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Formel 1 in Monaco : Ritterschlag für eine Stadtrundfahrt

  • -Aktualisiert am

Auf Metallfühlung: ein Sicherheitsposten beobachtet Sebastian Vettel beim Arbeitsalltag Bild: REUTERS

Der Grand Prix von Monte Carlo ist nicht mehr zeitgemäß, aber noch immer das wichtigste Rennen der Formel 1. Zwischen den Leitplanken tasten sich die Piloten an die Haftgrenze vor. Nirgendwo zählt die Leistung des Fahrers mehr.

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          Die Leitplanken zittern. Die Luft vibriert. Es knallt. Die Zaungäste schauen Sebastian Vettel hinterher. Oder dem, was man gerade noch sieht. Der Formel-1-Bolide von Red Bull springt auf dem nächsten künstlichen Randstein leicht in die Höhe, wird nach links versetzt. Schon verschwinden Fahrer und Fahrzeug im nächsten Rechtsknick. Es bleibt der flüchtige Eindruck, dass Menschen, die in Cockpits auf Kniehöhe mit 220 Kilometern pro Stunde durch die Eingangskurve zwischen Hafenbecken und Schwimmbad von Monaco schießen, dem Wahnsinn nah sein müssen. Die Schnellsten trennen im Fürstentum nur Zentimeter von Leitplanken mit einem massiven Leid-Potential. Wer siegen will, darf also nicht ganz dicht sein – er muss fast auf Metallfühlung gehen. „Das“, sagt der frühere Grand-Prix-Pilot Gerhard Berger, „funktioniert nur mit Geistesgegenwart.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Einmal in Monaco gewinnen! Davon träumen sie alle. Von der Aufmerksamkeit des Publikums aus aller Welt, von der Begrüßung in der Loge des Fürsten, von der Erhebung in den Adelsstand des Motorsports. Ein Sieg im Fürstentum ist wie ein Ritterschlag. Dabei löst die Stadtrundfahrt bei den Piloten kaum Vergnügen aus. Es geht vergleichsweise langsam zu, selbst wenn die Polizei in diesen Tagen Einheimischen wie Nico Rosberg hier und da das Sechsfache der sonst zulässigen Höchstgeschwindigkeit erlaubt.

          Fahrern wie Sutil winkt der Sprung nach vorne

          Da fährt der in Wiesbaden geborene Monegasse deutscher Staatsangehörigkeit mit 300 quasi über seinen ehemaligen Schulhof und Spielplatz, durch die Häuserschluchten einen Steinwurf von seiner Wohnung entfernt: „Das ist schon ein komisches Gefühl.“ Und eine merkwürdige Verwandlung, der sich die Formel 1 für ein paar Tage im Mai hingibt. Sonst schwärmt sie von Hochgeschwindigkeitskurven, vom Leben am absoluten Limit. Nichts ärgert sie mehr als die Begrenzung des Freilaufs, Einengung und eine lähmende Vorhersehbarkeit. „Das Rennen kann sehr langweilig sein, man kann ja nicht überholen“, sagt Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen.

          Auf Metallfühlung: ein Sicherheitsposten beobachtet Sebastian Vettel beim Arbeitsalltag Bilderstrecke

          Und trotzdem räumt der Große Preis von Monaco, das Qualifikationstraining an diesem Samstag, besondere Chancen ein. Überholmanöver im großen Stil. Fahrern wie Jenson Button im herausragenden Brawn GP winkt die Aufnahme in den Klub der Stadtrundfahrt-Könige; Piloten wie Adrian Sutil im langsamen Force India ein Sprung nach vorne – vorbei an Rennwagen samt Besatzung, gegen die er auf konventionellen Pisten keine Chance hätte. „Natürlich braucht man auch hier ein gutes Auto“, sagt BMW-Mann Nick Heidfeld, „aber der Fahrer hat hier schon noch mehr Einfluss auf das Ergebnis als anderswo.“

          Permanente Justierung des Oberstübchens

          Am Donnerstag hat Rosberg Trainingsrunde auf Trainingsrunde für einen Augenblick nur den blauen Himmel über Monaco gesehen. Auf der Anfahrt hinauf zum Casino, kurz vor der Linkskurve, geht es nicht mehr um die rechte Einsicht, sondern nur noch um das richtige Gefühl. „Man lenkt blind ein“, sagt Weltmeister Lewis Hamilton. Seine Augen blitzen, er lächelt: „Ein Passagier würde wohl schreien.“ Weil sich der geneigte Mitfahrer bei Tempo 275 ohne Vorstellung vom weiteren Lauf der Dinge auf einer Himmelfahrt sähe? Die Piloten verlassen sich an dieser und anderen Stellen in Monaco auf ihren geistigen Weitblick. „Man muss viel mehr antizipieren“, sagt Rosberg, „wenn du den Punkt nicht triffst, schlägst du ein.“ Entsprechend vorsichtig nähern sich die Fahrer den psychischen und physikalischen Grenzen.

          Auf dem Nürburgring oder zuletzt in Barcelona riskieren sie schon mal bewusst den Ausritt in die riesigen Auslaufzonen, um die Grenze zu fühlen. „In Monaco“, sagt Red-Bull-Fahrer Mark Webber, „kommst du nicht zurück.“ Und so tasten sie sich Stück für Stück heran, falls der ständig aufsetzende Rennwagen das Vertrauen rechtfertigt. Er muss nicht der Schnellste sein, aber gutmütig, berechenbar, ausbalanciert. Rosberg hatte 2008 im Qualifikationstraining Spaß in seinem sonst unterlegenen Williams. Startplatz sechs verhieß ein gutes Ergebnis auf einem Kurs, der kam Überholmanöver zulässt. Stattdessen strandete Rosberg in den Leitplanken: „Ich hatte zu viel Selbstbewusstsein nach dem Qualifikationstraining. Ich habe zu viel gegeben.“ Neben Flügeln und Fahrwerk muss auch das Oberstübchen immer wieder für Monaco justiert werden: „Es gibt keinen Ruhe, keine Verschnaufpause.“

          Die Leistungsdichte verstärkt den Druck

          In diesem Jahr ist die Gratwanderung zwischen geforderter Aggressivität und gebotener Vorsicht noch schwieriger. Sebastian Vettel scheint gezwungen, in der Startaufstellung vor Jenson Button zu landen, will er den Kampf um den WM-Titel offen halten. Der Brite hat vier der ersten fünf Grand Prix gewonnen. Die potentiellen Hintermänner wollen unter allen Umständen vermeiden, in der Nähe eines „Kers-Autos“ in den 67. Großen Preis von Monaco zu starten. Das Energie-Rückgewinnungs-System gibt McLaren und Ferrari nicht nur den Extraschub beim Sprint zur ersten Kurve. Per Knopfdruck lassen sich auch deutlich schnellere Autos auf Abstand halten. In Monaco sowieso. Schließlich verstärkt die enorme Leistungsdichte 2009 den Druck. „Ein Fehler kann dein Auto kaputt machen“, sagt Heidfeld, „aber wer um ein, zwei Zehntelsekunden vorsichtiger fährt, wird gleich durchgereicht.“

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