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Formel 1 in Monaco : Gefährliche Liebschaft

  • -Aktualisiert am

Der monegassische Grand Prix: Fotogen seit 1929 Bild: REUTERS

Kein anderer Grand Prix liefert so viel Heldenstoff wie das Rennen von Monaco. Die Raserei durch die Straßenschluchten ist unvernünftig, aber sie lockt die Schönen und Reichen an und haucht der Formel 1 immer wieder neues Leben ein.

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          Es kommt nicht auf die Höchstgeschwindigkeit an, sondern auf die Nähe. Die besondere Nähe zu diesen brüllenden Boliden der Formel 1, den besten Piloten der Welt und ihrem Arbeitsplatz in Monaco: der Rennstrecke. Ein Heiligtum für Fans, eine Alltagsstraße für alle Monegassen. Auf keiner Piste der Welt mit einer vergleichbaren Geschichte fahren nachmittags Raketen auf Rädern um die Wette und abends vollbesetzte Familienkutschen mit ehrfürchtigen Freizeitpiloten. Oder haben Sie schon in der Nacht vor dem Tennis-Finale in Wimbledon den heiligen Rasen betreten?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Auf den Straßen von Monte Carlo steht man plötzlich mittendrin. Da knien Fans in der Anbremszone vor der Tabakkurve, um ganz frischen Reifengummi für die Vitrine daheim vom Asphalt zu kratzen, oder diskutieren die Historie dieser „Hall of Fame“ unter freiem Himmel. Formel-1-Honoratioren haben am Donnerstag die Geburtsstunde der Weltmeisterschaft mit Champagner gefeiert. Zur Erinnerung an das erste Rennen um WM-Punkte am 13. Mai 1950 – allerdings in Silverstone. Puristen verweisen nun gern auf eine kleine Irreführung. Formel-1-Rennen gab es ja schon seit 1947. Doch keiner bestreitet, dass Monaco der beste Ort ist für eine überzeugende Geburtstagsfeier. Weil die Raserei im Fürstentum der Formel 1 Jahr für Jahr etwas von ihrem (hoffentlich weiter) verblassenden Schrecken zurückgibt.

          Ein Mann mit dem Tarnnamen „Williams“ gewinnt den ersten Grand Prix

          Mit im Schnitt 160 Kilometern pro Stunde vorbei an mächtigen, unverrückbaren Gemäuern der Gründerzeit, vorbei am Casino wie an den modernen Yachten im Hafenbecken? Das provoziert ständigen Widerspruch, selbst unter Fahrern. „Es ist schon paradox: Da bemühen wir uns um mehr Sicherheit“, sagt Michael Schumacher, „und dann fahren wir hier. Aber es macht Spaß.“

          Der monegassische Grand Prix: Fotogen seit 1929 Bilderstrecke

          Seit 81 Jahren, seit ein Herr mit dem Tarnnamen „Williams“ 1929 das erste Rennen im Stadtstaat der Grimaldis gewann, gedeiht der Mythos der Geschichten. Über Männer wie „Williams“, später Spion der Briten im Zweiten Weltkrieg, über Rudolf Carraciolas Erfolge und Dramen im Silberpfeil der dreißiger Jahre bis heute. Dabei schrammte Monaco immer wieder haarscharf an Katastrophen vorbei: „Ich manövrierte mich durch das Gewusel“, berichtete der fünfmalige Weltmeister Juan Manuel Fangio über die Massenkarambolage mit neun Autos hinter der Tabakkurve.

          Monaco überlebt, weil es der Formel 1 Leben einhaucht

          Eine Welle des Mittelmeeres hatte die Fahrbahn unter Wasser gesetzt: „Ich sah einen Zuschauer, der den Marshals zu Hilfe eilte. Im Laufen warf er seine brennende Zigarette weg – in eine riesige Benzinlache! Ich duckte mich im Cockpit. Aber nichts passierte, die Glut der Kippe erlosch. Hätte sich das scheinbar unvermeidliche Flammeninferno ereignet – wir wären wohl niemals mehr auf dem Straßenkurs von Monaco gestartet.“ Das war 1950. Fangio gewann mit einer Runde Vorsprung.

