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Formel 1 in Monza : „Mamma Mia!“

  • -Aktualisiert am

Der neue Held in rot: Alle lieben Charles Leclerc (r.) Bild: AP

Ferrari feiert mit Monza-Sieger Leclerc seinen neuen Helden. Vettel dagegen geht schwer geschlagen von dannen: Von sich selbst, wofür ihm der Spott sicher war, und von seinem jungen Teamkollegen.

          4 Min.

          Ferrari jubelte ausgelassen. Die Fans stürmten die Strecke, rannten zur Siegerehrung. Nur einem in Rot war nicht nach großer Freude zumute am Sonntagnachmittag in Monza. Sebastian Vettel, schwer geschlagen, von sich selbst und wieder vom zehn Jahre jüngeren Teamkollegen. Während Charles Leclerc zur 90-Jahr-Feier der Ferrari-Gründung den Großen Preis von Italien vor den Mercedes-Piloten Valtteri Bottas und Lewis Hamilton gewann, wurde der Hesse nur 13., überrundet nicht nur von den Größen der Formel 1. Weit vor ihm fand sich Nico Hülkenberg mit seinem Renault auf Rang fünf wieder. In der Fahrerwertung fiel Vettel (169 Punkte) hinter Leclerc (182) auf Rang fünf zurück. Hamilton führt 63 Punkte vor Bottas (221). Ferraris Fans, so sah es im Augenblick des Triumphes und des Desasters aus, feiern für den Moment einen neuen Helden.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Von Startplatz vier aus hatte Vettel eine Aufholjagd vor Augen. Eine kleine Revanche für das unglückliche Spiel beim Qualifikationstraining am Samstag. Er war als Mannschaftsspieler beim Windschattenfahren in Vorleistung getreten – und hatte vergeblich auf die Erfüllung der Absprache gewartet. Aber das Auto „fühlte sich gut“ an, gut genug für einen Fortschritt am Sonntag, wenn es zählt. Zunächst aber fiel der Hesse hinter Hülkenberg zurück, zog dann an seinem Landsmann zu Beginn der zweiten Runde locker vorbei. Mit einem Abstand von 3,5 Sekunden schoss Vettel hinter seinem Teamkollegen her, den die Mercedes-Piloten jagten.

          „Dann habe ich das Auto verloren“

          Aber in der siebten Runde drehte sich der viermalige Weltmeister in der Ascari-Schikane: „Eine kleine Unachtsamkeit, dann habe ich das Auto verloren.“ Bei dem Versuch, schnell wieder auf die Piste zurückzukehren, übersah er den heranfliegenden Lance Stroll im Racing Point. Der wich zwar aus, touchierte aber Vettels Frontflügel. „Was macht der denn da?“, rief der Kanadier via Funk. „Ich habe nix gesehen, aber es war nicht gut, wie ich auf die Strecke zurückgekommen bin“, räumte Vettel ein. Zu dem Schaden, ein Frontspoilerwechsel, der ihn auf den letzten Rang zurückwarf, kam eine Strafe wegen der „gefährlichen Rückkehr auf die Strecke“ dazu: zehn Sekunden Stillstehen in der Box. Für den Spott brauchte der 52-malige Grand-Prix-Sieger nicht zu sorgen. Der frühere Formel-1-Pilot Jolyon Palmer sagte ins Mikrofon der BBC, was er dachte: „Wie ein Amateur.“

          Überzeugend: Charles Leclerc (rechts) verteidigt seine Pole-Position und gewinnt das Rennen

          Am Samstag noch hatten die Fahrer sich gegenseitig den Vortritt gelassen. Anstatt auf die Jagd zu gehen, einen spannenden, packenden Kampf um die Pole Position zu bieten, zockelten sie um die Strecke, heimgesucht von Bremsattacken auf offener Strecke. Niemand wollte den Vorteil des Windschattens verschenken. Er kann die Rundenzeit um 0,3 bis 0,5 Sekunden drücken. Deshalb wirkte Vettels Rückstand als Vierter (0,15 Sekunden) und Windschattenspender für Leclerc nach dem ersten Durchgang im letzten Abschnitt wie ein Alarm auf die Vordermänner. Der Sprung auf die Pole Position schien mit Hilfe Leclercs möglich. Aber die Trödelgruppe verlor während ihres absurden Spiels so viel Zeit, dass mit Vettel acht von zehn Piloten nicht mehr rechtzeitig die Ziellinie für den letzten Run kreuzten, die Absprache bei Ferrari nicht umgesetzt wurde. So blieb Leclercs Bestzeit unangetastet. „Es ist schade“, sagte der, „aber ich glaube nicht, dass ich mehr hätte tun können.“

