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Hamilton gegen Rosberg : Erst Vollkontakt, dann Büßerbank

  • -Aktualisiert am

Fahrer oder Kommandostand – wer lenkt bei Mercedes? Bild: Reuters

Sollten sich Lewis Hamilton und Nico Rosberg wieder in die Quere kommen, droht eine Strafe. Eine mögliche Sperre für ein Rennen ist nach F.A.Z.-Informationen Teil der Absprachen nach dem Unfall der Mercedes-Piloten zuletzt.

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          Mercedes meint es ernst. Aber die Drohungen schlugen ihm nicht aufs Gemüt. Fröhlich plauderte Nico Rosberg am Donnerstag über das erste Diskussionsthema der Formel 1: Wie bekommt der Rennstall ihn und seinen Teamkollegen Lewis Hamilton in den Griff vor dem Großen Preis von Großbritannien an diesem Sonntag in Silverstone (14.00 Uhr / Live bei RTL, Sky und im Formel-1-Ticker bei FAZ.NET)?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Wie verhindert die Kommandozentrale der Silberpfeil-Fraktion die zuletzt latente Bereitschaft zur Selbstzerstörung auf dem Weg zum Sieg? Dreimal in den vergangenen fünf Grand Prix gerieten die beiden ersten WM-Kandidaten mit ihren fragilen Boliden aneinander, in Barcelona landeten sie bedröppelt im Kiesbett, statt als strahlende Repräsentanten des Konzerns vom Siegerpodest zu winken. Am vergangenen Sonntag verlor Rosberg in Österreich beim Zweikampf mit Hamilton den Frontflügel in der letzten Runde. Das Publikum jubelte, der Teamchef ballte die Faust.

          Und so trat Torger „Toto“ Wolff in Silverstone wie ein strenger Schiedsrichter im Sinne des Rennstalls an die Öffentlichkeit: „Letzte Warnung“ und „Gelbe Karte.“ „Es wird auch unter den neuen Regeln weiter tolle Duelle geben“, sagte Rosberg. Da sprach der Konzern-Pilot, wie man ihn kennt. Konziliant, zwei, drei Schritte weiter denkend. Der WM-Führende kann sich arrangieren mit einem Wettrennen, das beim Verlöschen der Startampel (rot) für die Silberpfeil-Piloten unter dem Eindruck eines drohenden Abend-Rots am Horizont abläuft: Tausendmal berührt im Rennfahrerleben, tausendmal ist kaum was passiert.

          Aber beim nächsten Mal macht es nicht „Zoom“, wie Klaus Lage seinerzeit die Entdeckung der Liebe besang, sondern vielleicht rums: Denn nach Gelb kommt Rot, gemeinhin das Synonym für den Platzverweis. „Details“ zu „drastischen Maßnahmen“, die Mercedes anwenden will im Fall eines weiteren Crashs unter Teamkollegen, wollten weder Fahrer noch Teamchef ausplaudern. „Privatsache“, warf Hamilton ein. Wolff sprach von „finanziellen wie sportlichen Konsequenzen“.

          Verbannung auf die Couch ist möglich

          Aber Geldstrafen für Millionäre? Hamilton erhält - geschätzt - 30 Millionen Dollar im Jahr, Rosberg wenigstens die Hälfte. Sie fahren nicht wegen der Gage. Die Aussicht auf ein Knöllchen selbst in Millionenhöhe mag sie wenig bremsen. Eine Sperre für ein Rennen aber, nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist die mögliche Verbannung auf die Couch Teil der Absprachen, hätte eine ganz andere Wirkung - die von Wolff erhoffte: „Wird sich bei der Frage, wie man jemanden angreift, nicht etwas ändern, wenn man weiß, was bei einer zweiten Gelben Karte passiert?“

          In gut 60 Grand Prix sind sich Hamilton und Rosberg bislang fünfmal zu nahe gekommen. Wolff ist der Überzeugung, dass die „besten Fahrer“ der Welt selbst bei Tempo 300 im Parallelflug auf eine Kurve einen Sicherheitsabstand halten können, ohne die Quintessenz des Rennens zu unterlaufen. Nämlich Vollgas-Sport zu bieten, so wie ein Verteidiger im Strafraum dem schussbereiten Stürmer den Ball vom Fuß spitzelt und nicht den Körper des Gegners wegrammt oder gar die Hände zu Hilfe nimmt. Soll aber vorkommen selbst unter Weltmeistern. Und dann?

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          Die Abschreckung zur Sicherung des maximalen Teamerfolges funktioniert bei intelligenten Piloten nur, wenn die Androhung einen realistischen Hintergrund hat. Glaubt Hamilton an die Gefahr, auf der Büßerbank zu landen, oder Rosberg an eine vorübergehende Strafversetzung: eine Runde im Manor im Tausch gegen den Mercedes-Protegé Pascal Wehrlein? Dass nicht jeder weitere Vollkontakt gleich zur öffentlichen Kreuzigung führen wird, ergibt sich aus den Erläuterungen Wolffs. Mercedes lässt sich einen Spielraum bei der Be- und der Verurteilung. Aber im schlimmsten Fall, etwa dem nächsten Doppelabflug ins Kiesbett, wird Wolff nicht umhinkommen, wahr zu machen, was er angekündigt hat.

          Wie aber lässt sich eine Bestrafung begründen, wenn die Streckenkommissare einen Rennunfall konstatieren und auf eine Schuldklärung verzichten? Sollen dann beide aussetzen? Soll Hamilton nach einer teaminternen Verkehrsgerichtsverhandlung zuschauen, wie Rosberg konkurrenzlos zum Titel rauscht oder umgekehrt? „Wir wissen auch nicht, ob unser Versuch, die beiden besten Fahrer auf diesem Niveau weiterhin frei fahren zu lassen, funktioniert oder scheitert, das hat ja noch kein Team so lange durchgehalten“, sagte Wolff der F.A.Z.,„aber es ist klar, dass wir bei der Durchsetzung der Konsequenzen nicht wackeln werden.“

          „Fahrer kommen und gehen, die Teams bleiben“

          Diese Haltung schließt zwangsläufig juristische Auseinandersetzungen ein. Fahrer wie Hamilton oder Rosberg lassen sich den Einsatz im Boliden garantieren. Aber moderne Verträge enthalten Klauseln, mit denen sich die Teams ihre Entscheidung über die Besetzung der Cockpits von Grand Prix zu Grand Prix offenhalten können. Falls ein Pilot etwa dem Rennstall Schaden zugefügt haben sollte - bei einer verlustreichen Attacke auf den eigenen Teamkollegen. Der Bruch, die Trennung wäre zweifellos unvermeidbar. Mercedes weiß das, die Piloten auch.

          Im vierten Jahr unter der Führung von Wolff steht der Branchenführer in der spannendsten Phase auch für die Zuschauer: Ist es möglich, zwei Fahrer auf Augenhöhe ohne gefährliche Reibungsverluste frei gegeneinander um die WM fahren zu lassen? Lässt sich der jüngste Schwung dieses unterhaltsamen Phänomens auf höchstem Niveau erhalten? In der Vergangenheit entwickelten sich Rivalitäten unter solchen Konstellationen peu à peu zu erbitterten Feindschaften, die selbst ausgewachsene Rennställe ins Wanken brachten. Auch deshalb wirkt die Ankündigung von Wolff in aller Öffentlichkeit wie ein Signal. Es erinnert an die Haltung von Frank Williams, dem Teamchef des in den neunziger Jahren lange dominanten Rennstalls Williams: „Fahrer kommen und gehen, die Teams bleiben.“

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