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Formel 1 in Silverstone : Ein Crash mit Langzeitfolgen

Lewis Hamilton in Silverstone: Ein umstrittener Sieger Bild: AFP

Max Verstappen und Lewis Hamilton kollidieren in Runde eins – der Niederländer scheidet aus, der Brite holt sich den Heimsieg. Es ist ein Unfall, der den Kampf um die Weltmeisterschaft verändert. Dem Mercedes-Piloten wird Vorsatz vorgeworfen.

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          Lewis Hamilton als Fahnenschwenker. Flagge hatte er schon in seinem ultraschnellen Cabriolet namens Silberpfeil gezeigt. Im Cockpit fuhr er den Union Jack auf der Ehrenrunde spazieren, ehe der Engländer sich zu Fuß aufmachte, seinem Land auf englischem Rasen der Rennstrecke von Silverstone vor Tausenden begeisterten Zuschauern zu huldigen. Kurz zuvor hatte er auf dem Weg zum Sieg beim Großen Preis von England Charles Leclerc im Ferrari und den Teamkollegen Valtteri Bottas hinter sich gelassen.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          „Oh, das war so anstrengend, das beste Publikum. Ich danke Gott, dass es geklappt hat“, sagte Hamilton mit Blick auf voll besetzte Tribünen, auf die große Sause an einem schönen Sommernachmittag in Mittelengland. Wenigstens einer konnte das Rennen nur kurz genießen. Max Verstappen, der Rivale im Kampf um den WM-Titel, musste nach einer Kollision mit Hamilton zur Untersuchung ins Krankenhaus.

          Das zehnte Rennen der Saison bot zwei Kampfzonen. Die auf der Strecke und die hinter den Kulissen. In beiden flogen die Fetzen. Kaum hatte Verstappen in seinem Red Bull von der Pole-Position die Führung behalten, da attackierte Hamilton. Ihm blieb keine Wahl. In Silverstone ist das Überholen schwierig. Wer führt, hat alle Freiheiten, den Grand Prix zu dominieren. Schon in der ersten Kurve berührten sich die Autos der beiden. Eingangs von Brooklands lag Hamilton leicht vorne. Aber Verstappen hielt dagegen, zog nach innen und wieder vorbei. Atem anhalten, Luft holen. Die riesigen Videowände bringen den Zweikampf jedem der laut Veranstalter 140.000 Zuschauer nahe.

          Der entscheidende Moment: Lewis Hamilton und Max Verstappen berühren sich.
          Der entscheidende Moment: Lewis Hamilton und Max Verstappen berühren sich. : Bild: Reuters

          Etwa 90 Minuten, 52 Runden, soll dieses Spiel dauern. Nach rund 30 Sekunden ist es vorbei. In Cops berührt das linke Vorderrad des Silberpfeils das rechte von Verstappens Boliden, sofort knickt die Aufhängung ein, der Niederländer kreiselt in die Bande. Als sich der Staub gelegt hat, klettert er aus dem Wrack, schüttelt sich. „Beim Einschlag musste er 51g (das 51-fache seines Körpergewicht) aushalten. Ich bin froh, das nicht mehr passiert ist“, sagt Red-Bull-Teamchef Christian Horner und bezieht Position: „Für mich ist ganz klar. Lewis kann nicht in der schnellsten Kurve innen reinstechen, das kann man hier nicht machen.“

          Die zweite Kampfzone ist eröffnet. Mercedes hat längst Daten gesammelt und übermittelt. Sie sollen belegen, dass der siebenmalige Weltmeister für diesen Unfall nicht zur Verantwortung zu ziehen ist. Ein Crash bei Tempo 290 im Eifer des Gefechts? Während die Streckenpolizei noch brütet, die Ordner die Unfallstelle aufräumen, die Reifenstapel wieder sortieren und die Teams wieder Aufstellung nehmen, lässt der Sportchef von Red Bull das Fallbeil fallen: „Das war fahrlässiges bis gefährliches Verhalten“, behauptet der ehemalige Rennfahrer Helmut Marko, ein promovierter Jurist gegenüber dem Fachmagazin „Auto Motor und Sport“: „Das geht mit normalen Sportgesetzen nicht. Ich weiß gar nicht, was da die Höchststrafe wäre. So ein rücksichtsloses, gefährliches Verhalten gehört mit einer Sperre oder Ähnlichem bestraft.“