          Vielleicht. Die Bereitschaft, alles zu tun, um vorne zu bleiben, zeigte der Monegasse 24 Stunden später. Als Hamilton nach beider Boxenstopps angriff, als es so aussah, als könnte der Ferrari-Mann den Silberpfeil nicht mehr hinter sich halten. Auf dem Weg zur zweiten Schikane zog der Weltmeister auf der rechten Außenbahn auf die Höhe des roten Renners. Leclerc lenkte schnurstracks nach rechts vor dem Linksknick, touchierte den Mercedes und zwang Hamilton in den Notausgang. „Er hat mich rausgedrückt“, klagte Hamilton. Die Streckenpolizei zeigte Leclerc die schwarzweiße Flagge, eine Art Verwarnung. Der verstand die Welt nicht: „Für was?“

          Leclerc lernt schnell. So ist er durch die Nachwuchsklassen gesaust, hat 2018 bei Sauber die Formel-1-Lehre mit Bravour bestanden nach ersten Fehlern. Wiederholen gilt nicht. Am Sonntag spielte sein Österreich-Erlebnis eine Rolle. Auf dem Red-Bull-Ring war Leclerc auf den letzten Metern, den ersten Sieg in der Formel 1 vor Augen, noch von Max Verstappen (Red Bull) verdrängt worden. Auch nicht auf die feine Art. „Ich werde in Zukunft aggressiver fahren“, kündigte Leclerc an. Gesagt, getan, gefreut: „Ich finde es gut, dass wir härter fahren können“, sagte Lecelerc nach dem Sieg in Monza. An seinem Feiertag verdichtete sich aber der Eindruck, die Streckenkommissare meinten es gut mit dem 21-jährigen Aufsteiger des Jahres. 36. Runde: Unter Druck von Hamilton kürzt Leclerc die erste Schikane ab. „Das gefährliche Fahren wird fortgesetzt“, kommentierte Hamilton die Szene während der Jagd im Stile eines rasenden Reporters. Allein die Aufsicht des Internationalen Automobil-Verbandes sah diesmal keinen Grund einzugreifen. Wie sich die Zeiten ändern. Vor einem Jahr hatte Verstappen wegen des gleichen Manövers vor der Nase von Bottas eine Zeitstrafe erhalten: fünf Sekunden Aufschlag.

          Rennstrecke als Pilgerstätte: Ganz Monza in Rot

          „Ich habe Fehler gemacht, aber ich bin vorne“, sagte Leclerc unter dem Jubel der Ferrari-Fans. Seit 2010 (Fernando Alonso) hatte es keinen Ferrari-Sieg mehr in Monza gegeben. Hamilton war trotz seiner unbestrittenen Qualitäten mitunter ausgepfiffen worden, selbst oder gerade nach einem Sieg im Königlichen Park. Am Sonntag hätte er Michael Schumacher (ebenfalls fünf Erfolge) hinter sich lassen können. Aber die Hatz raubte ihm wohl für einen Moment den Nerv. In der 42. Runde verschätzte er sich bei Tempo 350 beim Anbremsen der ersten Schikane. Der nötige Zug durch den Notausgang verschaffte Leclerc eine Atempause für ein paar Runden. Bis ihm Hamiltons „Ersatzmann“ Bottas im Nacken saß, der Profiteur des Missgeschickes. Wieder einmal bot sich dem Finnen die Chance, die Arbeit des Chefpiloten zu erledigen, die Vertragsverlängerung gleich postwendend zu rechtfertigen. „Komm, Valtteri“, rief der Renningenieur in den Funk, „das ist dein Sieg.“ Aber kurz darauf drehte sich Teamchef Toto Wolff auf seinem Hocker in der Mercedes-Garage wie schmerzerfüllt zur Seite. Als könne er nicht mehr hinschauen. Auch Bottas verbremste sich. Ein typisches Bild an diesem Nachmittag. Und so sauste Leclerc glückserfüllt zu seinem zweiten Formel-1-Sieg und rief, was auch für Vettel galt: „Mamma mia.“

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