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Ferrari in Silverstone : Das Eingeständnis eines Stillstands

  • -Aktualisiert am

Sebastian Vettel und Kimi Raikkönen blieben bislang hinter den Erwartungen. Doch die Fahrer sind nicht die Schuldigen. Bild: AFP

Vertragsverlängerungen zelebriert Ferrari normalerweise im September in Monza. Jetzt macht der Rennstall mit Kimi Räikkönen eine Ausnahme. Es zeigt den Druck, unter dem der Teamchef steht.

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          Maurizio Arrivabene überragt die meisten Ferrari-Mitarbeiter im Fahrerlager von Silverstone. Unter dem roten-Ferrari-Hemd zeichnen sich die breiten Schultern des Teamchefs ab. Da steht ein stattlicher Mann an der Spitze des berühmtesten Formel-1-Rennstalls. Als er am Freitag im Kreise von Kollegen spricht, spitzen die Zuhörer die Ohren. So mächtig und doch so leise, behutsam in der Wahl der Worte, mit fürsorglichen Gedanken: „Er hat zwar den Spitznamen Eismann, aber er ist auch ein Mensch“, sagt Arrivabene. Kimi Räikkönen ist gemeint, der Finne, den die Motorsportwelt seit dessen Formel-1-Premiere 2001 im Sauber-Team für die Inkarnation der Druckresistenz hält. Cooler geht’s nicht.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Räikkönens Chef tritt wie ein Seelendoktor auf: „Manchmal sollten wir uns in der Formel 1 bewusst werden“, säuselt er, „dass wir nicht mit Autos reden (sollten) - das macht der Computer -, sondern mit den Fahrern, den menschlichen Wesen. Selbst der Eismann ist ein menschliches Wesen mit Gefühlen. Ich denke, er hat den Druck gefühlt.“ Der soll jetzt weg sein. Nach einer Zusage des Fiat-Präsidenten am Telefon: Ferrari hat den Vertrag mit dem 36 Jahre alten Räikkönen kurz vor dem Großen Preis von Großbritannien an diesem Sonntag (14 Uhr/ Live bei RTL, Sky und im Formel 1-Ticker auf FAZ.NET) um ein Jahr verlängert. Er wird also auch 2017 mit Vettel im Team kreisen. „Gut so“, sagt der Hesse.

          Überraschend an der Nachricht ist der Zeitpunkt der Verkündung. Ferrari liebt es, die Abläufe zu bestimmen und Rituale zu zelebrieren. Das gehört zum Selbstverständnis. Wer wann im Allerheiligsten der Rennsportschmiede Platz nehmen darf, wird traditionell und feierlich im September, beim Aufmarsch der Honoratioren zum Großen Preis von Italien in Monza verkündet. Warum also die frühsommerliche Eile? Allein um die Schultern eines Champions zu entlasten, der sich von den ständigen Nachfragen und Geschichten um seine Ablösung angeblich nerven ließ?

          Der Druck auf den Teamchef wächst

          Räikkönen, das schildern Zeitgenossen, mit denen er mehrere Sätze am Stück redet, sei wesentlich sensibler, als es die Welt hat wahrnehmen wollen. Aber auch so gelassen und frei von einem Interesse an strategischen Spielchen und Intrigen, dass es eine Freude sei, wie Vettel gerne erzählt: „Ich würde sagen, dass Kimi und ich von allen im Paddock die geringsten Ego-Probleme haben.“ Vielleicht. Über ein unbestechliches Ego-Meter verfügt diese High-tech-Welt noch nicht. Sicher ist nur, dass die „Änderung der Tradition“ (Arrivabene) einiges über den Druck auf den Schultern des Teamchefs sagt. Ferrari sollte in dieser Saison, so lautet der Auftrag des Fiat-Präsidenten Sergio Marchionne, Weltmeister Mercedes herausfordern. Stattdessen kämpft der Rennstall mit Pleiten wie Pannen.

