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Rennen in Silverstone : Die Formel 1 geht neue Wege

Die Formel 1 macht in London Station. Bild: dpa

Die Formel 1 geht unter dem neuen Eigentümer in Sachen Marketing neue Wege. Nur Superstar Hamilton rührt die Werbetrommel nicht mit – und bekommt von den Fans prompt die Quittung.

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          Sie drückten sich ganz dicht an die Absperrgitter, filmten das Spektakel mit ihren Handys, und manch einer machte sogar Selfies mit einen seiner Helden: Zehntausende Fans waren am Mittwochabend in die Innenstadt von London gekommen, um die Formel 1 ganz nah zu erleben. „F1 - live“ – so nannten die neuen Macher der Rennserie diese Party, für die jedes Team Rennwagen aus verschiedenen Epochen und seine Fahrer schickte. Bis auf einen: Lewis Hamilton. Der Mercedes-Star fehlte ausgerechnet vor seinem Heimspiel beim Großen Preis von Großbritannien an diesem Wochenende.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Lewis meinte, dass er in so einem harten Titelkampf um die WM ist, dass er einen freien Tag brauche“, sagte Mercedes-Teamchef Toto Wolff. In London gab es Buhrufe und Pfiffe, wann immer der Name Hamilton fiel. Die Verantwortlichen von Liberty Media, seit Saisonbeginn neuer Eigentümer der Formel 1, hielten sich zumindest öffentlich zurück mit Kritik an dessen Entscheidung. Ganz sicher aber wird ihnen das Fehlen des einzigen Superstars der Serie nicht gefallen haben. Schließlich hat Liberty Media Großes vor mit der Formel 1. Der amerikanische Medienkonzern will die Rennserie wieder größer und erfolgreicher machen, für spannendere Rennen sorgen und so mehr Fans an die Strecken locken. Hamilton ist in diesen Plänen eine der Königsfiguren.

          Aber auch so lässt sich schon ein Kulturwandel erkennen. Vor einer Woche, beim Rennen in Spielberg, tauchte einmal mehr Bernie Ecclestone im Fahrerlager auf, aber kaum einer stellte sich zu ihm und unterhielt sich mit dem Sechsundachtzigjährigen. Jahrzehntelang hat der Brite die Geschicke der Formel 1 bestimmt, hat regiert wie ein Alleinherrscher – und wurde für diesen Stil zuletzt immer mehr kritisiert. Eine der ersten Entscheidungen von Liberty Media war es dann auch, Ecclestone als Geschäftsführer abzusetzen. Erst reagierte er mit Zynismus, sagte: „Die Formel 1 wird nun geführt wie eine Filiale von Starbucks.“ Aber dann kam sogar Ecclestone ein Lob über die Lippen: „Sie machen einen besseren Job als ich.“

          Lewis Hamilton fehlte bei der Fan-Party am Mittwochabend.
          Lewis Hamilton fehlte bei der Fan-Party am Mittwochabend. : Bild: AFP

          Tatsächlich ist auf einmal Bewegung, wo ansonsten Stillstand herrschte. Erst am Donnerstag gaben die Verantwortlichen eine globale Partnerschaft mit der digitalen Videoplattform Snapchat bekannt. Neben dem Rennen in Silverstone sollen so auch die Grand Prix in Singapur, Japan, den Vereinigten Staaten, Mexiko, Brasilien und Abu Dhabi auf Snapchat präsentiert werden. Es ist der erste Schritt der Formel 1 ins digitale Zeitalter. Etwas, das Ecclestone stets abgelehnt hatte. Auch deshalb sagte der neue Formel-1-Chef Chase Carey auf die Frage, was sich unter seiner Führung geändert habe schon vor Wochen: „Vor unserer Zeit lautete die Antwort auf jede Frage Nein. Wir sagen: Ja“

          Das hatte sich schon vor dem Event im Herzen von London abgezeichnet: Das Filmverbot rund um die Rennstrecke für Teams und Piloten wurde bereits vor der Saison aufgehoben; in Barcelona wurde ein kleiner Junge von der Tribüne ins Fahrerlager gebracht, nachdem er Tränen vergossen hatte, weil sein großes Idol Kimi Räikkönen früh ausgefallen war. So konnte er ihn sogar persönlich treffen; zudem werden ehemaligen Rennfahrer immer häufiger mit Eintrittskarten versorgt, sie sollen aktiv werben für den Rennsport.

          Die Verantwortlichen von Liberty Media haben erkannt, das Autorennen allein nicht mehr ausreichen, um die Fans für den Sport zu begeistern. Zum Rennen nach Silverstone kommen seit Jahren allein am Sonntag mehr als 100 000 Zuschauer. Dennoch waren es zu wenige, um die Kosten für den Formel-1-Grand-Prix zu decken. 2015 machten die Veranstalter vom British Racing Drivers Club (BRDC) einen Verlust in Höhe von 3,1 Millionen Euro, im vergangenen Jahr waren es sogar 5,4 Millionen Euro. In dieser Woche machte der BRCD deshalb von seiner Ausstiegsklausel für den bis 2026 laufenden Vertrag mit den Formel-1-Rechteinhabern (FOM) Gebrauch. Demnach würde 2019 der vorerst letzte Grand Prix in England gestartet werden. „Die Entscheidung wurde gefällt, weil das Rennen unter den aktuellen Bedingungen finanziell nicht tragbar ist. Das Fass ist voll“, erklärte der BRDC-Vorsitzende John Grant. Ohne die Kündigung wäre die Gebühr für das Rennen Jahr für Jahr um fünf Prozent gestiegen und hätte 2026 rund 28 Millionen Euro betragen.

          Mit dieser Entscheidung zwingen die Briten die Verantwortlichen der Formel 1 zumindest wieder an den Verhandlungstisch. Aber offenbar hat auch Londons Bürgermeister Sadiq Khan Interesse an einem Stadtrennen „Wir müssten einige Hürden überwinden, aber ich sehe keinen Grund, warum wir zukünftig kein Formel-1-Rennen in London organisieren könnten“, sagte er am Mittwoch. Nur so viel scheint vorerst sicher: Auf ein Rennen in Großbritannien wird Liberty Media kaum verzichten können.

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