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Formel 1 in Monaco : Faszinierendes Sinnbild der Unvernunft

Achtung, Schulweg: Rosberg auf heimischem Terrain Bild: AFP

Der Grand Prix von Monaco ist das kurioseste Rennen der Formel 1 - und auf und hinter der Strecke dem Wahnsinn ganz nahe.

          3 Min.

          Nirgendwo ist der Wahnsinn so nahe, er beginnt direkt hinter den vibrierenden Leitplanken - auf beiden Seiten. Dort tanzen die Boliden durch die Kurven, hüpfen über die Randsteine, rasen oft nur wenige Zentimeter an einem Totalschaden vorbei. Und manche Menschen haben auf einer der vielen Yachten im Hafenbecken nicht einmal einen Blick dafür übrig.

          Blondinen räkeln sich in der Sonne, Männer trinken Bier und schauen auf einen Bildschirm. Nur der Lärm stört die Ego-Spiele auf dem Boulevard der Eitelkeiten. Das Fernsehen und die Fotografen lieben diese Bilder, der Große Preis von Monaco ist ein einziger Widerspruch zwischen Kult und Klischee.

          Die einen rasen, die andern räkeln sich: Monaco lebt von seinen Widersprüchen

          An keiner anderen Rennstrecke im WM-Kalender kommen die Zuschauer den Stars der Szene näher, die günstigsten Tickets auf dem Fürstenhügel gibt es schon für fünfzig Euro. Gleichzeitig zieht kein anderes Rennen mehr Millionäre, mehr Stars und Möchtegern-Prominente an. Monaco ist so etwas wie der Hollywood-Grand-Prix der Formel 1. Weil er so viel Stoff für Heldengeschichten liefert.

          Ein Erfolg im Fürstentum kommt einem Ritterschlag gleich, Fürst Albert II überreicht dem Sieger in seiner Loge persönlich den Pokal. Im vergangenen Jahr wurde Sebastian Vettel (Red Bull) aufgenommen in diesen illustren Kreis.

          Red Bull hat drei Wochen an seinem Tempel gebaut

          Natürlich gibt es anspruchsvollere Pisten, aber keine liegt so sehr unter dem Brennglas der Weltöffentlichkeit, kein anderes Rennen hat so hohe Einschaltquoten. Weil es ein Irrsinn ist durch die engen Häuserschluchten mit einem mehr als 750 PS starken Boliden zu rasen. Doch genau das macht die Veranstaltung so faszinierend. „Es gibt nur dich, den Asphalt und die Leitplanken“, sagt Lewis Hamilton (McLaren). „Keine Achterbahn auf diesem Planeten kann einem auch nur annähernd das gleiche Gefühl vermitteln.“ In Monaco steigt Jahr für Jahr das vermutlich kurioseste Autorennen der Welt - komprimiert auf 3340 Meter Asphalt.

          Felsen, Schluchten, Millionäre: Und zwischen drin ein paar Boliden (Foto: Fernando Alonso im Donnerstagstraining)

          Allein schon die Kulisse. Schroffe Felsen, mächtige Hochhäuser, das azurblaue Meer, dazu die glänzenden Yachten im Hafenbecken. Direkt am Wasser an der Strecke haben die Teams ihre mächtigen Motorhomes aufgebaut, um ihre wichtigsten Gäste zu unterhalten.

          Das mächtigste von allen gehört dem Gute-Laune-Team Red Bull. Ein schwimmender Tempel mit einem kleinen Pool auf dem Oberdeck und Platz für mehr als 1000 Menschen: 800 Tonnen schwer, 1200 Quadratmeter groß - drei Wochen und fünfzig Männer sind nötig, bis alles den repräsentativen Ansprüchen entspricht. Über die Kosten des Projektes sprechen die Verantwortlichen nicht.

          Auslaufzonen? Gab es noch nie

          Es gibt zwei Fixpunkte in der Formel 1 - Ferrari und Monaco. Kein anderer Kurs erinnert stärker an die waghalsigen Zeiten der Vergangenheit. Auslaufzonen? Gab es noch nie.

