Rennen. Vermutlich kommen auf dem Nürburgring die gleichen Reifen zum Einsatz.

          Grand Prix von Großbritannien in Silverstone: (52 Runden à 5,891 km)

          Ergebnis:
          1. Nico Rosberg (Wiesbaden) Mercedes 1:32:59,456 Std. (Schnitt: 197,566 km/h);
          2. Mark Webber (Australien) Red Bull + 0,765 Sek.;
          3. Fernando Alonso (Spanien) Ferrari + 7,124;
          4. Lewis Hamilton (England) Mercedes + 7,756;
          5. Kimi Räikkönen (Finnland) Lotus + 11,257;
          6. Felipe Massa (Brasilien) Ferrari + 14,573;
          7. Adrian Sutil (Gräfelfing) Force India + 16,335;
          8. Daniel Ricciardo (Australien) Toro Rosso + 16,543;
          9. Paul di Resta (Schottland) Force India + 17,943;
          10. Nico Hülkenberg (Emmerich) Sauber + 19,709;
          11. Pastor Maldonado (Venezuela) Williams + 21,135;
          12. Valtteri Bottas (Finnland) Williams + 25,094;
          13. Jenson Button (England) McLaren Mercedes + 25,969;
          14. Esteban Gutiérrez (Mexiko) Sauber + 26,285;
          15. Charles Pic (Frankreich) Caterham + 31,613;
          16. Jules Bianchi (Frankreich) Marussia + 36,000;
          17. Max Chilton (England) Marussia + 1:07,600 Min.;
          18. Giedo van der Garde (Niederlande) Caterham + 1:07,700;
          19. Romain Grosjean (Frankreich) Lotus + 1 Runde;
          20. Sergio Perez (Mexiko) McLaren Mercedes + 5 Runden

          Ausfälle: Jean-Eric Vergne (Frankreich) Toro Rosso (36. Runde); Sebastian Vettel (Heppenheim) Red Bull (42. Runde/Getriebeschaden)
          Schnellste Rennrunde: Mark Webber (Red Bull) 1:33,401 Min.
          Pole Position: Lewis Hamilton (Mercedes) 1:29,607 Min.

          Fahrer-Wertung nach 8 von 19 Rennen:
          1. Sebastian Vettel 132 Pkt.
          2. Fernando Alonso 111
          3. Kimi Räikkönen  98
          4. Lewis Hamilton  89
          5. Mark Webber  87
          6. Nico Rosberg 82
          7. Felipe Massa 57
          8. Paul di Resta 36
          9. Romain Grosjean  26
          10. Jenson Button 25
          11. Adrian Sutil 23
          12. Jean-Eric Vergne 13
          13. Sergio Perez 12
          14. Daniel Ricciardo 11
          15. Nico Hülkenberg  6

          Team-Wertung nach 8 von 19 Rennen:
          1. Red Bull 219 Pkt.
          2. Mercedes 171
          3. Ferrari 168
          4. Lotus 124
          5. Force India  59
          6. McLaren Mercedes 37
          7. Toro Rosso 24
          8. Sauber  6

          Nächstes Rennen: GP von Deutschland am 7. Juli auf dem Nürburgring

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