          Ferrari Teamchef Maurizio Arrivabene steht unter Druck

          Der SF16 ist zu langsam und zu gebrechlich, wie der nächste Getriebeschaden im Heck von Vettels Boliden am Samstag wieder vor Augen führte. So enteilt Mercedes. Und von hinten droht Gefahr. Als ein ständiger Formel-1-Beobachter Arrivabene am Freitag fragte, wie er denn gedenke, Red Bull einzufangen, ist der Nerv getroffen. „Red Bull? Sie meinen Mercedes, wir liegen vor Red Bull, keine Frage“, sagte Arrivabene indigniert mit Hinweis auf die (tatsächliche) Reihenfolge in der Konstrukteurswertung. Die wahre Majestätsbeleidung liegt allerdings schon ein paar Wochen zurück. Als die Silberpfeil-Crew in Barcelona in der ersten Runde von der Bahn ins Kiesbett schoss, gewann der 18-jährige Max Verstappen - im Red Bull. Der Spott traf die Italiener ins Mark: Nicht mal ein Ausfall von Mercedes reicht zum Sieg.

          An den Fahrern liegt das Scheitern nicht

          An den Fahrern liegt es nicht, dass die Renner mit den Brause-Millionen im Tank seit Mitte Mai immer wieder formatfüllend in den Rückspiegeln auftauchen. Fieberhaft versucht die Scuderia, ihren Leistungsschwankungen auf den Grund zu gehen. „Wir müssen die Reifen besser verstehen“, sagt Arrivabene mit Blick auf eine der technischen Schwächen: „Wir müssen uns auf das Auto konzentrieren und nicht auf die Bestätigung oder Nicht-Bestätigung von Fahrern. Deshalb ist die Vertragsverlängerung eine Botschaft der Stabilität.“ Und Ferrari offenbar nicht nur in der Schaltzentrale hinter Vettels Rücken fragil: „Wir haben jetzt eine gute Atmosphäre in einem fast neuen Team“, sagt Arrivabene, „wir wollen jetzt nicht etwas hineinbringen, was die Balance stören könnte.“

          Statt Mercedes Konkurrenz zu machen, kämpft Ferrari mit der eigenen Technik

          Erst das Auto, dann die Piloten: In Siegerzeiten dokumentiert diese Hackordnung das Selbstbewusstsein der stolzen Italiener. Im Moment aber spiegelt die Reihenfolge nur die Priorität bei den Reparaturarbeiten. Mit entsprechender Außenwirkung: Wer von Format am Lenkrad riskiert den Sprung an die Seite des viermaligen Weltmeisters Sebastian Vettel in einen so (vergleichsweise) schwer- wie anfälligen Boliden. Angeblich hätte Ferrari gerne Daniel Ricciardo oder Max Verstappen von Red Bull nach Maranello gelockt. Arrivabene aber tut nun so, als seien andere Piloten für 2017 gar „kein Thema“ gewesen. Was nicht vorstellbar erscheint angesichts des alltäglichen Mehrkampfs im Fahrerlager um die beste Position in Zukunft.

          Die WM 2016 ist längst gelaufen

          Insofern ist die Vertragsverlängerung für Räikkönen um ein Jahr auch das Eingeständnis eines Stillstands: Die WM 2016 gilt zur Halbzeit mit 103 Punkten Rückstand hinter Mercedes als gelaufen. Das schmerzt, schafft aber gleichzeitig (unfreiwillig) Spielraum für einen besseren Werbezeitpunkt. Denn die Crashkurse der WM-Kandidaten im Mercedes, Nico Rosberg und Lewis Hamilton, offenbaren die Grenzen des modernen Fahrer-Managements. Ferrari mag Mercedes kurzfristig zwar nicht einholen, aber mit etwas Geduld lässt sich vielleicht von der Sprengkraft der Mercedes-Dominanz profitieren.

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