          Am 7. Mai 1967 etwa kam Lorenzo Bandini am Eingang der Hafenschikane von der Strecke ab und prallte mit seinem Ferrari gegen einen Steinpfosten. Erst fing sein Rennwagen Feuer, Augenblicke später die Strohballen an der Streckenbegrenzung. Drei Tage danach erlag der Italiener seinen schweren Brandverletzungen. Noch auf dem Weg ins Krankenhaus soll er gefordert haben, seinen Unfall nicht bedeutender zu machen, als er war.

          Mai 1967: Lorenzo Bandini verunglückt eingangs der Hafenschikane

          Das würde der Formel 1 und Monaco nur schaden. Doch die Unfallstatistik spricht keinesfalls gegen Monaco. Seit beinahe zwanzig Jahren hat sich kein Formel-1-Fahrer mehr ernsthaft verletzt. Und so kommt der Zirkus immer wieder, in diesem Jahr feiert das Rennen in Monaco seinen Siebzigsten.

          Mehr als eine Handvoll der Piloten hat den Wohnsitz in das Steuerparadies verlegt, aber nur einer ist dort aufgewachsen: Nico Rosberg. „Aus meiner Wohnung, in der ich das ganze Jahr lebe, fahre ich mit dem Motorroller an die Rennstrecke und dann in meinem Silberpfeil mit 300 über meine Straßen. Das ist schon cool.“

          30.000 Euro für 150 Quadratmeter

          Vorbei an seiner ehemaligen Schule, vorbei am alten Spielplatz. Rosberg ist mit dem Reichtum groß geworden, schon als Teenager flog er oft mit dem Privatjet seines Vaters Keke zu den Rennen. Auch sein Mercedes-Teamkollege Michael Schumacher lebte einmal an der Côte d’Azur, suchte aber schnell wieder das Weite, weil Prunk und Protz nicht seine Welt sind.

          Drei Wochen Arbeit um einen Weltmeister zu präsentieren: Vettel auf dem Dach des Red-Bull-Motorhomes

          Rund 35.000 Einwohner, Menschen 119 unterschiedlicher Nationalitäten, drängeln sich in Monaco auf einer Fläche, die nur halb so groß ist wie der Englische Garten in München. Nirgendwo ist die Konzentration an Banken, Millionären, Feinschmecker-Restaurants, Juwelieren und Luxusautos höher.

          Eine Welt, die ihre eigenen Berufe kreiert. Es gibt Makler, die sich nur darum kümmern, Appartements für das eine Grand-Prix-Wochenende zu vermieten. Für eine 150 Quadratmeter große Wohnung verlangen sie bis zu 30.000 Euro, und beinahe jedes Team nimmt das Angebot dankend an, damit die Vip-Gäste entsprechend versorgt werden.

          Die ersten Reihen sind ein Muss

          Neben der deutschen Fußball-Nationalmannschaft soll an diesem Wochenende Schauspieler Will Smith nach Monaco kommen. Er würde in Nizza landen und vor dort mit dem Hubschrauber an die Strecke fliegen. Der Luft-Transport ist im Fürstentum das Taxi der Reichen, er ist schneller und unkomplizierter.

          „Wenn du jemanden zeigen willst: Das ist die Formel 1“, sagt Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug, „dann kommst du hierher.“ Monaco ist so etwas wie das Sinnbild der Unvernunft. Die Fahrer versuchen all das auszublenden, sich nur auf den Leitplanken diesem Samstag im Qualifying nicht für eine der ersten Reihen empfiehlt, hat kaum Aussicht auf einen Erfolg.

          Und wer den Gasfuß zu früh lupft sowieso nicht. Der ehemalige Weltmeister Mario Andretti hat einmal gesagt: „Wenn du in Monaco alles unter Kontrolle hast, dann bist du einfach nicht schnell genug.“ Beinahe die Kontrolle verlieren, um das Rennen zu gewinnen - noch so ein Widerspruch.

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