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          Die Streckenkommissare hatten eine andere Perspektive auf den Moment des Tages, mehrere: Von vorne, von hinten, von der Seite, von oben dank der Hubschrauberbilder. Sie sahen, dass Hamilton etwas Platz zur Rechten hatte. Dass Verstappen beim Einlenken auf der linken Seite das Lenkrad leicht zurückdrehte, als er den Silberpfeil erblickte. Ihr Urteil: zehn Sekunden Stillstand für den Briten an der Box. Einem Siegertypen wie Hamilton kommen solche Festsetzungen wie eine Ewigkeit vor. Verstappen verbrachte die meiste Zeit des Rennens in Behandlung. Schwindelgefühle bewogen Ärzte, genauer auf den Kopf zu schauen.

          Kopfschmerzen bleiben so oder so. Der schöne, mit dem Sieg beim ersten Sprintrennen am Samstag auf 33 Punkte ausgebaute Vorsprung des Herausforderers schrumpfte auf acht Punkte. Auch das tut weh. Im Rückblick der Saison könnte der Vollkontakt samt Kaltverformung als Zäsur erscheinen. Bis zum Treffen in England ließen sich die beiden ausreichend Platz, obwohl der Druck Rennen für Rennen wuchs.

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          Verstappen sieht erstmals in seiner Karriere die große Chance gekommen, Weltmeister zu werden. Hamilton erkennt in dem Niederländer eine Gefahr für seine Position als Chefpilot der Formel 1. „Die beiden werden sich nichts schenken“, sagt Mercedes‘ Teamchef Toto Wolff. Der Crash wird das Duell verändern. In den Augen der Red-Bull-Fraktion ist Hamilton der große Profiteur. „Die Strafe ist zu gering“, sagte Horner dem TV-Sender Sky: „Man muss sehen, was Max verloren hat. Das war ein verzweifelter Versuch von Lewis. Er kann den Sieg nicht genießen. Das hätte ich von einem siebenmaligen Weltmeister nicht erwartet.“ Der zog unbeeindruckt seine Kreise, überrundete Mick Schumacher (Letzter wegen technischer Probleme) und Sebastian Vettel, der nach einem Dreher auf Rang 17 lag, ehe er aufgeben musste. Nach der Buße vor dem ersten und einzigen Boxenstopp kehrte Hamilton als Vierter wieder auf die Strecke, ließ Lando Norris (Vierter) im McLaren schnell hinter sich, kam dann ohne Mühe an Bottas vorbei und jagte Leclerc im mitunter kurz zuckenden, ruckelnden Ferrari.

          Drei Runden noch: Hamilton tauchte formatfüllend im Rückspiegel des roten Renners auf. Zuschauer, dicht gedrängt auf den Tribünen stehen, staunten, raunten, jubelten ohrenbetäubend. Hamilton griff wieder auf der Innenseite an. Leclerc ließ ihm Spielraum, rutschte selbst kurz ins Abseits und blieb doch im Windschatten. Aber nicht lange. Der Mercedes ist zu schnell. Crash, Stillstand, Sieg, zum achten Mal in Silverstone. „Max ist sehr aggressiv“, sagte Hamilton im Ziel, „ich war auf einer Höhe mit ihm in der Situation, er hat mir keinen Platz gelassen.“ Was hatte Teamchef Toto Wolff am Freitag nach der überraschend schnellsten Rundenzeit seines Champions gesagt? „Das Imperium schlägt zurück.“ Red Bull fühlt sich im Gesicht getroffen.

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