          Monaco hat überlebt, weil es der Formel 1 Leben einhaucht. Kein Rennen hat kontinuierlich so hohe Einschaltquoten, obwohl in den Straßenschluchten nie die WM entschieden wird. Kein Grand Prix zieht mehr Geldadel an, obwohl viele Superreiche längst die Flucht ergriffen haben. Kein anderes Spektakel lockt mehr Stars der Schau-mich-an-Szene zur Startaufstellung, obwohl sie sich in Monaco auch unter Steuerkünstlern bewegen, die andernorts verfolgt würden.

          Man traut sich wieder

          Die Zeiten, in denen rund um den Grand Prix 55.000 Euro für fünf Nächte gezahlt wurden, mögen vorbei sein. Aber die Wirtschaftskrise des vergangenen Jahres, kombiniert mit der Sorge von Vorstandsvorsitzenden, beim Leben in Saus und Braus in Monaco nicht angemessen auf den Ernst der Lage zu reagieren, scheint überwunden. Am Freitag tauchte gar der Rennbetrüger Flavio Briatore wieder im Fahrerlager auf. Man traut sich wieder.

          Im Hafenbecken polieren Lakaien Luxusyachten. Ferraris, Lamborghinis, Porsches verstärken brüllend den Stau unterhalb des Palastes. Der schleppende Verkehr ist eine wunderbare Chance. So lange wird man selten bewundert. „Das ist ein Geheimnis von Monaco“, sagte Max Mosley, der frühere Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes, vor einiger Zeit dieser Zeitung. Mosley, stets in Sorge um Fahrer und Zuschauer, wäre niemals freiwillig mit der Formel 1 aus Monaco abgezogen. „Aber es ist klar, man würde eine solche Strecke nicht mehr in den Kalender aufnehmen.“

          Seit 1994 hat sich kein Fahrer mehr ernsthaft verletzt

          Die Unfallstatistik spricht nicht gegen Monaco. Seit Karl Wendlinger 1994 ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt und im Koma lag, hat sich kein Formel-1-Fahrer mehr ernsthaft verletzt. Das liegt an dem geringen Platz. Frontalcrashs im gefürchteten stumpfen Winkel sind kaum möglich. Die Leitplanken werfen kreiselnde Autos wie Flipperkugeln hin und her. „So wird die Energie langsam abgebaut“, sagt Mercedes-Testpilot Nick Heidfeld.

          Aber vor einem Aufstieg in den Himmel über Monaco graut es allen. Das kann passieren, falls ein Bolide auf den Hinterreifen eines beschleunigenden Kollegen rutscht. Solche Bilder werden ausgeblendet. So wie im jüngsten Jubiläumsbuch, überhaupt in vielen Publikationen über die Formel 1, fast nur Fotos von Siegern zu sehen sind. Oder von Alberto Ascari, wie er nach dem Flug samt Auto ins Hafenbecken (1955) tropfnass wieder an Land steht.

          Dabei hat Monaco tragische Momente erlebt. Den ersten tödlichen Unfall an einem Grand-Prix-Wochenende der Formel-1-Weltmeister (Luigi Fagioli 1952). Oder das furchtbare Unglück der Familie Bandini 1967. Die schwangere Frau von Lorenzo verlor nach dem Unfall des Italieners erst ihr Kind und drei Tage später den Mann. Bandini erlag seinen schweren Brandverletzungen. Trotzdem wird der Tragödie noch etwas Heldentum abgerungen. „Auf dem Weg zum Krankenhaus“, berichtete ein Formel-1-Historiker, „hat er Journalisten gesagt, sie sollten die Geschichte nicht aufbauschen. Das würde der Formel 1 schaden.“

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